Aesch

WEF-Zentrum ging über den Tisch von Astrid Heinrich

Bevor Astrid Heinrich ins Limmattal zog, hatte sie einen wichtigen Posten in der Davoser Regierung inne.

David Egger
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Astrid Heinrich arbeitet in der Direktion der Militärakademie der ETH Zürich in der Kaserne Birmensdorf.

Astrid Heinrich arbeitet in der Direktion der Militärakademie der ETH Zürich in der Kaserne Birmensdorf.

Alex Spichale

Von der roten Brille darf man sich nicht täuschen lassen: Astrid Heinrich ist eine Freisinnige. Die Aescherin arbeitet an der ETH-Militärakademie in Birmensdorf, als Assistentin des Direktors. Doch eine Limmattalerin ist sie nicht von jeher. Früher, als sie noch in Davos lebte, hatte sie regelmässig mit der Weltelite zu tun.

Zudem stand sie im Kreuzfeuer der Kritik, auch der eigenen Partei. Das kam so: 2001 wurde sie ins Davoser Parlament gewählt, den Grossen Landrat. Richtig prominent wurde sie 2003, in der Blütezeit grosser Demonstrationen gegen das Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos, dessen diesjährige Austragung gestern zu Ende ging.

Damals, vor 13 Jahren, lancierte die Davoser SP eine Initiative mit dem Ziel, dass das Stimmvolk über die Kosten von Grossanlässen in Davos abstimmen und damit dem WEF den kommunalen Geldhahn zudrehen kann.

2003: Volk sagt Ja zum WEF

Heinrich engagierte sich gegen die Initiative. Als Sprecherin des Komitees «Für das WEF in Davos» half sie mit, dem Stimmvolk auch die Vorteile des Grossanlasses für Davos zu zeigen. «Das fängt beim Metzger an, der in den drei Wochen vor und während dem WEF Rekordumsätze erzielt und geht bis zur Saison der Bauwirtschaft, die dank des WEF von Ostern bis Februar statt bis Dezember dauert», sagt Heinrich. Schliesslich sagten 68 Prozent der Davoser Ja zu den jährlichen Sicherheitskosten von damals einer Million Franken pro Jahr.
Heinrichs Einsatz kam an: 2005 wurde sie als Kandidatin für die Davoser Regierung nominiert, dem Kleinen Landrat. Und zog dann mit 37 Jahren als zweite Frau in die Exekutive. Als allererste Frau wurde sie Hochbauvorsteherin.

Die Sache mit dem HCD-Stadion

Ein heikles Ressort: Vom Vorgänger übernahm Heinrich diverse Projekte, die das Stadion des Hockey-Clubs Davos (HCD) betrafen. Allein die Sanierung der Nordtribüne kostete fünf Millionen Franken mehr als ursprünglich vorgesehen. Heinrich musste hinstehen. Allein. Sogar die eigene Partei drehte ihr den Rücken zu. «Da merkte ich, dass ich nicht für die Politik gemacht bin. All die unehrlichen Absprachen, die Händel und Polit-Spiele sind nicht meine Welt», sagt Heinrich heute. Und fügt an, dass es eine interessante Erfahrung gewesen sei. «Man merkt, auf wen man sich verlassen kann. Ich würde es wieder machen.»

Das hat auch damit zu tun, dass Heinrich schliesslich erfolgreich durch all die politischen Stürme segelte: Mehrmals sprach ihr das Volk das Vertrauen aus, indem es den Projekten aus dem Ressort Hochbau den Segen gab – von weiteren Stadionsanierungsprojekten bis hin zur Erweiterung des Kongresszentrums, in dem das WEF stattfindet – ein Riesending für fast 38 Millionen Franken, das 2009 wiederum mit 68 Prozent Ja-Stimmen-Anteil angenommen wurde. Kurz davor trat Heinrich zurück. Ein gutes Gefühl sei das gewesen: «Ich habe mein Ressort aufgeräumt und in besserem Zustand abgegeben, als ich es übernommen habe. Das darf ich schon so sagen.»

Vor ihrer Polit-Karriere arbeitete sie eine Zeit lang auch für das WEF: Sie schrieb während zwei Jahren den offiziellen WEF-Newsletter, der in die Bündner Haushalte verteilt wurde. In dieser Funktion war sie 2004 an den WEF-Gipfel in Warschau eingeladen: «Das war einer der eindrücklichsten Momente in meinem Leben. Warschau feierte damals auch seinen EU-Beitritt, das war richtig historisch.»

Dank ihres Sohns wurde Martullo-Blocher gewählt

Astrid Heinrich (49) ist in Davos geboren und aufgewachsen. Sie ist geschieden, hat zwei erwachsene Söhne (23 und 20) und lebt mit ihrem Partner in Aesch. Vor der Karriere in der Politik, beim WEF und im Kirchner-Museum war sie unter anderem im Tourismus und als Journalistin bei der «Davoser Zeitung» tätig.

Auch Sohn Luca ist Politiker: Er gründete die Kleinpartei Patriotisch Liberale Demokraten (PLD), so etwas wie eine Mischung aus FDP und SVP. Bei den Nationalratswahlen 2015 holte er 673 Stimmen, die dank einer Listenverbindung schliesslich an die SVP gingen und der Tochter von Christoph Blocher, Magdalena Martullo-Blocher, wesentlich zur Wahl nach Bern verhalfen. So kam es, dass Martullo-Blocher nach der Wahl Luca Heinrich einen entsprechenden Dankesbrief schickte.

UNO-Chef auf den Boden gebracht

Nachdem sie aus der Politik zurückgetreten war, war sie dann als Projektkoordinatorin und Medienverantwortliche beim Global Risk Forum Davos (GRF) tätig. Dort organisierte sie den sogenannten Refugee Run, eine Veranstaltung, in der die Politiker in kleinen Räumen auf dem Boden sitzen und für ein paar Stunden in das Leben eines Flüchtlings versetzt werden. «Während dieser Zeit hatte ich jeden Tag mit António Guterres zu tun, er war damals Chef des Hohen Flüchtlingskommissariats der UNO», erinnert sich Heinrich. Seit 1. Januar dieses Jahres ist der Portugiese nun UNO-Generalsekretär. Am Refugee Run nahm auch Ban Ki-Moon teil. So war Heinrich 2009 im gleichen Raum wie der aktuelle und der frühere Generalsekretär eingepfercht.

Das Kirchner-Museum geführt

Als sie dann später im Davoser Ernst-Ludwig-Kirchner-Museum arbeitete und dieses eine Zeit lang als Direktorin ad interim führte, gingen auch dort frühere und aktuelle Premierminister, Showstars und Wirtschaftsgrössen ein und aus – so zum Beispiel auch der ehemalige britische Premierminister Gordon Brown. «Es war eine anstrengende, aber unglaublich erfüllende Zeit», sagt sie.

Dann hiess es Adieu, Davos. Heinrich zügelte 2013 nach Aesch zu ihrem neuen Partner. Sie sagt: «Aesch ist ein lässiges Dörfchen und es gehört für mich auch hier dazu, mich für die Politik zu interessieren, gerade die Raumplanung ist hier spannend.» Sie ist Mitglied in der FDP Birmensdorf-Aesch und im Vorstand des örtlichen Frauenvereins. «Aber politische Ambitionen habe ich keine mehr.»