Emotionen
Druck im Bauch statt Glück: Gefühlsblinde nehmen keine Emotionen wahr - sie sind zahlreicher als wir denken

Es gibt Menschen, die nehmen weder bei sich noch bei anderen Emotionen wahr. Wie lebt man mit Gefühlsblinden zusammen? Eine Emotionsforscherin weiss es.

Alice Ahlers
Merken
Drucken
Teilen

Alexander sass am liebsten am Computer, las Artikel über Fahrräder oder Software. Als er heiratete, spürte er statt Glück oder Nervosität nur einen dumpfen Druck im Darm. Wenn es seiner Frau nicht gut ging, merkte er es nicht. Er fragte nicht nach oder nahm sie in den Arm. Oft bat sie, dass er sich doch mehr öffnen sollte. Doch er verstand nicht, was sie damit meinte.

Menschen wie Alexander stehen ihren Gefühlen und denen ihrer Mitmenschen ratlos gegenüber. «Sie haben Schwierigkeiten, ihre eigenen Emotionen zu empfinden, auszudrücken und die Gefühle anderer zu erkennen», sagt die Emotionsforscherin Carlotta Welding, die an der Freien Universität Berlin über viele Jahre Gespräche mit Menschen wie Alexander geführt hat.

Der Grund für sein Verhalten hat einen Namen: Gefühlsblindheit. Keine Krankheit oder psychische Störung, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal, das noch wenig erforscht war, als sie und ihre Kollegen mit einem Plakat in Berliner U-Bahnen nach Probanden suchten: «Sprechen Sie nicht gerne über Ihre Gefühle?», stand darauf. Über die Erkenntnisse und den Umgang mit Emotionen hat Carlotta Welding jetzt das Buch «Fühlen lernen» (Klett-Cotta Verlag) geschrieben.

Gefühlsblindheit ist ein Persönlichkeitsmerkmal, von dem etwa zehn Prozent der Bevölkerung betroffen sind.

Gefühlsblindheit ist ein Persönlichkeitsmerkmal, von dem etwa zehn Prozent der Bevölkerung betroffen sind.

Bildmontage: sam / Quellen: Pixabay/Getty

Etwa zehn Prozent der Bevölkerung sollen von Gefühlsblindheit betroffen sein. Manche von ihnen kommen damit gut durchs Leben.

«Im Beruf haben Gefühlsblinde manchmal sogar Vorteile, da es dort eher als unprofessionell gilt, emotional zu sein»,

sagt Carlotta Welding. Kollegen würden sie vielleicht als kopfgesteuert, ein bisschen unterkühlt, sachlich oder steif beschreiben. Sie nähmen Dinge aber auch nicht so schnell persönlich wie andere Menschen. In welchem Ton hat mein Chef gerade mit mir gesprochen? Hat er mich komisch angeguckt? Warum kriegt die schon wieder die Einladung zum Mittagessen, und ich nicht? Solche Fragen stellten sie sich gar nicht.

Sie bekommt verzweifelte Anrufe von Ehefrauen

Im Privatleben kommen viele Gefühlsblinde aber früher oder später an den Punkt, an dem sie von ihrer Umwelt gespiegelt bekommen: Ich kann so nicht mit dir. Das Gegenüber merkt, dass da irgendwie immer so eine Distanz ist. Es passiere aber ebenso, dass manche einen Partner finden, der ihre Art akzeptiert oder sogar mag. Das seien dann häufig sehr stabile, zuverlässige Beziehungen, denn gefühlsblinde Menschen verliebten sich seltener Hals über Kopf in jemand anderen oder brächen aus heiterem Himmel alle Brücken hinter sich ab, um auszuwandern. Doch auch wenn Gefühlsblinde zuverlässig und loyal sind, kann eine Beziehung mit ihnen sehr belastend sein. So riefen Carlotta Welding auch schon verzweifelte Ehefrauen an und fragten: Können Sie nicht mal mit meinem Mann reden?

Tatsächlich gibt es Wege, die zwischenmenschliche Distanz zu verringern. «Auch gefühlsblinde Menschen können ihre emotionale Kompetenz steigern», sagt Welding. In einer Therapie gehe es oft erst einmal darum, dass sie sich ein anderes Verhalten antrainieren. So erhalten sie zum Beispiel die Aufgabe, wenn sie abends nach Hause kommen, sich bewusst Zeit für ihre Frau zu nehmen, ihr in die Augen zu schauen und zu fragen: «Na, wie geht’s dir? Wie war Dein Tag?» Was zunächst womöglich nicht besonders authentisch erscheint, kann eine positive Dynamik entwickeln. «Eine Frau, die nie von ihrem Mann gefragt worden ist, wie es ihr gehe, ist total von den Socken, wenn das plötzlich passiert», erzählt Welding. Die positive Reaktion bestärke den Gefühlsblinden darin, das neue Verhalten beizubehalten.

«Auch ein gefühlsblinder Mann will lieber eine gut gelaunte Ehefrau an seiner Seite.»

Eltern sollten zu Kindern nicht cool bleiben

Ein weiterer Ansatz in der Therapie ist das Schreiben, denn Emotionen zu verbalisieren, steigert das Verständnis für die eigenen Gefühle. Wenn man sich darin trainiert, die richtigen Wörter zu finden, schärft sich der Blick auf den eigenen emotionalen Haushalt. «Fühlen kann man lernen. Davon bin ich überzeugt», sagt Carlotta Welding. «Aber natürlich muss ein rational veranlagter Mensch nicht zu einer Temperamentskanone werden.»

Die Ursachen der Gefühlsblindheit sind unterschiedlich. Sie können einerseits in genetischen Faktoren liegen, andererseits auf emotionale Vernachlässigung durch die Eltern zurückgehen. In der Kindheit spiegeln Mutter und Vater die Gefühle ihrer Kinder wider, benennen sie und zeigen ihnen, wie sie damit umgehen können. Wenn dieses emotionale Lernen ausbleibt, stehen sie vor Gefühlen wie der Ochs vorm Berg.

Auch zwischen Carlotta Welding und dem eingangs erwähnten Alexander entstand in den vielen Sitzungen nie so etwas wie Vertrautheit. Er habe in den Gesprächen selbst eher uninteressiert gewirkt, berichtet sie, habe aber hinterher Mails mit Fragen oder Anmerkungen geschickt, die gezeigt hätten, dass ihn seine Persönlichkeit gedanklich doch sehr beschäftige.

Fragt man Gefühlsblinde nach ihren Empfindungen, antworten sie oft mit Beschreibungen von körperlichen Zuständen. Als sein Vater eine Krebsdiagnose bekam, bekam Alexander Herzrasen und ging deshalb zum Arzt, der nichts Auffälliges finden konnte.

Statt mit Freunden redet man heute mit Profis

In ihrer Praxis hilft Carlotta Welding als Emotionstherapeutin nicht nur Gefühlsblinden, sondern auch Menschen, die allgemeine Probleme im Umgang mit Gefühlen haben, sich emotional taub fühlen oder auch von ihren Gefühlen überrollt werden und sie unter Kontrolle bringen wollen. «Mein Gedanke war, dass es viele Menschen gibt, die ihre Gefühle nicht verstehen, ohne jedoch eine psychische Krankheit zu haben», sagt Carlotta Welding.

«Trotzdem brauchen sie genauso Hilfe dabei, mit ihren emotionalen Problemen umzugehen.»

Der Bedarf dafür scheint gross. Feste Bindungen und enger Kontakt zu Familie oder Freunden nehmen in der westlichen Welt ab. Für das, was man früher mit dem besten Freund besprochen hätte, braucht man heute professionelle Hilfe.