Schlieren

Dieses Start-up könnte Millionen von Diabetikern das Leben retten

Nach seiner Frühpensionierung entschied sich Reto Naef, ein Startup zu gründen. Nun, ein Jahr später, wurden bereits acht Millionen in Topadur investiert. Mit dem in Schlieren entwickelten Wirkstoff TOP-N5, könnten dereinst Millionen von Menschenleben gerettet werden.

Alex Rudolf
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Reto Naef schwimmt auf der Erfolgswelle mit seinem Startup Topadur
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Reto Naef gründete sein Start-up erst nach seiner Frühpensionierung.
Talentschmiede Bio-Technopark
Mit 8 Millionen Franken wurde das Unternehmen bereits gefördert. Doch sind alle bodenständig. Hier kocht die Finanzchefin Christina Attaalla gerade Mittagessen für das siebenköpfige Team
Der Bio-Technopark bietet guten Nährboden für weitere Unternehmen der Branche. So machten bereits einige von sich Reden
InSphero Das Life-Science-Unternehmen gewann den «Top 100 Start-up Award 2014». Es entwickelte ein Verfahren zur Generierung von Mikroorganen, die zur Erforschung von Diabetes und Herzerkrankungen genutzt werden. Im Jahr 2009 konnten die Gründer des Unternehmens dank 130 000 Franken der Förderinitiative «Venture Kick» den ersten industriell gefertigen Prototypen erstellen. (im Bild Wolfgang Moritz)
ProteoMedix Das im Jahr 2010 gegründete Unternehmen entwickelt eine Methode, mit der anhand von Bluttests Prostatakrebs diagnostiziert werden kann. Jährlich werden weltweit rund 45 Millionen Test auf Prostatakrebs durchgeführt, wovon es sich jedoch bei drei Vierteln um eine Fehldiagnose handelt. Im Jahr 2015 erreichte ProteoMedix den 12. Platz auf der Liste der Top 100 Startups der Schweiz und gewann 2012 den Swiss Technology Award. (im Bild: Christian Brühlmann (l) und Ralph Schiess)
Malcisbo Das Startup erreichte im vergangenen Jahr den 47. Rang der Startup-Bestenliste. Es entwickelt unter dem Titel «Sweet Vaccines» Impfungen für Mensch und Tier gegen bakterielle und parasitäre Krankheiten.
Molecular Partners Preise hat das Unternehmen bereits einige eingeheimst. Dies unter anderem für die Erforschung und Entwicklung von Krebsmedikamenten. Die Zusammenarbeit mit den Basler Pharmariesen Roche, die im Jahr 2013 startete, wurde knapp zwei Jahre später wieder beendet. Liquide Mittel wurden mit dem Börsengang beschafft. (im Bild: Christian Zahnd und Patrick Amstutz)
Covagen Das Biotech-Unternehmen wurde von zwei Doktoranden im Jahr 2007 gegründet. Es erforscht Methoden zur Krebsbehandlung und wurde im 2014 für rund 200 Millionen Franken vom US-Konzern Johnson & Johnson gekauft.
Glycart Die auf die Erforschung und Entwicklung von therapeutischen Antikörpern spezialisierte Glycart wurde 2005 für 235 Millionen Franken an Roche verkauft. Glycart war ein Spin-off der ETH Zürich. Heute ist das Unternehmen Bestandteil der Roche Pharmaceutical Research and Early Development

Reto Naef schwimmt auf der Erfolgswelle mit seinem Startup Topadur

Limmattaler Zeitung

Exakt eine Minute dauert die Liftfahrt vom Erdgeschoss des Prime Towers bis zur 36. und obersten Etage des Hochhauses und zurück. Genau so viel Zeit blieb Vertretern von Startups, um eine vierköpfige Jury von ihrer Geschäftsidee zu überzeugen und so an Fördergelder zu gelangen. Dieses Verfahren nennt sich auf Neudeutsch «Elevator Pitch» und fand vor einem Jahr im Lift des Hochhauses beim Bahnhof Hardbrücke statt.

Einer der Teilnehmer war Reto Naef, der sich mit seinem 2015 gegründeten Unternehmen der Erforschung von Medikamenten zur Wundheilung annimmt. «Bei solchen Pitches, die nur wenige Minuten dauern, muss man beinahe jedes Wort auswendig lernen», sagt er mit einem Schmunzeln im Gesicht. Habe man so viele Präsentationen gehalten wie er, dann könne der Wortlaut aber auch hin und wieder variieren.

Er überzeugte und erhielt die ersten Gelder. Seither ist viel geschehen: Mehrere Auszeichnungen konnten gewonnen und Investitionen von rund 8 Millionen Franken generiert werden.

Am Ende des Artikels wartet ein spannendes Quiz auf Sie!

Die Büro- und Laborräume an der Schlieremer Grabenstrasse im Bio-Technopark wurden ebenfalls im vergangenen Jahr bezogen und sind funktional und schlicht eingerichtet. Dem Vormieter, dem Bio-Tech-Unternehmen Molecular Partners, wurde der Platz zu knapp.
Naef ist promovierter Chemiker und gründete gemeinsam mit Armin Meinzer, Hermann Tenor und Christina Attaalla die Topadur AG, nachdem er sich nach rund drei Dekaden Anstellung in der Forschungsabteilung des Basler Chemieriesen Novartis frühpensionieren liess.

Steckenpferd seines Unternehmens ist der Wirkstoff TOP-N53. Damit will Topadur ein Medikament auf den Markt bringen, das die Wundheilung revolutionieren soll.

Zur Person: Reto Naef

Der 62-jährige Reto Naef wohnt mit seiner Frau in Rheinfelden und ist Vater von drei erwachsenen Kindern.Neben dem Einsatz für sein Startup Topadur sitzt er auch in einer Prime Force des Pharmaunternehmens Novartis ein, wo er sich der Förderung von Forschungsgruppen annimmt.Während seiner dreissigjährigen Forscherkarriere – vorwiegend ebenfalls bei Novartis – meldete er 12 Patente und war an der Erarbeitung von drei grossen Produkten beteilig, die Marktreife erreichten.

Die Substanz funktioniert teilweise ähnlich wie Viagra und fördert die Gewebedurchblutung.Zugutekommen könnte dies im Speziellen Diabetikern, deren Gefässe verengt sind. «Besonders an weniger stark durchbluteten Körperstellen, wie etwa den Füssen, können Wunden nur schwer verheilen», so Naef.

Der Markt scheint riesig. Jährlich würden rund 50 Millionen Menschen mit Fusswunden in Spitälern behandelt. «Jedes Jahr müssen sich in der Folge rund 7 Millionen Menschen einen Fuss amputieren lassen», sagt er.Fünf Jahre nach diesem Eingriff überleben nur 20 Prozent dieser Patienten.

Grosses Potenzial für TOP-N53

Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht davon aus, dass die Anzahl Diabetiker weltweit konstant steigt. Besonders in Schwellenländern wie Indien oder China, wo die Behandlung in einem Frühstadium der Diabetes noch weniger intensiv ist, ortet Naef grosses Potenzial für TOP-N53.

Ursprünglich habe er für die Substanz eine mögliche Anwendung in der Behandlung von Analfissuren – kleine Risse im Schliessmuskel – gesehen. «Diese sind ein grosses Problem und eine effektive Therapie ist ein Bedürfnis. Doch sterben jährlich Millionen von Diabetern an den Folgen einer schlechten Wundheilung.» Daher habe man sich dazu entschieden, auf diese Anwendung zu fokussieren. Die «Handelszeitung» schätzt das jährliche, weltweite Umsatzpotenzial der Topadur- Produkte auf einen vierstelligen Millionenbetrag.

Die Mittagszeit steht kurz bevor. Die Finanzverantwortliche Attaalla verlässt ihren Sitzplatz und beginnt in der Firmenküche Gemüse zu rösten. Die sieben Angestellten essen stets gemeinsam zu Mittag, dies stärke den sozialen Austausch und sei halt gesellig, sagt Naef. Seit jüngstem komme nur noch Halal-Fleisch auf den Teller. Dies, weil die neu eingestellte Wissenschafterin Muslima sei. Mit Mitte zwanzig ist sie mit Abstand die Jüngste im Team. Alle anderen sind um die sechzig.

80 Jahre Pharma-Erfahrung

Das Alter der vier Gründungsmitglieder mache sie schon zum Exoten unter den Start-ups, so Naef. In der Regel würden ETH- oder Uni-Absolventen ihr eigenes Unternehmen nach der Ausbildung mit Anfang dreissig gründen. Doch hat der späte Sprung in die Selbstständigkeit auch Vorteile, wie sich schnell zeigte.

«Unser Team bringt 80 Jahre Pharma-Erfahrung in Forschung und Entwicklung mit. Damit zeigen wir unseren Investoren, dass wir sehr kompetent sind», sagt Naef. Die Jungen der anderen Unternehmen im Bio-Technopark in Schlieren schätzt er und schwärmt vom Austausch. Hin und wieder würden Jungunternehmen um seinen Rat oder nach Kontakten zu grossen Pharmaunternehmen fragen.

Derzeit schwimmt Topadur auf einer Erfolgswelle. Erst vergangene Woche erhielt das Unternehmen den Swiss Technology Award, Ende September wurde bekannt, dass Topadur in der Liste der 100 erfolgreichsten Start-ups der Schweiz Rang 58 erreicht hat. «Dies freut uns natürlich. Ein Selbstläufer wird Topadur trotz dieser Anerkennungen nicht», sagt Naef.

Bislang schossen Investoren rund 6,5 Millionen ins Unternehmen, rund 1,5 Millionen wurden zusätzlich durch Fördergelder generiert. Bis zum Jahr 2020 ist vorgesehen, dass 22 weitere Millionen hinzukommen. Der Bedarf an Finanzmitteln ist immens: «Kommt ein Medikament auf die weltweiten Märkte, wurden zuvor für alle Verfahren, Bewilligungen und Tests rund 1,5 Milliarden Franken investiert. Da braucht man starke Partner im Rücken.»

Einen Meilenstein will Naef bereits 2018 mit der ersten Testphase an einer kleinen Anzahl von Probanden erreichen. Frühestens vier bis fünf Jahre später könne mit der Markteinführung gerechnet werden.

Dies ist eine langfristige Planung für eine Gruppe von Unternehmern und Forschern, die kurz vor der Erreichung des regulären Pensionsalters stehen. Nicht mehr zu arbeiten, daran denkt Naef noch überhaupt nicht. «Nun kann ich operativ und kreativ tätig sein. Macht die Gesundheit mit, sehe ich vor meinem 75. Altersjahr keinen Grund, aus der Arbeitswelt auszutreten», sagt er.

«Drittes Hochhaus kommt 2020»

Der Bio-Technopark ist trotz der Schliessung einer Novartis-Tochter auf Expansionskurs. CEO Mario Jenni über die Zukunft des Standorts für die Life-Science-Branche.

Herr Jenni, zwar ist Topadur nicht das erste Unternehmen des Bio-Technoparks, das mit Auszeichnungen bedacht wird, doch ein sehr spezielles. Lässt sich sagen, dass der Park ein neues Flaggenschiff hat?
Mario Jenni: Das ist definitiv so. Einerseits natürlich wegen des Erfolges, den Reto Naef und sein Team bislang hatten. Aber andererseits auch, weil das Alter
der Gründer sie zu etwas Speziellem macht. Sie alle waren zuvor Forscher oder Manager in der Grossindustrie, was aussergewöhnlich ist.


Was ist der Vorteil, wenn man kurz vor dem Pensionsalter nochmals ein Unternehmen gründet?
In anderen Branchen ist ein grosser Erfahrungsschatz im Management von Grossfirmen kein Garant für Erfolg eines kleinen Startups. In der Life-Science-Branche hingegen schon, da die Topadur-Gründer hautnah an der Entwicklung von Medikamenten mitgearbeitet haben. Sie kennen die Prozesse aus dem Effeff. Kleine Unternehmen können ihre Medikamente nicht selber, sondern nur in Kooperation mit solventen Partnern auf den Markt bringen. Die Beziehungen zu Personen aus allen Stufen dieses Prozesses ist unbezahlbar.


Erst im September wurde bekannt, dass Novartis ein anderes ehemaliges Flaggschiff des Bio-Technoparks, die ESBATech, schliesst.
73 Stellen fallen weg. Konnte diese Lücke bereits geschlossen werden?
Bislang noch nicht. Wird ein Start-up von einem Konzern gekauft, ist es oft so, dass der ursprüngliche Standort früher oder später geschlossen wird. Das ist ein ganz normaler Prozess.


Für Anfang 2018 ist geplant, dass das zweite der dereinst vier Hochhäuser im Bio-Technopark bezogen werden kann. Ist dies bereits voll vermietet?
Ja, dem ist so. Welche Unternehmen einziehen werden, kommunizieren wird jedoch noch nicht.


Erst diese Woche wurde bekannt, dass Zühlke in die einstige NZZ-Druckerei zieht. Haben auch Sie Interesse an Flächen dort?
Mit der Besitzerin der Liegenschaft, der Swiss Prime Site, führten wir Gespräche. Da wir jedoch selber bereits in inmitten der Planung des dritten Hochhauses sind, das bis 2020 stehen soll, haben wir derzeit keinen Bedarf.


Rund 300 Forscher der Universität und des Universitätsspitals arbeiten in Schlieren. Nach dem Ausbau des Universitätsquartiers im Zürcher Stadtzentrum sollen diese dorthin versetzt werden. Haben Sie dann vier leere Hochhäuser?
Ich glaube nicht. Die Life-Science-Branche wächst am Standort Zürich. Die ansässigen Unternehmen und neuen Spinoffs werden wohl bis dahin wachsen und mehr Platz benötigen.

Mario Jenni, CEO Bio-Technopark Mario Jenni. In der ehemaligen NZZ Druckerei in Schlieren findet die Preisverleihung der besten Schweizer Jungunternehmen 2016 Start-Up

Mario Jenni, CEO Bio-Technopark Mario Jenni. In der ehemaligen NZZ Druckerei in Schlieren findet die Preisverleihung der besten Schweizer Jungunternehmen 2016 Start-Up

Mario Heller