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«Wir brauchen viermal so viel»: Spital-Apothekerin Matousek spricht über Engpass

Marion Matousek ist Apothekerin im Spital Limmattal und dafür zuständig, dass derzeit ein Vielfaches an Medikamenten verfügbar ist.

Lydia Lippuner
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Zurzeit ist Spitalapothekerin Marion Matousek vor allem mit dem Einkauf der Medikamente beschäftigt, weil nur noch Kontingente geliefert werden.

Zurzeit ist Spitalapothekerin Marion Matousek vor allem mit dem Einkauf der Medikamente beschäftigt, weil nur noch Kontingente geliefert werden.

og/zvg/deg

Die Urdorferin Marion Matousek ist zwar schon seit neun Jahren in der Apotheke im Spital Limmattal tätig. In den letzten Wochen wurde aber auch ihr Arbeitsalltag aussergewöhnlich. Der Medikamentenbedarf stieg stark an. Gleichzeitig kämpft sie mit Lieferengpässen. Sie erklärt, woher die Medikamente in ihrer Apotheke stammen und wie sie mit Knappheit umgeht.

Wie hat sich Ihr Arbeitsalltag in den letzten Wochen verändert?

Marion Matousek: Zurzeit bin ich mit dem Einkauf der Medikamente beschäftigt. Insbesondere, weil nur noch Kontingente geliefert werden. Nun brauchen wir aber auf einmal viermal so viel Desinfektionsmittel wie im Normalfall. Auch Medikamente zur Intubation benötigen wir beispielsweise viel mehr. Denn momentan haben wir sechs ­Beatmete, im Normalfall nur maximal zwei. Diesen Patienten
werden kontinuierlich Medikamente verabreicht, da sie während der Beatmung beruhigt und sediert werden müssen.

Sie kaufen hauptsächlich lebenserhaltende Medikamente ein.

Ja, es geht vor allem darum, ­Leben zu erhalten. Doch im Endeffekt geht es immer um die Lebenserhaltung eines Individuums, nur die Umgebung verändert sich.

Die ganze Welt hat nun Bedarf an ähnlichen Produkten. Wie ist es um die Ver­fügbarkeit der Rohstoffe für diese Medikamente bestellt?

China und Indien stellen viele Wirkstoffe her. Sie haben ihre Produktion heruntergefahren. Auch die USA, ein grosser Produzent, verschickt zurückhaltender Medikamente.

Bei welchen Medikamenten zeigt sich die Knappheit vor allem?

Momentan haben wir bei 300 Wirkstoffen einen Engpass. Das heisst, diese sind nicht mehr erhältlich in der Schweiz. Deshalb wählen wir Alternativen oder beziehen diese Medikamente jeweils aus
den Nachbarländern. Bislang erhalten wir sie anstandslos. Zusätzlich zu diesem Problem gibt es eine Kontingentierung.

Das tönt dramatisch.

Ja, aber wir hatten bereits vor Corona eine so hohe Zahl an Lieferengpässen. Insofern
ist uns diese Situation bekannt und stellt im Zusammenhang mit Covid-19 kein zusätzliches Sicherheitsrisiko dar.

Was würde passieren, wenn Sie ein Medikament nicht mehr erhalten würden?

Momentan muss ich dem Lieferanten einige Male telefonisch versichern, dass die bestellten Medikamente nicht für mein Lager sind. Dann erhalte ich sie. Im schlimmsten Fall kann ich mich aber ans Bundesamt für die wirtschaftliche Landes­versorgung wenden. Dort könnten sie mir im Notfall mit ­Medikamenten aushelfen.

Könnten sich die Spitäler auch gegenseitig unter die Arme greifen?

In den letzten Tagen haben wir tatsächlich eine Liste im Kanton Zürich erstellt, in der jede Spitalapotheke ihren Bedarf und den Bestand an Medikamenten einträgt. So kann man sich gezielter aushelfen. Am Ende ist aber entscheidend, was der Bundesrat beschliesst, wie der Lockdown weiter verläuft.

Nicht nur Medikamente, auch Desinfektionsmittel waren immer wieder knapp.

In diesem Falle war es aber nicht das Mittel, das ausging, sondern zeitweise gab
es einfach zu wenig Behälter. Einmal fragte der Lieferant, ob ich auch einen 25-Liter-
Behälter nehmen würde. Natürlich wollte ich. Ich ­nehme zur Zeit alles.

Stellen Sie wie andere ­Apotheken auch Desinfektionsmittel her?

Nein, das machen wir nicht. Doch wir sammeln alte Desinfektionsflaschen, reinigen sie und füllen das Mittel ab.

Wie weit reicht Ihr momentanes Lager?

In Nicht-Corona-Zeiten habe ich genug Medikamente für einen bis drei Monate an Lager. Doch wenn man einen vierfachen Verbrauch hat, reicht das Lager manchmal nicht ­einmal für einen Monat.

Wie kommen Sie mit dieser Situation zurecht?

Für ein Produkt muss ich ­momentan etwa drei Telefonate führen. Von der Produktion
bis zur Lieferung muss alles klappen, das macht mich manchmal ein wenig nervös. Doch noch bin ich nicht müde und mittlerweile weiss ich auch, an wen ich mich wenden muss, um die Produkte zu erhalten.

Mit einem Medikament gegen Corona hätte sich die Lage in Ihrer Apotheke wohl am schnellsten beruhigt.

(lacht) Ich wurde immer wieder nach dem Ebola-­Medikament gefragt. In dieses wird momentan viel Hoffnung gesetzt. Doch es wird zur Zeit nur in drei Zentren in der Schweiz zu Studien­zwecken an Coronapatienten verwendet. Im Falle, dass es Wirkung zeigt, würde man es aber bestimmt schnell frei­geben.