Schlierefäscht
Feuertaufe bestanden: Dürrenmatts alte Dame sucht Schlieren heim

Die exklusive Vorpremiere von «Der Besuch der alten Dame» des Gewerbevereins Schlieren erfüllte die Erwartungen

Daniel Diriwächter
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Die «alte Dame» rächte sich in Schlieren.
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Die «alte Dame» rächte sich in Schlieren.
Die «alte Dame» rächte sich in Schlieren.
Besuch der alten Dame
Die «alte Dame» rächte sich in Schlieren.

Die «alte Dame» rächte sich in Schlieren.

Sandro Barbieri

Die Anspannung im Stürmeierhuus ist spürbar, denn in wenigen Minuten wird sich der Saal unter dem ehrwürdigen Gebälk in das fiktive Güllen transformieren, jener verarmte und unmoralische Ort, den Friedrich Dürrenmatt einst erfand, um «Den Besuch der alten Dame» in die Wege zu leiten. Besagte Dame sucht ab sofort Schlieren heim, denn der Klassiker wird in neuer Version für das Schlierefäscht auf die Bühne gebracht.

Ein Wagnis, denn die Tragikkomödie, die 1956 im Schauspielhaus uraufgeführt wurde und Friedrich Dürrenmatt die finanzielle Unabhängigkeit brachte, ist kein leichtes Werk und verlangt von allen Beteiligten vieles ab. Die Theatermacherinnen Karin Berry und Bettina Uhlmann lassen sich davon jedoch nicht beirren. Mehr noch, sie wollen Lieder von Georg Kreisler einbauen – und das Werk, das Dürrenmatt selbst einst mit einer griechischen Tragödie verglich, von Laiendarstellern beleben lassen.

Eine kontroverse Frauenfigur

Also geht das Licht aus und «Der Anfang vom Ende» beginnt – eine Zeile aus dem Kreisler-Lied «Was willst du noch mehr», das hervorragend auf die nächsten 90 Minuten einstimmt – und den Takt vorgibt. Die drei Musiker - Joels Reiff (Bass), Felix Utzinger (Gitarre) und Willy Kotoun (Perkussion) – sind dabei prominent auf der Bühne platziert, stören aber das folgende Geschehen niemals.

Regisseurin Berry legt viel Wert auf den ersten Akt, sie schwelgt geradezu in der Ankunft der alten Dame. Die Darsteller-Garde dreht auf, die Melodien erklingen beinahe im Minutentakt und eine Nebelmaschine simuliert den Rauch der Eisenbahn. So trifft Claire Zachanassian in Güllen ein wie einst Kleopatra in Rom. Zu recht, denn nichts ist spannender, als das Ankommen einer kontroversen Frauenfigur.

Dieser Besuch in Güllen ist in der heutige Zeit eingebettet - gewisse Seitenhiebe auf den realen Austragungsort sind durchaus erwünscht. Noch immer bietet die alte Dame der Stadt eine Milliarde Franken, wenn jemanden ihren ersten Liebhaber Alfred, der sie vor Jahren entehrte und verjagte, zu töten wagt. Und noch immer sind die Einwohner zuerst schockiert, aber später dem schnöden Mammon mehr zugetan als jeglicher Menschlichkeit.

Etwas schnell vergeht der zweite Akt, dem eigentlichen Sinneswandel der Einwohner, aber er ist flott inszeniert und am Ende eh nur die Ouvertüre für das Finale. Auch hier dreht Berry wieder auf und lässt Kreisler und das Ensemble in Hochform aufspielen, die übrigens alle aus Schlieren kommen. Dieses, obwohl aus Laien bestehend, erfüllt die Erwartungen. So gibt Judith Pauli als Claire Zachanassian eine bitterböse wie anmutige Vorstellung, während Fridolin Etter als Alfred Szene für Szene aufblüht – um in der Rolle zu zermürben.

Konjunktur für eine Leiche

Grosses Lob gebührt dem jungen Schauspieler Davide Autiero. Er spielt sämtliche der drei jüngsten Gatten von Claire (und einige seiner Mitstreiter an die Wand). Als ob das nicht genug wäre, tritt er auch als verruchte Sängerin in Erscheinung - nicht im Stile Dürrenmatts, aber ganz im Sinne von Kreisler.

Am Schluss der Vorstellung ist die Erleichterung gross und das applaudierende Publikum um die Erkenntnis reicher, dass eine Leiche durchaus für Konjunktur sorgen kann. Die überglückliche Produzentin Bettina Uhlmann strahlt und hofft, dass dieser «Besuch der alten Dame» bei den Schlieremer ankommen wird. Und wem die Geschichte tatsächlich zu schwarz ist, dem sei jene köstliche Szene empfohlen, in der Erica Brühlmann-Jecklin als Pfarrerin die Bühne betritt – bewaffnet mit einem Gewehr und bereit zum Schiessen.

Für einzelne Vorstellungen sind noch immer Vorverkauf-Tickets erhältlich. Verkaufsstellen befinden sich in der Stadtbibliothek Schlieren und der Poststelle. Online können Sie Billette auch über www.ticketino.ch erwerben.

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