Nigeria - Trotz grosser Sorgen keine Aufgabe der Hoffnung

Stefan Treier
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Auf Einladung des Hilfswerks «Kirche in Not» besuchte Monsignore Obiora Ike die Schweiz, um in einigen Pfarreien über die aktuelle Lage in seinem Heimatland Nigeria zu berichten. In Baden wurde der Hohe Gast aus dem bevölkerungsreichsten Land Afrikas durch Domherr Josef Stübi an Allerheiligen herzlich willkommen geheissen. Die Corona-Krise hat auch den afrikanischen Kontinent erreicht. Es bestehen für die Bevölkerung grosse Sorgen – so drohen Gefahren für die Gesundheit, die Wirtschaft und letztlich für den sozialen Frieden.

Obiora Francis Ike ist Priester, ehemaliger Generalvikar der nigerianischen Diözese Enugu, ebenso Menschenrechtler und Schriftsteller. Zudem leitet der perfekt deutsch sprechende Monsignore das „Katholische Institut für Entwicklung, Gerechtigkeit, Frieden und Caritas“. Die Menschen Nigerias und deren Sorgen liegen ihm sehr am Herzen, weshalb ihm die Kontakte zu Europa wichtig sind. Jeder fünfte Afrikaner lebt in Nigeria.

Corona hat die soziale Lage verschärft

Bei 220 Millionen Einwohnern wurden bislang 64‘000 Personen positiv auf Corona getestet. Von den Erkrankten gelten heute 90 % als geheilt. Das Verhältnis der Erkrankten zur Bevölkerungs­zahl ist geringer als in Europa, Amerika oder Asien, was mit dem wärmeren Klima, der jungen Bevölkerung, der Genetik und der höheren Immunität zu begründen ist. Dennoch hat Corona schon heute in Nigeria spürbare Wunden hinterlassen. Das Gesundheitswesen und die Wirtschaft sind in Gefahr. Schon vor Corona bestanden soziale Probleme, heute sind sie noch schlimmer. Bereits wird das Land von einer Hungersnot heimgesucht. Viele Geschäfte sind geschlossen. Die Zahl der Arbeitslosen ist zunehmend, sind doch 41 % der Jugendlichen ohne Arbeit.

Viele müssen einen Tag arbeiten um für diese Zeit das Essen zu verdienen. Der Grossteil der Menschen lebt buchstäblich „von der Hand ins Maul“. Seit einigen Wochen plündern Jugendliche Geschäfte für die Erlangung lebensnotwendiger Güter, was Gewalttätigkeiten durch Strassen­schlachten auslöst. Während durch den Staat Militärkräfte gegen hungernde Menschen eingesetzt werden, stellen sich die katholische Kirche und die christlichen Gemeinschaften hinter die Notlei­denden und bemühen sich um konkrete Hilfen. Um einer drohenden humanitären Katastrophe zu entgehen, möchten viele Nigerianer flüchten, was für sie jedoch nicht einfach ist.

Bedrohungen durch militante Gruppen

Selbst wenn rund ein Drittel der Bevölkerung Nigerias Christen sind, ist deren Leben nebst den sozialen Problemen noch dauernden Gefahren durch militante Terrororganisationen ausgesetzt, so der radikalen Gruppe „Boko Haram“. Es gibt noch immer viele Märtyrer, welche ihres Glaubens wegen ihr Leben opfern müssen. Mit zahlreichen muslimischen Gläubigen werden gute Bezie­hungen unterhalten. Die Menschen in Nigeria fühlen sich in erster Linie als Afrikaner. Es beste­hen zwischen Christen und Muslimen aber überkonfessionelle Kontakte zur Zusammenarbeit.

Ideologisierte, vom Ausland beeinflusste Islamisten beeinträchtigen jedoch das friedvolle Leben in Nigeria und verursachen, vor allem im armen Norden des Landes, immer wieder Unheil und Leid anzurichten. Dschihadistische Gruppen streben ein Kalifat an und verfolgen alle, die einen säkularen Staat und ein gleichwertiges Nebeneinander der Religionen unterstützen. So kämpfen Christen und gemässigte Muslime gemeinsam gegen das Morden an der Zivilbevölkerung.

Herausforderungen für die Kirche

Im Gespräch verweist der afrikanische Gast auf die wichtigen Aufgaben, welchen sich die katho­lische Kirche in Nigeria stellt. Er sieht die Verkündigung des Wortes Jesus als Grundlage des christlichen Glaubens. Monsignore Obiora Ike betont den bedeutungsvollen Einsatz der Kirche für den Dialog zwischen den Kirchen auf allen Ebenen, auch mit den nichtchristlichen Glaubens­gemeinschaften. Der Inkulturation des christlichen Lebens in den Einklang der einheimischen Lebensmentalität steht ebenfalls ein grosser Stellenwert zu. Es wichtig, dass keine Entfremdung der Christen stattfindet, sondern ein authentisches Einbringen ihrer Kultur.

Ein besonderes Anliegen sind die Bekämpfung der drastischen Armut sowie der Einsatz für Ge­rechtigkeit und Frieden. Dies schafft letztlich auch Gesundheit für die Menschen. Mit Unterstüt­zung des Hilfswerks «Kirche in Not» bemüht sich die Kirche um Projekte für Schulen, Waisen- und Krankenhäuser. Das Hilfswerk engagiert sich seit über 50 Jahren für gezielte Hilfeleistungen in Nigeria, was von Monsignore Ike lobend verdankt wird.

Neuevangelisierung – Mut zu den Leuten bringen

Die Kirche legt grossen Wert auf die Verkündigung der frohen Botschaft, welche sie durch gute Nachrichten in die bunte Medienwelt einzubringen versucht. Den Menschen muss Mut gemacht werden. Um diesem Anliegen gerecht zu werden, wurde im Bistum Enugu eine Universität für Neuevangelisierung mit einem Zentrum für Lehrkräfte gegründet. 99 % der engagierten Personen sind Laien, welche sich für die charismatische Erneuerung im Sinne eines Anliegens von Papst Johannes Paul II stark machen. 17’000 Ordensleute, Theologiestudenten und Seminaristen werden – so Gott will – zur Zeit im ganzen Land Nigeria vorbereitet für künftige Dienste als Priester in der Weltkirche. Die Frauenberufungen sind fast doppelt so gross. Dies sind Hoff­nungszeichen für Land und Kirche.

Trotz Verfolgung, Terror und Corona schauen die Christen in Nigeria mit Mut und hoffnungsvoll der Zukunft entgegen. In den 58 Diözesen motivieren Priester, 47 Ordensgemeinschaften und Tausende von Laien die Menschen, auf der Grundlage des christlichen Glaubens die Hoffnung nie zu verlieren.

Stefan Treier

Das weltweit tätige Hilfswerk «Kirche in Not» Schweiz, Luzern, unterstützt seit Jahren die notleidende Kirche und ihre Gläubigen für die dringlichen sozialen und seelsorgerischen Anlie-gen von Mons. Prof. Obiora Ike. «Kirche in Not» dankt für jegliche Spenden, welche für die vielfältigen Bedürfnisse der leidenden Menschen in Nigeria erbracht werden (Postkonto 60 – 17200 – 9, Vermerk soziale Aufgaben Nigeria).