Leserbeitrag

In jungen Jahren Konfliktkompetenz entwickeln

Käthi Graf
Drucken
Teilen

Der Frauenbund Leuggern hat zwei spannende Vortragsabende mit Marianne Leber aus Wil (Erziehungscoach und Erziehungskursleiterin) veranstaltet.

Unter dem Titel «Geschwister haben sich zum Streiten gern» startete der erste Abend, an welchem die Organisatorinnen 15 Mütter, Väter und Grossmütter begrüssten. Streitereien unter Geschwistern sind anstrengend und nervenaufreibend. Trotzdem gehört das Streiten zum Familienalltag.

In einem kurzen Brainstorming fragte Marianne Leber die Teilnehmenden nach Gründen für Streitereien: Eifersucht, Rivalität, Konkurrenzkampf – man war sich einig. Doch wie und warum entsteht Streit? Was heizt Rivalität und Eifersucht an? Und wie können Eltern jedes einzelne Kind in seiner Position stärken und dadurch Rivalität mindern?

Eltern sollen Kinder begleiten

Grundsätzlich kann Eifersucht nicht vermieden werden. Aber Eltern können Kinder für den Umgang mit diesem starken Gefühl stärken, indem sie das Kind bejahen mit seinen Gefühlen. Die Rolle der Eltern ist, Kinder zu begleiten beim Möglichkeitensuchen, wie es Eifersucht ausdrücken kann. Beispiel: Worte nutzen anstatt Fäuste. Hosenlupf und Kräfte messen anstatt aggressiv zu Boden drücken, wenn das andere stopp sagt.

Wenn Kinder Streitregeln kennen und Eltern sich möglichst nicht einmischen, entwickeln Kinder Konfliktkompetenz und finden Lösungen durch Eigenerfahrung. So streiten Geschwister weniger um Aufmerksamkeit und Zuwendung der Eltern, sondern erleben sich angemessen selbstbewusst und fähig. Sie sind sich ihres Platzes in der Familie sicher.

Streiten gehört zum Grosswerden. Ebenso die Erfahrung, dass zum Streiten auch Versöhnung und Sich-wieder-Vertragen gehören. Marianne Leber vermittelte einige Vorschläge, wie man das Ganze etwas gelassener nehmen kann. Ein interessanter Abend mit vielen In-formationen ging zu Ende. Es wurde dis-kutiert und gelacht.

Nörgelei und Kritik sind wenig hilfreich

Der zweite Abend stand unter dem Titel «Damit der Gesprächsfaden nicht reisst – respektvolle Kommunikation mit Teenagern». Was passiert in der Pubertät?

Wieso verstehen Eltern plötzlich nichts mehr? Und weshalb finden Teenager Eltern peinlich? Marianne Leber erläuterte, was eigentlich alles vor sich geht in dieser Zeit.

Die Pubertät ist eine Zeit der ständigen Überforderung. Es sind Sturm- und Drangjahre. Der Grund dafür liegt in den massiven Veränderungen von Gehirn und Körper. Das Gehirn befindet sich in einem Totalumbau, den Marianne Leber anhand eines Beispiels erklärte. Ein «Aha» sowie ein Schmunzeln war von den Eltern zu vernehmen. Die erste Erklärung war also gegeben, wieso Eltern ihre Kinder nicht immer ganz verstehen.

Es geschieht aber auf verschiedenen Ebenen noch viel mehr; der Körper verändert sich zum Beispiel. Als Trost, wenn der «Umbau» vorbei ist, werden Dinge wie zum Beispiel der Ordnungssinn und die Logik wieder im Sinne der Eltern da sein. Es gehört zur Identitätsfindung, sich vorübergehend von vielen Wertvorstellungen der Eltern zu lösen. Jetzt ist es wichtig, sich zu interessieren, wie Jugendliche denken, was ihnen wichtig ist. Interesse zeigen heisst Jugendliche zu begleiten und sie zu res-pektieren auf der Wegsuche. Eltern sind eine Art Basislager für die Expedition Pubertät. Nörgeln und Kritik lässt den Gesprächs- und Beziehungsfaden reissen.

Halt geben und loslassen

Wenn Jugendliche bei gut gemeintem Nachfragen der Eltern signalisieren «Das weiss ich schon. Das musst du mir nicht sagen», dann weist dies darauf hin, dem Jugendlichen zu vertrauen. Die Balance zu finden zwischen «Halt geben» und «Loslassen» ist die grösste Herausforderung in der sich verändernden Beziehung und der neuen Art von Kommunikation. Eltern tun gut daran, sich zu erinnern, wie ihnen Ermutigung, Respekt und Vertrauen von den Eltern geholfen haben, als sie selber Teenager waren.

Viele hilfreiche Tipps erhielten die Zuhörer von der Erziehungskursleiterin.Ein wichtiger Punkt ist, den Umgangston und die Familienatmosphäre im Auge zu behalten und so den wertvollen Gesprächsfaden nicht zu verlieren. Dazu gab es ein Regelblatt mit nach Hause.

Gelassenheit finden
An beiden Abenden wurde einem bewusst, dass man nicht alleine ist mit diesen «Problemen und Sorgen». Der Alltag heute ist teilweise stressig und es fällten nicht immer leicht, verständnisvoll, ruhig und gelassen zu reagieren. Auch die El-tern haben nie ausgelernt und stellen sich immer wieder neuen Herausforderungen. Der Frauenbund wünscht den Eltern gutes Gelingen bei der Umsetzung,viel Geduld, Verständnis und viele tolle Momente mit ihren Kindern.