Musikschule Limmattal
«Meine Schüler fehlen mir»: Chueja Furrer geht nach ihren 40 Jahren als Klavierlehrerin in Pension

Die Koreanerin kam 1977 in die Schweiz, seit 1981 war sie an der Musikschule Limmattal tätig. Nun hat sie sich von ihrem Berufsleben verabschiedet, bleibt der Musik aber weiterhin treu.

Carmen Frei
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Am Klavier strahlt sie: Chueja Furrer entdeckte ihre grosse Liebe für das Instrument bereits im Alter von neun Jahren.

Am Klavier strahlt sie: Chueja Furrer entdeckte ihre grosse Liebe für das Instrument bereits im Alter von neun Jahren.

Alex Spichale

Seit 1981 ist Chueja Furrer an der Musikschule Limmattal als Klavierlehrerin tätig gewesen. Nun ist sie in Pension gegangen. Da sie wegen des Umbruchs in der Musikschule – sie umfasst die Gemeinden Oberengstringen, Unterengstringen und Weiningen – noch zwei Jahre über ihr Pensionsalter hinaus blieb, konnte sie sogar noch ihr 40-Jahr-Jubiläum feiern.

In den letzten 40 Jahren brachte Furrer den Schülerinnen und Schülern das Klavierhandwerk bei. Sie selbst habe sich im Primarschulalter in das Instrument verliebt. Furrer sagt:

«Als ich mit neun Jahren an der Chung-Yun-Primarschule im Singsaal zum ersten Mal einen Flügel sah und die Musik hörte, war ich wie vom Blitz getroffen.»

Sie wuchs in Seoul in der Nachkriegszeit als erstes von sechs Kindern auf. Das Geld für Klavierstunden fehlte der Familie, so begann Furrer, ihr knapp bemessenes Taschengeld dafür zu sparen.

«Das Land war damals wirklich arm. Wir waren froh, wenn wir zweimal am Tag essen konnten», sagt Furrer. An der Uni in Seoul studierte Furrer später im Hauptfach Klavier. Die Ausbildung zielte auf eine Tätigkeit als Musiklehrerin ab. Im vierten Jahr an der Universität absolvierte sie darum ein Praktikum, bei dem sie knapp 60 Mädchen Gesangsunterricht gab. Das gefiel ihr sehr gut.

Während ihres Studiums lernte sie auch ihren späteren Mann Edward Furrer kennen. «Er war auf Reisen und besuchte seine Cousine in Korea», erklärt Furrer. «Danach ist er jedes Jahr wiedergekommen, um mich zu sehen.»

Das Unterrichten liess sie nicht mehr los

Chueja Furrer vergass währenddessen ihre Erfahrung an der Schule nicht mehr: Sie wollte wieder unterrichten. Die Konkurrenz auf dem südkoreanischen Markt sei aber gross. «Für eine Stelle musste ich eine Prüfung absolvieren. Ich hatte 80 Mitbewerber, einer von ihnen erhielt dann den Posten», erinnert sich Furrer.

Ganz in das Klavierspiel vertieft ist die langjährige Klavierlehrerin in ihrem Element.

Ganz in das Klavierspiel vertieft ist die langjährige Klavierlehrerin in ihrem Element.

Alex Spichale

Schliesslich entschloss sie sich, zu Edward Furrer in die Schweiz zu gehen. Am 1. März 1977 reiste sie ein. Edward hatte auch ein Rückflugticket gebucht, denn ihr Visum war nur für drei Monate gültig. Doch sie blieb. «Am 4. Juni haben wir dann geheiratet», erinnert sie sich. Zu Beginn sei sie in der Schweiz vor allem von der schönen Natur fasziniert gewesen.

Ihre Schwiegereltern seien sehr nett zu ihr gewesen. «Sie haben mir geraten, Hochdeutsch zu lernen und nicht Dialekt», erzählt Furrer. Nach drei Jahren Deutschunterricht ging sie an die Prüfung für das Konservatorium Zürich. Die Sprache sei dabei das grösste Problem gewesen, doch sie habe sich vor den Experten durchsetzen können.

Die Beziehung zu den Schülern war ihr immer wichtig

«In dieser Zeit eröffneten überall in der Gegend Musikschulen, ich wurde darum schnell als Lehrerin eingestellt», erzählt Furrer. Sie wurde von ihrem damaligen Lehrer weiterempfohlen. «Die kommenden Jahre und Jahrzehnte sollten geprägt sein von schönen Erinnerungen und spannenden Begegnungen», sagt Furrer. «Dabei stand die Beziehung zu meinen Schülerinnen und Schülern für mich immer im Vordergrund. Einige von ihnen kamen im Primarschulalter und sollten bis zu ihrem 20. Lebensjahr bei mir bleiben.»

Das Gespräch mit den Schülerinnen und Schülern war Furrer immer wichtig. Wenn sie einmal Probleme gehabt hätten, seien sie damit gerne zu ihr gekommen. «Ich versuchte für sie da zu sein und sie auf ihrem Weg zu unterstützen, auch wenn sie gerade in einer schwierigen Phase steckten. Und Musik kann in diesen Zeiten sowohl Trost wie auch Freude spenden», sagt Furrer.

Höhepunkte waren für sie jeweils die Schülerkonzerte im Januar und im November. Sie habe sich immer gefreut, wenn die Kinder und Jugendlichen die erarbeiteten Stücke vor Familie und Freunden präsentieren konnten.

Während ihrer Zeit an der Musikschule hat Furrer einige Veränderungen im Musikunterricht miterlebt. «Die Kinder heute sind so gestresst, sie haben nur wenig Zeit zum Üben», bedauert Furrer. «Ein Instrument spielen zu lernen, ist wie eine Sprache zu lernen, man muss jeden Tag üben.»

Die Musik soll wie eine Muttersprache gelernt werden

«Wir haben an der Musikschule unter anderem mit der Suzuki-Methode gearbeitet. Die Kinder beginnen schon von klein auf, die Musik wie eine Sprache zu lernen.» Noch bevor die Kinder lesen können, bringe man ihnen die Musik durch Hören und Nachspielen wie eine Muttersprache bei.

Die Kinder seien heute aber vielfach abgelenkt. «Sie sind auch von Musik überschwemmt, sie sind sich gewohnt, zu konsumieren. Das ist eine seelische Armut», findet Furrer. Als sie selbst Klavier spielen gelernt habe, hätte sie jeden Tag bei ihrer Lehrerin üben können, da sie zu Hause kein Klavier hatte. «Über die Feiertage konnte ich nicht spielen, das war ganz schlimm.» Heute freut sie sich, dass sie dank der neuen Klaviere und Orgeln mit Kopfhörer in ihrem Übungsraum spielen kann und niemanden stört. Die Musikschule verlässt sie nicht ohne Wehmut. «Meine Schüler fehlen mir. Ich habe meine Liebe verloren», sagt Furrer.

In Regensdorf fühlt sie sich wohl

Furrer ist stark in der Region verwurzelt. Seit sie 1977 in die Schweiz kam, wohnt sie in Regensdorf. Auch nach dem Tod ihres Mannes 2016 blieb sie dort. Ihr älterer Sohn lebt nur einen Steinwurf von ihr entfernt, ihr jüngerer Sohn wohnt noch bei ihr. Furrer ist froh, dass sie ihre Söhne in der Nähe hat: «Mit dem Schreiben auf Deutsch habe ich es nicht so. Dort helfen sie mir gerne.»

Und wie füllt Furrer nun die neu gewonnene Freizeit? «Ich habe 1996 begonnen, Orgelunterricht zu nehmen», sagt sie. Ihr Mann war Urner und alle in der Familie waren katholisch. Sie selbst war konfessionslos, liess sich aber in der Schweiz taufen. Die Kirchenorgel mit den vielen verschiedenen Pedalen habe sie seit Beginn schon immer fasziniert. Nun spielt sie in Kloten in einer italienischen Messe jeweils an drei Wochenenden im Monat die Orgel.

Zudem freut sie sich auf mehr Zeit mit der koreanischen Wandergruppe. Furrer hofft, dass dies bald wieder im normalen Rahmen möglich ist. «Wir Koreaner sind temperamentvoll. Man sagt uns auch nach, wir seien die asiatischen Italiener. Wir tanzen und singen gern», sagt Furrer und lacht. Das Leben sei schon kurz genug. «Darum muss man es geniessen und viel lachen.»