Holocaust-Überlebender

Er will der Ausgrenzung Grenzen setzen

Gabor Hirsch überlebte Auschwitz. Am Dienstag erzählte er einer Dietiker Schulklasse von seinem Schicksal.

Sophie Rüesch
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Gabor Hirsch erzählt vom Holocaust
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Er erzählt gefasst und routiniert. Die Schüler hören gespannt zu.
Vaters Geschäft.
Gabor Hirschs Klasse im Jahr 1939.
Die KZ-Nummer bleibt ein Leben lang.
Auschwitz im Jahr 1945: Hier verbrachte Gabor Hirsch sechs Monate seines Lebens.

Gabor Hirsch erzählt vom Holocaust

Jiri Reiner

Gabor Hirsch weiss, welches Risiko er eingeht, als er am 18. Januar 1945 seine Hand hebt, um zu sagen, dass er zu schwach für den langen Fussmarsch ist. Es sind die letzten Tage des Konzentrationslagers Auschwitz. Doch das weiss der 15-jährige Hirsch zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Was er weiss: sich krank zu melden, könnte gut sein Todesurteil sein. Doch er hat Glück. Wie sich später herausstellt, überlebten die wenigsten der marschfähigen Lagerhäftlinge die Evakuierung aus dem grössten Vernichtungslager des Zweiten Weltkriegs. Wer auf dem Marsch nicht mithalten konnte, wurde erschossen.

Fast 70 Jahre später sitzt Gabor Hirsch an einem Pult im Dietiker Schulhaus Zentral und schaut in die fassungslosen Gesichter der Schülerinnen und Schüler zweier Sekundarklassen. Nichts würde auf den ersten Blick verraten, dass der alte Mann, der nach dem Ungarnaufstand im Jahr 1956 in die Schweiz emigrierte und heute in Esslingen wohnt, die unmenschlichen Gräueltaten des Dritten Reichs überlebt hat. Nur eine verschwommene Tätowierung auf dem Unterarm zeugt heute noch sichtbar davon, dass Hirsch einst Häftling B-14781 war. Er liess sie nie entfernen, wie viele andere Überlebende es getan haben. «Es ist nicht meine Sünde, an die sie erinnert», sagt er später. «Ich schäme mich nicht dafür.»

Damit es nie wieder passiert

Hirsch erzählt gefasst und routiniert von seinem schweren Schicksal. Es ist nicht sein erster solcher Auftritt. Als ehemaliger Präsident der Kontaktstelle für Überlebende des Holocaust, die 2011 eingestellt wurde, liegt es ihm schon lange am Herzen, dass die Geschichte der europäischen Juden nicht vergessen geht. Dass sie sich nicht wiederholt.

Die Vertreter des Vereins NCBI (National Coalition Building Institute), die den Workshop zum Thema Antisemitismus leiteten, hatten sich noch gesorgt, dass die Klasse es nicht schaffen würde, während Hirschs Bericht still zu sitzen. Die Sorge bleibt unbegründet: Die Jugendlichen hören aufmerksam zu, sind sichtlich betroffen. Bedanken sich am Schluss bei Hirsch für den Mut, seine Geschichte mit ihnen zu teilen. Beteuern, dass sie nun sehen, welche Konsequenzen die Ausgrenzung Andersartiger haben kann, auch im Kleinen. Geloben, den Anfängen zu wehren.

Am Morgen haben sie sich selbst darin geübt, wie es sich anfühlt, einer Minderheit anzugehören. Haben sich über ihre Wahrnehmung von Juden ausgetauscht, gemerkt, dass viel davon auf Klischees beruht. Mitnehmen werden sie wohl aber vor allem Gabor Hirschs Überlebensgeschichte — eine Geschichte, die nur dank vieler Zufälle gestern ihr vorläufiges Ende im Zentral-Schulhaus nahm.

Ungarn bleibt lange verschont

Im ungarischen Békéscsaba in gutbürgerliche Verhältnisse geboren, bekommt Hirsch den nationalsozialistischen Terror erst spät im Kriegsverlauf zu spüren. «Ich kann mich über meine Kindheit nicht beschweren. Vom Antisemitismus wurden wir lange verschont.» Da steht die Geschichte noch auf seiner Seite. Zwar erlässt Ungarn schon 1938 «Judengesetze», die vor allem die wirtschaftliche und politische Diskriminierung zum Ziel haben, 1941 schliesst sich das Land dem deutschen Krieg gegen die Sowjetunion an. Doch Premier Miklós Kállay betreibt bis zur deutschen Besetzung im März 1944 eine Judenpolitik, die Hitler als unentschlossen und wirkungslos verurteilt.

Vater Hirsch, ein Geschäftsmann, befasst sich noch 1942 mit Plänen für ein neues Wohnhaus. Polnische, tschechische, deutsche, österreichische Juden sind zu dieser Zeit schon zu Abertausenden in Ghettos, auf Todesmärschen und in Vernichtungslagern umgekommen.

Doch als die Deutschen 1944 einmarschieren, um die «Endlösung der Judenfrage» auch in Ungarn endlich voranzutreiben, geht alles sehr schnell. Im April wird das Tragen des Judensterns erlassen. Ab Mai müssen die rund 2000 Juden aus Békéscsaba in «Judenhäuser» umziehen, die sie kaum je verlassen dürfen. Später werden sie mit weiteren 2000 Juden aus der Umgebung in einer heruntergekommenen Tabakverarbeitungsanlage eingepfercht. Im Juni beginnen die Deportationen.

Jeder für sich

Am 29. Juni kommt Gabor Hirsch in Auschwitz an, wird von seiner Familie getrennt. Wer den Transport überlebt hat, kommt zur Selektionsrampe. Hier werden die arbeitsfähigen Juden aussortiert, die anderen in den Tod geschickt — ein Prozess, der sich während Hirschs sechs Monaten im Konzentrationslager viele Male wiederholen wird. Mindestens zwei Mal fällt der schmächtige Junge unter die Todgeweihten. Zwei Mal rettet ihm eine zufällig anberaumte Nachselektion das Leben.

Das Leben in Auschwitz: Gabor erzählt es nüchtern, geht mit den Klassen Punkt für Punkt den Tagesablauf, den spärlichen Essensplan durch. Erzählt, wie es im polnischen Sommer 1944 auch im Juni bitterkalt war. Wie schnell die Neuankömmlinge lernten, eine Menschentraube zu bilden, um sich gegenseitig warm zu geben. Er erzählt vom Aufstand der Häftlinge, die nicht kampflos in den Tod gehen wollten und teuer dafür bezahlten; vom erbitterten alltäglichen Überlebenskampf, in dem sich jeder selbst am nächsten stand.

Und dann von der Befreiung, die Hirsch, 15-jährig und 27 Kilos leicht, nur erlebte, weil er sich in den letzten Tagen von Auschwitz unter einem Strohsack vor dem Aufräumkommando versteckte. Als die Soldaten der Ukrainischen Front das Lager befreiten, mussten sie ihn für die Filmaufnahmen, die um die Welt gingen, zum Stacheldrahtzaun tragen. «Ich glaube, ich habe mich auf einem dieser Filme erkannt. Doch ich kann nicht sicher sein», sagt Gabor. Nach einer Odyssee durch Auffanglager Osteuropas wird Hirsch am Budapester Bahnhof am 7. September 1945, vier Monate nach offiziellem Kriegsende mit seinem Vater wiedervereint.

Erst im Jahr 2000 erfährt er, dass seine Mutter am 18. Dezember 1944 starb. In Auschwitz hat er sie noch zweimal wiedergesehen, als er im Frauenlager Grasziegel stechen musste. Da wusste er noch nicht, dass es das letzte Mal sein würde.