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Bergdietiker Tourguide im hohen Norden: «Auf Spitzbergen vermisse ich manchmal grössere Berge oder einen Wald zum Joggen»

Fabienne Meier arbeitet im Tourismusbüro ihres Partners Christian Bruttel auf Spitzbergen. Im Frühsommer waren sie auf einer Expedition durch die Eiswüste. Über diese Extremerfahrung schrieb die Bergdietikerin einen Blog, ihr Partner nutzte die Tourismusflaute, um ein Buch über Spitzbergen zu verfassen.

Lydia Lippuner
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Grüner statt weisser Hintergrund: Fabienne Meier und Christian Bruttel haben ein Touristenbüro auf Spitzbergen, nun sind sie für einen kurzen Heimaturlaub in Bergdietikon.

Grüner statt weisser Hintergrund: Fabienne Meier und Christian Bruttel haben ein Touristenbüro auf Spitzbergen, nun sind sie für einen kurzen Heimaturlaub in Bergdietikon.

Lydia Lippuner

Nach knapp einem Jahr auf Spitzbergen ist Fabienne Meier wieder einmal bei ihren Eltern in Bergdietikon auf Besuch. Als sie in der Schweiz aus dem Flughafen kam, sah sie viele Leute, die sich in dicke Mäntel und Schals gehüllt hatten. Doch für Meier herrschen hier sommerliche Temperaturen. Die gelernte Kauffrau folgte vor drei Jahren ihrem Herzen und wanderte zu ihrem Partner Christian Bruttel nach Longyearbyen in die nördlichste Siedlung der Welt aus. Seither arbeitet sie im Team der norwegischen Reisefirma «Spitzbergen Reisen» mit, das ihrem Partner gehört. Spitzbergen oder wie die Norweger sagen, «Svalbard», das so viel wie «kalte Küste» bedeutet, wurde längst zu ihrer Heimat.

Die Reiseführer nutzten die Touristenflaute wegen der Coronapandemie, um eine längere Expedition zu unternehmen. Sie trainierten, trockneten Essen und planten das Abenteuer minutiös. Im April zogen Meier, Bruttel und eine weitere Gruppenführerin los. Sie wanderten in sechs Wochen mit Schlitten, Zelt und Skiern vom einen Ende der Insel zum anderen. Es war ihr zweiter Anlauf. Den ersten, bei dem sie noch eine grössere Gruppe waren, mussten sie notfallmässig abbrechen, da sie von einem Eisbären überrascht wurden. Aber auch die zweite Expedition ging ganz reibungslos vonstatten. So zwang sie ein Schneesturm, während fünf Tagen im Zelt zu bleiben. Aufgrund von solchen Zwischenfällen wie diesen erreichten sie schliesslich mit zwei Wochen Verspätung die Geisterstadt Pyramiden am nordöstlichen Zipfel der Insel.

Trotz üppigem Essen nahmen sie zehn Kilo ab

Dort angekommen, haben sie zum ersten Mal wieder ausgiebig geduscht, einen Shot Vodka getrunken, gut gegessen und lange in einem Bett geschlafen. Das war Luxus: «Trotz üppiger Mahlzeiten aus selbstgetrocknetem Essen und richtig viel Schokolade haben wir auf der Tour zehn Kilo abgenommen», sagt Bruttel. Als Erstes hätten sie sich wieder an die Klospülung, den Lichtschalter und das Essen gewöhnen müssen. «Es geht jedoch sehr schnell, bis man wieder alles für selbstverständlich nimmt», sagt Meier. Dabei sei die Expedition wohl ein einmaliges Erlebnis gewesen, das nur dank Corona zu Stande gekommen ist. Meier verfasste zu Hause einen Blog über diese Zeit. Bruttel nutzte die Zwangspause, um gemeinsam mit den Filmemachern Silke Schranz und Christian Wüstenberg ein Buch zu veröffentlichen. Nun liegt der blaue Bildband «Spitzbergen – Arktische Abenteuer unter Nordlicht und Mitternachtssonne» vor ihnen. Meier sagt:

«Es ist das erste Mal, dass wir das Buch sehen.»
Grünes Spektakel: In den Monaten Oktober und Februar kann man in der Nacht das Nordlicht beobachten.
8 Bilder
Kein Sonnenstrahl sichtbar: In Longyearbyen, der nördlichsten Stadt der Welt, ist vom 11. November bis zum 30. Januar Nacht.
Vom Klimawandel bedroht: Auf der Inselgruppe werden nun aber wieder mehr Rentiere gezählt. Etwa hundert Jahre nachdem die Art stark dezimiert wurde, scheint sich die Population wieder erholt zu haben.
Erfinderisch in der Kälte: Der Polarfuchs wickelt seinen buschigen Schwanz im Winter wie einen Schal um sich. So kann er auch Extremtemperaturen von bis zu minus 50 Grad überleben.
Ausdauernde Wanderer: Polarfüchse haben teilweise ein ausgeprägtes Wanderungsverhalten und legen weite Strecken zurück.
Schwergewichte auf Eisschollen: Auf Spitzbergen soll es rund 1000 Seehunde geben. Sie bringen bis zu 100 Kilo auf die Waage.
Zerklüftete und eingeschneite Landschaft: Mehr als 60 Prozent der Landfläche von Spitzbergen sind von Gletschern bedeckt.
Ein Ergebnis der Corona-Zwangspause: Christian Bruttel schrieb mit zwei Filmemachern ein Buch. Während des Urlaubs in der Schweiz konnte er es zum ersten Mal ansehen.

Grünes Spektakel: In den Monaten Oktober und Februar kann man in der Nacht das Nordlicht beobachten.

Christian Bruttel

Nachdem die Coronapandemie den Tourismus auf Spitzbergen fast zum Erliegen gebracht hatte, ziehen die Besucherzahlen auf der Insel wieder an. Für die kommende Saison seien beinahe alle Plätze ausgebucht. «Wir bilden meist kleinere Gruppen und achten darauf, dass wir die Sprachen und Interessensgebiete nicht mischen. So können wir ein individuelleres Programm anbieten», sagt Bruttel. Der gelernte Arctic Nature Guide arbeitete zuvor bei einer der grössten Touristenagenturen der Insel, dabei merkte er, dass in gemischten, grossen Gruppen die Bedürfnisse der Gäste oft nicht vollständig befriedigt werden können. Die Preise ihres Büros seien nun zwar ein wenig höher als landesüblich, dafür werde man nicht in der Masse abgefertigt. «Ist eine Gruppe in sich stimmiger, findet man viel schneller eine passende Lösung für alle», sagt Meier.

Hauptsache, alle erreichen das Ziel

Die Tour im Sommer habe ihr wieder gezeigt, wie kreativ man draussen im endlos weissen Nichts sein könne, sagt Meier. Sie habe aber auch am eigenen Leib erfahren, wie man an die Grenzen kommen kann. «Ich bin mir ja einiges gewöhnt, da ich früher internationalen Leistungssport betrieb. Doch das war nochmals etwas anderes», sagt Meier. Beim Kochen im Zelt habe sie sich jeweils ein wenig sortieren können, manchmal habe sie aber auch einfach in die Einsamkeit geschrien. Auf einer solchen Expedition könne man gar nicht immer stark sein, sagt auch ihr Partner.

«Es geht nicht darum, dass alle gleich viel Gepäck durch den Schnee ziehen, sondern mit gleicher Kraftreserve gemeinsam am Ziel anzukommen.»

Manchmal übernehme man zusätzliches Gepäck, ein andermal gebe man Ballast ab.

Wenn die beiden in der Stube von Meiers Eltern über ihre Erlebnisse reden, spürt man ihre Begeisterung für die Insel und den Outdoor-Sport. Fabienne Meier schaut zum Fenster hinaus auf das Limmattal. Vor ihr liegt eine herbstliche Landschaft. «Auf Spitzbergen vermisse ich manchmal grössere Berge oder einen Wald zum Joggen», sagt sie. Aufgrund des Permafrosts wachsen die Pflanzen im hohen Norden meist flach am Boden. Doch wenn sie zu Besuch in der alten Heimat sei, vermisse sie die weisse Weite Spitzbergens und die frische arktische Luft. «Im Moment gehören wir aber klar nach Spitzbergen», sagt Meier.

Der Bildband «Spitzbergen – Arktische Abenteuer unter Nordlicht und Mitternachtssonne» von Christian Bruttel, Silke Schranz und Christian Wüstenberg ist unter spitzbergen-reisen.no und buchhaus.ch für rund 43 Franken erhältlich.

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