Leserbeitrag

Prof. Carrel: Von Herzen – Wünschbares und Machbares in der spezialisierten Medizin

Louis Dreyer
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Die medizintechnische Industrie hat in den letzten Jahren bemerkenswerte Fortschritte gemacht. Noch vor 20 Jahren hätten wir uns gewisse medizinische Lösungen, die inzwischen alltäglich sind, nie vorstellen können. Doch ist alles Machbare auch sinnvoll und wünschbar? Über dieses Thema referierte Prof. Dr. med., Dr. h. c. Thierry Carrel, der bekannteste Herzchirurg der Schweiz, an einem öffentlichen VCU-Anlass in Aarau. Carrel schilderte den vielen Gästen, darunter eine Pharma-KV-Klasse, die Innovationen der Medizin, deren Grenzen und Auswirkungen und äusserte sich dezidiert zum Spannungsfeld zwischen Ethik und Ökonomie. Die Mediziner, aber auch die Gesellschaft sind gefordert, sich mit den Grenzen der modernen Medizin auseinanderzusetzen.

«Unsere Lebenserwartung wird immer höher», so Carrel mit dem Hinweis auf den Wandel der Demografie. Der Schweizer lebt heutzutage durchschnittlich mehr als 80 Jahre. Allein zwischen 1990 und 2010 betrug die durchschnittliche Zunahme der Lebenserwartung mehr als fünf Jahre. Der demografische Wandel und der medizinische Fortschritt führen zu einem steigenden Versorgungsbedarf, vor allem für mehrfach Erkrankte, chronisch Kranke und ältere Patienten. Der Medizinsektor ist mittlerweile zu einem Wachstumsmarkt und zugleich wichtigen Arbeitsmarkt mutiert.

Die Innovation der Medizin

«Der Fortschritt ist absolut unbegrenzt», stellt Carrel fest. «Wir haben heute keine Ahnung, was man im 21. Jahrhundert medizintechnisch noch erreichen wird. Die Medizin macht unglaubliche Fortschritte, und wir sehen heute Lösungen, die wir noch vor 20 Jahren als unmöglich eingestuft hatten.» Was gestern noch ein hohes Risiko und ethisch nicht akzeptiert war, soll plötzlich für alle Menschen möglich und segensreich sein. Bei aller berechtigten Freude über die erzielten Erfolge – es stellen sich zunehmend Fragen nach den negativen Aspekten dieser Innovation. Wir erkennen mehr und mehr, dass nicht alles, was möglich ist, auch wirklich sinnvoll und wünschenswert scheint. Dies zeigt sich in immer wieder neu aufkommenden schwierigen Entscheidungen, die zu treffen sind. Wer bekommt welche Behandlung? Wer finanziert das Ganze? Wie werden die Ressourcen gerecht verteilt?

Das Spannungsfeld zwischen Ethik und Ökonomie

Ohne eine Ökonomisierung in der Medizin wäre der Fortschritt in diesem Sektor in den letzten Jahren vielleicht nicht so schnell erreicht worden. «Die Ökonomisierung, die immer wesentlicher wird, birgt aber auch gewisse Gefahren, dass die Behandlung nicht nach der besten Qualität und dem besten Resultat, sondern nach dem optimalen Ertrag durchgeführt wird», gibt Carrel zu bedenken. Die Krankenhäuser sind auf eine möglichst effiziente Heilung der Kranken ausgerichtet. Der kranke Mensch wird jedoch verstärkt als Kunde und weniger als Individuum gesehen. Die gerechte Verteilung der knappen Ressourcen im Gesundheitssystem gehört zu den wesentlichen, ethischen Herausforderungen der Medizin. Aufgabe der Medizin-Ökonomie ist es, Konzepte für die optimale Nutzung und gerechte Verteilung von Gesundheitsgütern zu entwickeln. Was ist möglich? Was dürfen wir? Wo sind die Grenzen unseres Tuns? Das sind Herausforderungen, die bereits in Alltagssituationen häufig nicht einfach zu bewältigen sind. «Wer entscheidet was gerecht ist, wenn 100 Patienten auf der Liste für ein Spenderherz stehen? Der, der am längsten wartet? Oder der, der am jüngsten ist?», solche Fragen bringen die Mediziner immer wieder in schwierige Situationen. – Viele Fragen blieben in der regen Diskussion unbeantwortet. Aber die Sensibilisierung dafür war das Hauptziel dieses bemerkenswerten Referats.

Prof. Dr. med. Carrel zu ...

... Zukunft der Medizin: « Big Data wird möglicherweise einen Teil der Ärzte ersetzen. 2050 wird es in der Medizin komplett anders laufen. Wir dürfen uns nicht dagegen sperren und müssen zumindest versuchen, mit der Zeit zu gehen.»

... Personalisierte Medizin: «Das Ziel wäre, die Erfolgsarten einer Behandlung im Voraus besser zu erkennen. Die personalisierte Medizin würde beim Patienten alle Kriterien wie zum Beispiel Alter, Blutgruppe, Gewicht, Fettgehalt, Body Mass Index (BMI) und Familiengeschichte behandeln. Mit der Untersuchung von Erbgut kann herausgefunden werden, welches Medikament für den Patienten am geeignetsten ist. „Präzision, Wirksamkeit und möglichst wenige Nebenwirkungen wären hier das Ziel“. Ein Beispiel hierfür ist das Symptom Bluthochdruck. Hier gibt es verschiedene Klassen von Medikamenten. Jeder Patient reagiert anders auf jedes einzelne Medikament. Anstatt nun herum zu experimentieren, könnte man anhand der gemessenen Faktoren direkt das Passende verabreichen. Dasselbe trifft wahrscheinlich für die Chemotherapie zu.»

... Sterbehilfe: «Exit wurde in den letzten Jahren immer mehr zum Thema, weil die Medizin sich nicht mit den Patienten, die im Sterben liegen, beschäftigt – und das darf nicht sein. Wir haben viele Medikamente, wir können Patienten helfen und sie würdig in einen schmerzlosen Tod begleiten. Die Medizin muss sich daher noch weiter verbessern, so, dass ein unheilbar kranker Patient nicht auf Exit ausweichen muss.»

... Anrecht auf medizinische Leistungen: «Paradox ist, dass heute die teuerste Herzklappe am besten für ältere Patienten geeignet ist, diese sie aber am wenigsten lang brauchen. Eigentlich müsste man die teuersten Herzklappen den Kindern geben. Bei Medizinprodukten für Kinder ist die Medizintechnik noch nicht so fortgeschritten, weil der Markt sehr klein ist. Daher ist es für die Pharma und MedTech nicht lohnenswert, hier in die Forschung zu investieren.»

... Stress: «Mich stresst eine Agenda, die ich nicht erfüllen kann. Wenn sie voll ist, stresst mich das nicht.»

Respekt, Fairness, Verantwortung

Mit Anlässen zu aktuellen Themen fördert die Vereinigung christlicher Unternehmer VCU den Erfahrungs- und Meinungsaustausch unter den Mitgliedern sowie mit Fachleuten und interessierten Gästen. Hauptfokus ist laut VCU-Präsident Louis Dreyer dabei das «Wirtschaften mit Werten». Ziel der Vereinigung ist es, ihren Mitgliedern unternehmerische, gesellschaftliche und ethische Impulse zu vermitteln und ihre Verantwortung im Umgang mit Gesellschaft und der Welt wahrzunehmen. Dies ganz nach dem Motto: «Respekt – Fairness – Verantwortung».