Urdorf
Wenn die Krankheit das Selbstvertrauen wegnimmt – diese zwei Frauen wollen dabei helfen, es zurückzuholen

Die Schlieremerin Cornelia Groth und die Bergdietikerin Andrea Winkler führen ihren Kosmetik- und Coiffeursalon direkt nebeneinander in Urdorf. Beide haben eine Ausbildung in ihrem Fachbereich gemacht, um Menschen, die an Krebs oder anderen Krankheiten leiden, zu helfen.

Hans-Caspar Kellenberger
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Cornelia Groth, Inhaberin des «Cosmeticum», links, und Andrea Winkler, Inhaberin der benachbarten «Inside Beauty Loft» in Urdorf, haben die Ausbildung zur onkologischen Kosmetikerin gemacht.

Cornelia Groth, Inhaberin des «Cosmeticum», links, und Andrea Winkler, Inhaberin der benachbarten «Inside Beauty Loft» in Urdorf, haben die Ausbildung zur onkologischen Kosmetikerin gemacht.

Severin Bigler

Die Diagnose Krebs stellt für Erkrankte eine Zäsur in ihrem bisherigen Leben dar. Die Chemotherapie führt dazu, dass beim Patienten die Haare – inklusive Wimpern und Augenbrauen – ausfallen. Auch die Haut wird arg in Mitleidenschaft gezogen. Sie spannt, neigt zu Juckreiz, ist anfällig für Entzündungen. Der Kampf gegen den Tumor ist aber nicht nur körperlich, sondern auch psychisch belastend. Die Kosmetikerin Cornelia Groth und die Coiffeuse Andrea Winkler wollen dabei helfen, Betroffene zu entlasten.

«Wir wollen den Patientinnen hier eine Auszeit bieten. Die Krebsbehandlung ist sehr zermürbend»,

sagt Cornelia Groth in ihrem Studio «Cosmeticum». Die Haut müsse beruhigt werden, brauche mehr Feuchtigkeit. Eine Anti-Aging-Behandlung könne sie zum Beispiel nicht machen, da das die Haut von Patientinnen zu sehr anregen würde. «Die Behandlung ist die gleiche wie bei anderen Kunden, aber an spezielle Bedürfnisse angepasst», sagt die Kosmetikerin. «Bei Massagen schaue ich zum Beispiel, ob die Lymphknoten entfernt wurden, oder ob die Patientin Narben hat.» Die speziellen Produkte für die Haut, die im Laden der 50-Jährigen vorhanden sind, sollen die Leiden lindern. Denn die Krebsbehandlung ist ein langwieriger Prozess. «Die Kundinnen sollen sich hier erholen und einfach mal wieder Frau sein können», sagt Groth.

Auch Andrea Winkler, Inhaberin des Coiffeursalons «Inside Beauty Loft», will helfen, den Stress, den die Kundinnen während ihres Kampfes gegen die Krankheit erleben, zu lindern. «Gerade bei Frauen definiert sich vieles über die Haare auf dem Kopf», sagt Winkler. Das Umfeld von Patienten wisse derweil oft nicht, wie es mit der Situation umgehen soll. Hier will Winkler Abhilfe verschaffen: «Es gibt so viele Möglichkeiten, gerade auch mit Perücken», sagt die 43-Jährige. «Kunden, die krankheitsbedingt eine kurzfristige Lösung brauchen, haben dabei nicht das gleiche Bedürfnis wie eine Kundin, die ihr Leben lang eine Perücke tragen wird», sagt Winkler.

Persönliche Geschichten führten zur Ausbildung

Beide Frauen hatten Begegnungen mit Krebskranken in ihrem persönlichen Umfeld. Cornelia Groth hörte zudem am Weltkongress des Fachverbands der Kosmetikerinnen einen Vortrag, bei dem es um die Behandlung krebskranker Kunden ging. Durch den Vortrag und die persönlichen Erlebnisse fällte Groth die Entscheidung, onkologische Kosmetikerin zu werden. Im April 2021 hat sie die Ausbildung in den USA abgeschlossen.

Die Kosmetikerin Cornelia Groth entschied sich, eine Weiterbildung im Bereich der onkologischen Kosmetik zu absolvieren.

Die Kosmetikerin Cornelia Groth entschied sich, eine Weiterbildung im Bereich der onkologischen Kosmetik zu absolvieren.

Severin Bigler

Für Andrea Winkler war eine Kundin ausschlaggebend, die an Brustkrebs erkrankt war und Haarausfall hatte. Sie konnte vor Weihnachten ihre Perücke nicht mehr anpassen. «Das hat mich sehr berührt, das war der Punkt, an dem ich die Ausbildung in Angriff nehmen wollte», sagt Winkler. Mit dem Thema Zweithaare hatte sie sich schon länger auseinandergesetzt. «Es sind ja nicht nur Chemopatienten, sondern auch Menschen mit anderen Immunerkrankungen, kreisrundem Haarausfall oder einfach Männer mit erblich bedingtem Haarausfall», sagt Winkler. «Die Menschen sind sehr dankbar, wenn man ihnen helfen kann.»

Andrea Winkler kümmert sich gemeinsam mit ihrer Kollegin in Urdorf um Krebspatienten.

Andrea Winkler kümmert sich gemeinsam mit ihrer Kollegin in Urdorf um Krebspatienten.

Severin Bigler

Was ist onkologische Kosmetik?

Onkologische Kosmetik wendet sich an Menschen, die sich in onkologischer Therapie befinden, also an Krebspatienten. Sie geht auf die individuellen Bedürfnisse der Patienten während oder nach einer Strahlen- oder Chemotherapie ein. Dazu werden Patientinnen und Patienten dabei unterstützt, sich mit dekorativer Kosmetik wieder schön zu fühlen. Neben der Pflege und Linderung von Beschwerden geht es bei Behandlungen im Rahmen der onkologischen Kosmetik darum, das ganzheitliche Wohlbefinden zu unterstützen. Krebspatientinnen und Krebspatienten kann die Behandlung dabei helfen, innerlich und äusserlich wieder zur Normalität zurückzukehren.

Die Aufklärung ist das Ziel

Den Beiden ist die Aufklärung über die kosmetischen Möglichkeiten bei einer Erkrankung wichtig. «Wichtig ist es, dass die Menschen überhaupt wissen, dass es das gibt», sagt Groth. «Ich bin zwar die einzige in der Schweiz mit genau dieser Ausbildung, aber in diesem Bereich gibt es noch viele andere», sagt sie. «Bei der Zürcher Krebsliga zum Beispiel, gab es keine Liste mit Kosmetikerinnen, auch wenn die Hautprobleme der Patientinnen teilweise massiv waren», sagt Groth. «Uns ist es wichtig, hier einen Beitrag zu leisten, wenn sich jemand nicht mehr wohlfühlt in seiner Haut», sagt die Kosmetikerin. Gerade das psychische Wohlbefinden werde dabei zu wenig beachtet. «Deshalb biete ich zum Beispiel auch ganz normale Gesichtsbehandlungen für Erkrankte an, damit sich diese einfach wieder einmal schön fühlen können», sagt Groth.

Das Gleiche wie für die Haut gilt auch für die Haare: «Zweithaare haben einen negativen Touch. Wir wollen da aufklären, den Menschen die Berührungsängste nehmen», sagt Winkler. «Das Optische ist dabei nur eine Seite, die psychische Belastung ist gewaltig», sagt die Coiffeuse.

«Ich kenne Frauen, die deswegen nicht mehr aus dem Haus wollen»,

sagt Winkler. Das Bewusstsein für die Möglichkeiten, die sich hier bieten würden, sei aber klein. «Jemand soll die Kundin begleiten, um ihr das Sicherheitsgefühl zu geben», sagt die Coiffeuse.

Angebot läuft bereits

«Wir werden auch Termine ausserhalb der Öffnungszeiten anbieten, um Privatsphäre für die Kunden zu schaffen», sagen die Beiden. Das Behandlungsangebot läuft aber bereits und gilt sowohl für Krebspatienten als auch für Menschen mit anderen Erkrankungen, die Haut und Haare angreifen. «Wir können niemanden heilen, aber dafür schauen, dass sich Menschen in ihrer Haut wohler fühlen», sagen die Beiden. Ein Teil der Einnahmen der beiden Läden an der Schlierenstrasse 6 in Urdorf, sollen im Brustkrebsmonat Oktober der Krebsliga gespendet werden.

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