Sommerserie

Historische Schifffahrtspläne für die Limmat, die bachab gingen

Zürich hatte durchaus Pläne für Schiffahrt im grossen Sti: Eine Geschichte von alten Plänen und neuen Kapitänen.

Matthias Scharrer
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Ein Boot führt Touristen auf der Limmat durch die Altstadt von Zürich. (Archivbild)

Ein Boot führt Touristen auf der Limmat durch die Altstadt von Zürich. (Archivbild)

Keystone

An schönen Sommertagen ist die Limmat ein viel befahrener Fluss: Reihenweise Gummiboote gondeln von Zürich Höngg bis Dietikon – von Jahr zu Jahr scheinen es mehr zu werden. Beim Bahnhof Glanzenberg in Dietikon wird nun eigens für sie eine neue Landestelle erstellt. Ferner lockt bei Turgi, kurz vor der Mündung in die Aare, eine Winde im Wasser die Wakeboard-Fans. Diverse Vereine frönen entlang dem Flusslauf dem Wassersport als Pontoniere, Paddler oder Kanuten, während die Fähre «Maurizius» beim Kloster Fahr sonntags Spaziergänger über den Fluss transportiert.

Doch grössere, motorisierte Schiffe sieht man auf der Limmat nur in Zürich. Obwohl es durchaus Pläne für Schifffahrt im grossen Stil gab. Realisiert wurden aber allein jene, die schliesslich die Zürichsee Schifffahrtsgesellschaft (ZSG) übernahm.

Grachtenschiffe wie in Holland

Sie gehen zurück auf die Gartenbauausstellung 1959 (G 59). Es war eine Zeit des verkehrspolitischen und städtebaulichen Aufbruchs. Um die G 59, die beidseits des Zürcher Seebeckens stattfand, zu erschliessen, wurde unter anderem auch eine Gondelbahn über den Zürichsee gebaut. Und: Die G 59-Macher richteten einen «grachtenartigen Bootsbetrieb nach Amsterdamer Vorbild» ein, wie die ZSG auf ihrer Website schreibt. Er diente als Verbindung zwischen dem Hauptbahnhof und den G 59-Arealen am Seeufer.

1918 gab es Ideen für einen Limmatkanal entlang der Bahngleise mit
einem Industriehafen in Altstetten.

Im Anschluss an die Gartenbauausstellung übernahm die ZSG die drei Grachtenboote. Sie markierten den Beginn der modernen Limmatschifffahrt. 1992/93 ersetzte die ZSG die Grachtenboote aus dem Jahr 1959 durch die drei Limmatschiffe «Turicum», «Felix» und «Regula». Diese verkehren noch heute vom Landesmuseum via Limmatquai, Bürkliplatz und Zürich Enge zum Zürichhorn. Und sie sind bis jetzt die einzigen Schiffe, die grössere Strecken flussaufwärts auf der Limmat zurücklegen.

Kelten, Römer und Hirsebrei

Die Geschichte der Limmatschifffahrt flussabwärts reicht freilich viel weiter zurück. Der Fluss dürfte schon in vorchristlicher Zeit eine Rolle als Handels- und Verkehrsweg gespielt haben. Darauf deuten archäologische Funde in Ufernähe hin. So errichteten etwa die alten Römer in der Gegend des Lindenhofs eine Zollstation mit Zugang zum Wasser. Zuvor gab es dort bereits eine keltische Siedlung.

Legendär wurde sodann im Spätmittelalter die sogenannte Hirsebreifahrt über die Limmat und den Rhein nach Strassburg. Erstmals belegt ist sie für das Jahr 1456, dann wieder fürs Jahr 1576. Mit der Wette, aus Zürich auf dem Wasserweg Hirsebrei noch warm nach Strassburg zu bringen, bekräftigte die Limmatstadt in jener Zeit ihre Verbundenheit zur Elsässer Metropole.

Der Limmat-Club Zürich, ältester Wasserfahrverein der Schweiz, knüpfte kurz nach seiner Gründung im späten 19. Jahrhundert an diese Tradition an: Er liess die Hirsebreifahrt wieder aufleben. Nach dem 2. Weltkrieg fand sie alle zehn Jahre statt, zuletzt im Jahr 2016.

Häfen fürs Limmat- und Glattal

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden Pläne, die Limmat als Verkehrsweg für grosse motorisierte Schiffe zu nutzen; nicht nur für Ausflugsboote, sondern auch für den Güterverkehr. Anlass war der Bau des Rheinhafens in Basel 1906 bis 1911, wie der Historiker Andreas Teuscher in seinem Buch «Schweiz am Meer» (Limmat-Verlag, Zürich 2014) darlegte. Die Zürcher fürchteten, abgehängt zu werden: «Laufen wir nun Gefahr, die internationalen Routen durch Zürich zu Seitenwegen degradiert zu sehen?», schrieb die NZZ 1913.

Auch der Stadtrat wurde aktiv und liess einen Ideenwettbewerb durchführen. Unter den im Jahr 1918 präsentierten Siegerprojekten rangierte ein Limmatkanal entlang der Bahngleise mit einem Industriehafen in Altstetten. Ein zweites Projekt sah Häfen für Industrie und Handel in Schlieren und Altstetten vor. Auch das Glattal wurde als möglicher Hafenstandort genannt.

Stadt und Kanton Zürich fassten die Beschiffung der Limmatstadt als konkretes Vorhaben ins Auge. So hielt der Regierungsrat 1924 anlässlich eines geplanten Brückenbaus in Schlieren fest: «Wohin diese Brücke kommen wird, kann erst entschieden werden, wenn die Projektbearbeitung für die Schifffahrt, Kanal- und Hafenbauten in der Umgebung des Gaswerks über das generelle Stadium hinaus ist.»

Letztlich überstiegen die Hafenpläne Zürichs Möglichkeiten. Schliesslich hätten für den Anschluss an die Rheinschifffahrt auch die Aare und die kurvenreiche Limmat in Baden für Hochseeboote befahrbar gemacht werden müssen. Gleichzeitig gewannen mit der Eisenbahn und dem Automobil andere Verkehrsträger an Bedeutung. Und es entstanden vermehrt Flusskraftwerke, die wiederum zum Auslöser der Umweltschutzbewegung wurden. So gingen alle Pläne für grosse Schifffahrt auf der Limmat letztlich bachab. Der Fluss blieb frei für die Gummiboot-Kapitäne.