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Eine zweite Chance durch die «casa fidelio»

Jacqueline Berger
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(chm)

Die sozial-therapeutische Institution «casa fidelio» in Niederbuchsiten unterstützt suchtkranke, erwachsene Männer bei der Wiedereingliederung. Sie brauchen umfassende Betreuung in allen Bereichen des Lebens. Oft ist durch die Sucht vieles zerstört worden, das Schritt für Schritt wieder aufgebaut werden muss.

Die Institution

Die Bewohner der casa fidelio leiden an Drogen-, Alkohol-, Medikamenten-, oder Spielsucht. Sie haben zuvor einen Entzug durchgemacht und suchen Hilfe, um ihr Leben zu meistern. Die Institution begleitet sie auf ihrem Weg in ein selbstständiges, erfülltes Dasein ohne Sucht. Dabei müssen alle Aspekte des Lebens berücksichtigt werden; selbstständiges Wohnen, finanzielle und administrative Unabhängigkeit durch eine geregelte Arbeit, sinnstiftende Freizeitbeschäftigung und ein gesundes soziales Umfeld. Es braucht Strategien, um Rückfällen vorzubeugen und neue Verhaltensmuster, um Beziehungen neu aufzubauen.

Wohnen in der casa fidelio

Die Bewohner der casa fidelio leben in Wohngruppen. Jeder Klient bewohnt dabei ein eigenes Zimmer und bringt sich in die Wohngemeinschaft ein, so gut er kann. Dabei geht es um Mitarbeit im Haushalt, aber auch um die gemeinsame Gestaltung der Freizeit und das Austragen von Konflikten. Gegen Ende der Aufenthaltszeit werden die Männer auf den Alltag ausserhalb der Institution vorbereitet, indem sie eine eigene Wohnung beziehen und den Haushalt selbstständig führen. Bis zu Beginn dieses Jahres bezogen die Männer dafür Wohnstudios innerhalb der casa fidelio. Um diese letzte Phase der Vorbereitung auf den Austritt realitätsnaher zu gestalten, wurde das Angebot im März 2021 erweitert. Neu stehen in Oberbuchsiten 5 Wohnungen für «Externes Wohnen» zur Verfügung. Dort leben die Männer selbstständig und eigenverantwortlich, werden aber betreut und beraten durch den Sozialpädagogen, Yannick Däppen.

Umfeld

Damit die Integration in die Gesellschaft langfristig funktionieren kann, brauchen die Männer ein intaktes Umfeld. Daher unterstützen die Sozialpädagogen die betroffenen Familien dabei, ihre Altlasten aufzuarbeiten und ihre Beziehungen wieder zu kitten. Ist das nicht möglich, versuchen sie, neue soziale Kontakte zu knüpfen, durch Hobbys oder Vereine.

Weiterbildung für neue Perspektiven

Die betreuten Männer haben häufig keine abgeschlossene Ausbildung, geschweige denn einen Job. Die casa fidelio bietet daher realistische Arbeitssituationen an, in denen jeder gefordert und gefördert wird und die Erfolgserlebnisse ermöglichen. So erlernen die Klienten den Umgang mit Kontinuität, Qualitätsansprüchen und Pünktlichkeit. Sie erarbeiten durch Schulungen und Gespräche die Fähigkeit, alltägliche private und berufliche Aufgaben zu meistern, sowie neue persönliche und berufliche Perspektiven zu entwickeln.

Das Erkennen der persönlichen Fortschritte und der Blick in eine erstrebenswerte Zukunft fördern das Selbstbewusstsein. Die eigenen Stärken und Schwächen werden erkannt und akzeptiert und das Selbstbild neu definiert.

Arbeiten als therapeutisches Mittel

Nach der Eintrittsphase arbeiten die Bewohner an internen Projekten, wie der Sanierung der Wohnhäuser, der Pflege der Aussenanlage, Hausarbeiten oder administrativen Aufgaben im Sekretariat. Sind sie genug gefestigt, folgt die Integrationsphase. Die Klienten absolvieren Praktika oder Schnupperwochen in Betrieben in der Region. Sie besuchen externe Kurse oder arbeiten an Aussenaufträgen mit.

Motivation durch Engagement bei den Gäuer Spielleuten

Ein solcher Aussenauftrag wurde der casa fidelio beispielsweise von den Gäuer Spielleuten erteilt. Für das Freilicht-Theaterprojekt «Frölein Dokter Felchlin – 50 Jahre Frauenstimmrecht» stellte ein Team von acht freiwilligen Klienten und dem Arbeitsagogen Fabian Luginbühl, die Lärmschutzwände und die gedeckte Zuschauertribüne auf. Aufträge wie dieser wirken motivierend, weil durch die vereinten Kräfte des Teams, in kurzer Zeit, ein ganzes Gelände wie verwandelt wirkt. Der gemeinsame Erfolg ist sichtbar. Hingegen können der zeitliche Druck und die Zusammenarbeit mit Leuten von aussen die Klienten überfordern. Es braucht daher einen offenen Umgang und eine enge Zusammenarbeit zwischen den Arbeitsagogen, den Sozialpädagogen, den Therapeuten und den Klienten. Gemeinsam wird abgewogen, wann der einzelne für welchen Schritt bereit ist. Auftraggeber sollten nach Möglichkeit zeitlich etwas flexibel sein, damit der Therapie Raum gegeben werden kann. Irma Stöckli, Projektleiterin der Gäuer Spielleute erwähnt die gute und zuverlässige Zusammenarbeit mit der casa fidelio. Das Team hat solide Arbeit geleistet, obwohl die Arbeit für niemanden alltäglich war. Das Ergebnis kann man noch bis Mitte September bei der Schälismühle in Oberbuchsiten sehen.

Das Leben danach

Mit Hilfe der Jobcoaches finden etwa 80 Prozent der Betreuten eine Anstellung in einem passenden Beruf. Auch nach dem Austritt werden die Männer noch eine Zeit lang durch das Team der casa fidelio begleitet und unterstützt. In Notfällen können alle ehemaligen Bewohner auf rasche und unkomplizierte Hilfe zählen.

Das Therapieangebot ist auf die individuellen Bedürfnisse der Klienten zugeschnitten. Die Probleme können sehr unterschiedlich sein. Manche haben Schulden angesammelt, andere sind straffällig geworden, wieder andere haben durch die Sucht körperliche oder geistige Folgen zu tragen. Daher gibt es kein allgemein gültiges Rezept. Was aber jeder von ihnen braucht, ist eine zweite Chance. Die casa fidelio versucht ihnen diese zu ermöglichen.

Sie können sie dabei unterstützen, indem Sie Anfragen für Arbeitseinsätze wohlwollend behandeln, die Institution durch eine Spende unterstützen oder sie engagieren, wie die Gäuer Spielleute.

Zum Weiterlesen:

casafidelio.ch

gaeuer-spielleute.ch

Bildautor: Fabian Luginbühl, casa fidelio

Texte zu Bildern:

Aufbau: Ein sichtbarer Erfolg auf dem Weg zur Integration: Bewohner der casa fidelio leisten grosse Unterstützung beim Stellen der Infrastruktur für die Gäuer Spielleute.

Wohnen: Externes Wohnen: Das neue Angebot unterstützt die Integration.

casa fidelio: Die casa fidelio: Sozial-therapeutische Einrichtung für suchtkranke Männer.

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