Begegnungszone

Nimmt sich Schlieren ein Beispiel an Horgen? Dort fährt man gut mit Tempo 20

Die geplante Begegnungszone am Schlieremer Bahnhof ist umstritten. Erfahrungen anderer Gemeinden des Kantons mit diesem Regime sind jedoch durchwegs positiv.

Alex Rudolf
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Was am Horgner Bahnhof bereits seit 2009 besteht, möchte der Stadtrat auch in Schlieren: eine Tempo-20-Zone.

Was am Horgner Bahnhof bereits seit 2009 besteht, möchte der Stadtrat auch in Schlieren: eine Tempo-20-Zone.

Alex Rudolf

Auf der Güterstrasse beim Schlieremer Bahnhof soll zwischen Engstringerbrücke und Personenunterführung der SBB ein Tempo-20-Regime eingeführt werden. Das ist der Plan des Stadtrates, den er vergangene Woche bekannt gab. Die Reaktionen von Gewerbevereinen liess nicht lange auf sich warten. Das Gebiet würde bei einem Tempo-20-Regime, wo die Fussgänger stets Vortritt geniessen, für Autofahrer zum Spiessrutenlauf, monierten sie.

Wegen der Möblierung der Strasse durch Bäume und Sitzbänke leide die Übersicht und somit auch die Sicherheit. Auch werde das Wirtschaftsgebiet östlich der Engstringerbrücke auf diese Weise zu wenig gut erschlossen. Plante der Stadtrat zu leichtsinnig und verlor dabei die Sicherheit der Fussgänger aus den Augen? Oder malen die Gegner aus den Reihen der Wirtschaftsvereine und dem Hauseigentümerverband schwarz?

Ein Blick in die Zürcher Gemeinden zeigt, dass es sich um ein Erfolgsmodell handelt. Mitte der 1990-er-Jahre wurde die erste Begegnungszone mit Tempo 20 der Schweiz nach französischem Vorbild beim ebenfalls gut frequentierten Burgdorfer Bahnhof gebaut. Wie es auf der Website www.begegnungszonen.ch heisst, hätten in der Folge zahlreiche Schweizer Gemeinden Interesse an dieser Mischverkehrform gezeigt, sodass Anfang 2002 die Signalisationsverordnung geändert wurde und fortan die Begegnungszone im Schweizer Verkehrsrecht vermerkt war.

Gelungenes Modell in Horgen

Seither entstanden schweizweit Hunderte von Begegnungszonen, wie der Verein Fussverkehr Schweiz auf seiner Website schreibt. Neben Beispielen aus Schweizer Altstädten, in der Nähe von Schulen und in Wohn- und Geschäftsquartieren listet der Verein auch solche bei Bahnhöfen auf. Drei davon befinden sich im Kanton Zürich. Die Tempo-20-Zonen bei den Bahnhöfen in Horgen und Männedorf werden von Begegnungszonen.ch gar als «Best Practice», also als besonders gelungene Beispiele aufgeführt. Jene in Horgen wurde im Jahr 2009 erstellt und zeichnet sich durch grosse Bodenmalereien des Künstlers Platino aus.

Würden Sie eine Begegnungszone am Schlieremer Bahnhof begrüssen?

Janick Ammann (16), Schlieren «Durch die Begegnungszone würde der Langsamverkehr gefördert werden. Weshalb also nicht? Da dann sowieso nur Tempo 20 erlaubt wäre, braucht es keinen Fussgängerstreifen. Die Fussgänger haben dann im ganzen Bereich Vortritt.»
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Freddy Kunz (69), Schlieren «Eine Begegnungszone am Schlieremer Bahnhof finde ich ein wenig überflüssig. Im Stadtzentrum wäre eine solche Zone relevanter. Der Stadtplatz soll ja bald mit dem Bau der Limmattalbahn umgestaltet werden. Ich freue mich sehr auf das Ergebnis.»
Guido Angenendt (32) Schlieren «Ich bin Pendler und somit häufig am Schlieremer Bahnhof unterwegs. Eine Auffrischung des Bahnhofs mit Sitzbänken und Bäumen fände ich eine gute Sache. Ich denke, die Sicherheit der Fussgänger wäre mit einem Tempo-20-Regime gewährleistet.»
Roland Posch (45), Schlieren «Ich hätte nichts gegen eine Begegnungszone am Schlieremer Bahnhof. Das wäre sicherlich ein angenehmer Eingang zum Zentrum. Bänke und Bäume würden den Bahnhof aufhübschen. Angst um meine Sicherheit als Fussgänger hätte ich nicht.»
Erich Gut (57), Wohlen «Ich benutze normalerweise selten die Bahn. Deshalb ist eine Begegnungszone am Bahnhof für mich nicht von grosser Relevanz. So wie es jetzt ist, passt es für mich. Aber eine Begegnungszone im Stadtzentrum von Schlieren würde ich sehr begrüssen.»

Janick Ammann (16), Schlieren «Durch die Begegnungszone würde der Langsamverkehr gefördert werden. Weshalb also nicht? Da dann sowieso nur Tempo 20 erlaubt wäre, braucht es keinen Fussgängerstreifen. Die Fussgänger haben dann im ganzen Bereich Vortritt.»

Jefimija Djukic

Auch in Sachen Sicherheit zieht der Horgner Gemeindeschreiber Felix Oberhänsli ein positives Fazit. Auf Anfrage der Limmattaler Zeitung sagt er, dass es in den letzten acht Jahren zu keinen Personenunfällen, lediglich zu vereinzelten Blechschäden beim Parkieren gekommen sei. «Die Begegnungszone ist gut etabliert – wir würden sie jederzeit wieder einrichten.» Denn es gebe keine Lärmprobleme mehr und die angrenzenden Liegenschaften hätten an Attraktivität gewonnen. Doch: Sind auch die Gewerbler zufrieden mit dieser Lösung? Jrene Mehr, Präsidentin des lokalen Gewerbevereins sagt, dass die Situation nun eher besser sei als zuvor. «Die Menschen haben nun die Möglichkeit zu Verweilen. Dies ist auch gut für die Geschäfte», sagt sie. Kritische Stimmen habe sie bislang keine vernommen. Gemeindeschreiber Oberhänsli bestätigt dies.

Hier geht es zum Kommentar von Alex Rudolf

Nun besteht Rechtssicherheit

Ein weiteres Beispiel im Kanton Zürich findet sich in Bubikon. Für die Gemeinde sei die Begegnungszone eine gute Lösung gewesen, die aus der Bevölkerung ein positives Echo hervorbrachte, wie Matthias Willener, Schreiber der Oberländer Gemeinde auf Anfrage sagt.

Der Beweggrund der Gemeinde, eine Begegnungszone zu erstellen, seien die vielen Möglichkeiten bei der Platzgestaltung gewesen. «Es braucht ja kein Trottoir und keine Fussgängerstreifen. Bei uns ist das Resultat sehr schön geworden», sagt er. Ein weiterer Faktor sei aber auch die Rechtssicherheit gewesen. Denn bevor die Begegnungszone im 2014 eingeweiht wurde, liefen die Pendler zwischen Bushaltestelle und SBB-Banhof über die Strasse. «Es kam oft vor, dass Autos bis zu zwei Minuten warten mussten, bis die Fussgänger in ihren S-Bahnen oder Bussen waren.» Mit dem neuen Regime sei den Autofahrern nun klar, dass sie keinen Vortritt hätten und sie würden daher umsichtiger Fahren und somit die Sicherheit erhöhen. «Zu einem Unfall ist es daher noch nicht gekommen.»

1996...

...wurde die erste Begegnungszone der Schweiz in Burgdorf in Betrieb genommen. Damals noch unter dem Namen «Flanierzone» handelte es sich um ein Pilotprojekt. Ein erfolgreiches: Bereits 2002 wurde die «Begegnungszone» im Schweizer Verkehrsrecht eingetragen.

Viele würden fälschlicherweise denken, dass es sich bei einer Begegnungszone um ein Gebiet handle, in welchem Autos verboten seien. «Das schreckt ab.» Daher sei es zentral, dass genügend Parkplätze zur Verfügung stehen würden. In Bubikon sind es rund 15.

Nicht nur vonseiten der Gemeinden erhält die Begegnungszone gute Noten. Auch Rupert Wimmer, Geschäftsleiter der Abteilung Verkehrsplanung beim Brugger Büro Metron, hält sie für ein etabliertes Modell der modernen Verkehrsplanung. Metron war Mitte der Nullerjahre mit der Erstellung des ersten Stadtentwicklungskonzepts von Schlieren betraut. «Bereits damals sahen wir vor, um den Bahnhof eine Zone zu erstellen, die für alle Verkehrsteilnehmer attraktiv ist», so Wimmer. Dies, weil so Fussgänger, Auto- und Velofahrer gleichberechtigt seien und koexistieren könnten. Den Widerstand des Gewerbes kann er zwar nachvollziehen, denn bei Veränderungen gebe es diesen immer. «Es hat sich jedoch gezeigt, dass die Vorteile überwiegen. So kann das Geschäft weiterhin angefahren werden und gleichzeitig wird die Umgebung für die Fussgänger – ebenfalls potenzielle Kunden – attraktiver.»

Wie es mit dem Schlieremer Bahnhofsplatz weitergeht, steht in den Sternen. Die Gegner der Begegnungszone kündigten an, gegen die Pläne der Exekutive rekurrieren zu wollen.