Dietikon

Im Stierenmatt wird es einen obligatorischen Mittagstisch geben: So kommt die Tagesschule an

Die Meinungen über die gebundene Mittagsbetreuung gehen auseinander. Wenn die Eltern wollen, dass ihr Kind über Mittag nach Hause kommt, müssen sie es weiterhin in ein Schulhaus im Zentrum schicken.

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Das Provisorium Stierenmatt und somit die erste Tagesschule Dietikons befindet sich derzeit noch im Bau. Schon nächsten Sommer soll das Schulhaus eröffnen.

Das Provisorium Stierenmatt und somit die erste Tagesschule Dietikons befindet sich derzeit noch im Bau. Schon nächsten Sommer soll das Schulhaus eröffnen.

Limmattaler Zeitung

Schon im kommenden Sommer soll das neue Schulhaus Provisorium Stierenmatt und damit die erste Tagesschule Dietikons für die Schulkinder aus dem Limmatfeld bereitstehen. Das Provisorium entsteht, weil das Schulhaus, das auf dem Areal Stierenmatt zu Stande kommen soll, erst frühestens 2028 realisiert werden kann. Den Kredit von 15,2 Millionen Franken für das provisorische Schulhaus haben die Stimmberechtigten im Juni dieses Jahres gutgeheissen. An Informationsabenden erfahren die Eltern des Einzugsgebiets des neuen Schulhauses derzeit, dass der Mittagstisch im Stierenmatt obligatorisch sein wird. Dies gehört zum Konzept der Tagesschule. Die Kosten dafür tragen die Eltern: Elf Franken pro Tag werden ihnen verrechnet.

«Wir haben das Modell der Tagesschule als Wunsch seitens der Bevölkerung wahrgenommen», sagt Claudia Thommen Schmid, Schulpflegerin und Projektleiterin des Schulhauses Stierenmatt. Dass die Schule Dietikon etappenweise Tagesschulen realisiert, sei bereits 2018 als Legislaturziel formuliert worden.

«Da es sich beim Stierenmatt um ein kleines Schulhaus handelt, ist es einfacher, die Mittagsbetreuung obligatorisch zu halten.» Die Infrastruktur sei darauf ausgelegt, dass alle Schülerinnen und Schüler über Mittag in der Schule bleiben. Zudem sollen sich aus einer allgemeinen Mittagsbetreuung auch pädagogische Vorteile ergeben: «Es wird nicht nur ein Mittagessen geboten, sondern eine Betreuung. Hierbei spielen soziale Aspekte eine Rolle», sagt Thommen Schmid.

«Im Quartier scheint es eine klare Mehrheit zu geben, die das Angebot prinzipiell sinnvoll findet», sagt Peter Metzinger, Präsident des Quartiervereins Limmatfeld, auf Anfrage. Dennoch ergebe sich insgesamt ein gemischtes Bild: «Eine Anwohnerin schrieb mir, dass sie den Betrag von 11 Franken pro Tag fast ein bisschen frech finde», sagt er. «Schliesslich seien das 220 bis 250 Franken pro Monat, und es solle doch ihr überlassen sein, ob sie ihr Kind hinschicke oder nicht.» Eine Familie sei ebenfalls über die 11 Franken pro Tag gestolpert, da sie meinte, die Kosten für die Tagesstrukturen passten sich dem Einkommen der Eltern an.

Eltern fühlen sich ihrer Selbstverantwortung beraubt

Die Schulkinder des Einzugsgebiets sind für das kommende Schuljahr automatisch im neuen Schulhaus angemeldet. Eltern, die nicht wollen, dass ihr Kind den zwingenden Mittagstisch besucht, können es aber vom Stierenmatt abmelden. Dann muss es allerdings nach wie vor eines der weiter weg gelegenen Schulhäuser im Zentrum Dietikons besuchen. «Es gibt Eltern, die die obligatorische Mittagsbetreuung deshalb als Beraubung der Selbstverantwortung ansehen», sagt Metzinger.

Andere Eltern zeigen sich über die Tagesschule auch durchaus positiv gestimmt: «Eine Mutter sagte mir, sie sei sehr froh über das Konzept. Die Tagesschule sei eine riesige Entlastung für die Familie und lasse sie leichter schlafen», sagt der Quartiervereinspräsident. So sei es nicht mehr nötig, früher aus dem Haus zu gehen, um die Kinder ins Zentral oder ins Steinmürli zu bringen. «Weitere Eltern sind begeistert von der Hausaufgabenbetreuung und der Sozialisierung der Kinder, die mit der Tagesschule verbunden sei», fügt er hinzu. «Diese sei ein wichtiger Faktor, welche die Chancengleichheit in Dietikon fördert.»

«Bei uns sind bisher keine negativen Rückmeldungen eingegangen», sagt Thommen Schmid. Sie sieht die Mittagsbetreuung, die lediglich dann obligatorisch ist, wenn das Kind Nachmittagsschule hat, nur als einen möglichen Grund, weshalb sich Eltern allenfalls für eine Abmeldung vom Stierenmatt entscheiden würden: Auch bei Schülern ab der vierten Klasse, die in ihrem jetzigen Schulhaus schon gut verankert seien, könne es sein, dass sie lieber nicht das Schulhaus wechseln, sagt sie. «Bis jetzt ist die Tagesschule auf grosses Interesse gestossen. Es haben sogar schon Mütter angefragt, ob sie jeweils beim Kochen mithelfen dürfen.»

Jeweils zwei Klassen erhalten zusammen Unterricht

An den Informationsabenden ist noch von einem anderen Punkt die Rede: In der neuen Schule Stierenmatt wird es Zweijahrgangsklassen geben, die erste und zweite Klasse erhält also gemeinsam Unterricht, die dritte und vierte ebenso und auch die fünfte und sechste Klasse. Begründet wird dies damit, dass im Limmatfeld als Randgebiet Dietikons schwankende Schülerzahlen bestehen, die so ausgeglichen werden. Zudem sollen die Kinder so rascher Sozialkompetenzen erlernen. «Eine Familie schrieb mir, das sei für sie nicht nachvollziehbar, da sie keinen pädagogischen Mehrwert dahinter sehen», sagt Metzinger.

«Ich selber finde es nachvollziehbar, dass sich die Stadt unter Abwägung der widersprüchlichen Aspekte Chancengleichheit und Wahlfreiheit für die Chancengleichheit entschieden hat», sagt Metzinger. «Aufgrund der für manche Familien hohen Kosten kann ich nur hoffen, dass die Qualität dem Preis entspricht», fügt er hinzu. Eine gesunde Ernährung sei schliesslich die Voraussetzung für eine gute körperliche und geistige Entwicklung.

Thommen Schmid findet das Modell der Tagesschule wahnsinnig wichtig für berufstätige Mütter. «Das ist die logische Schlussfolgerung der heutigen Gesellschaft», sagt sie. Sie als arbeitende Mutter dreier Kinder hätte sich eine Tagesschule gewünscht. «Zudem ist es mit diesem Konzept möglich, langfristig zu planen. Da die Stundenpläne der Klassen vereinheitlicht sind, können wir jetzt schon sagen, wie diese im nächsten Schuljahr aussehen werden.» Die Tagesschule sei ein gesellschaftliches Bedürfnis, in dessen Umsetzung die Schweiz etwas hinterherhinke. «Der Plan ist, die Tagesschule Schritt für Schritt in Dietikon flächendeckend anzubieten.»