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Zwischen Tracht und Mode

Wie wäre es, wenn wir, ähnlich wie in Bayern, an Parties und an der Arbeit in einer modernen Tracht erscheinen könnten? Wenn wir uns darin nicht nur wohl, sondern auch zeitgemäss gekleidet fühlten und uns nicht vorkämen wie an einem Volksfest? Wenn eine Tracht nicht mehr strengen Regeln
Ländlich-urban: Die «Sentis»-Kollektion vereint traditionelles Handwerk mit trendigem Design. (Bild: Knoepfel+Indlekofer)

Ländlich-urban: Die «Sentis»-Kollektion vereint traditionelles Handwerk mit trendigem Design. (Bild: Knoepfel+Indlekofer)

Wie wäre es, wenn wir, ähnlich wie in Bayern, an Parties und an der Arbeit in einer modernen Tracht erscheinen könnten? Wenn wir uns darin nicht nur wohl, sondern auch zeitgemäss gekleidet fühlten und uns nicht vorkämen wie an einem Volksfest? Wenn eine Tracht nicht mehr strengen Regeln gehorchen müsste, sondern nach modernen, freien Kriterien entworfen würde?

«Leider ist die Schweizer Trachten-Tradition vor 100 Jahren eingefroren», sagt Bernhard Duss, Stickerei-Entwerfer, Kostümbildner und Leiter der Bambola-Boutiquen. Als Designer der «Sentis»-Kollektion hat er von den Ostschweizer Kantonen den Auftrag gefasst, zusammen mit der gebürtigen Rheintalerin Kathrin Baumberger im Rahmen des «Echos»-Kulturförder-Programms Kleider zu entwerfen, die Brauchtum, Tracht und aktuelle Mode verschmelzen. Und die ihren Ursprung in der Ostschweiz haben.

Seit dem 12. September werden die 35 Einzelstücke der Kollektion in einem Shop vor dem Neumarkt in St. Gallen angeboten. Und dies mit Erfolg: «Bereits in der ersten Woche wurde wie wild gekauft», sagt Marcus Gossolt von der für das Projekt verantwortlichen Agentur «Alltag».

Inspirationsquelle für Designer

Die Idee, junges Design mit traditionellem Kunsthandwerk zu verbinden, ist nicht neu. Trachten haben die Modeschöpfer in den letzten Jahrzehnten immer wieder inspiriert und tun es heute noch: Jean-Paul Gaultier, Christian Lacroix, Willy Bogner, Dries van Noten und Christian Dior sind nur einige der Modeschöpfer, die damit Akzente gesetzt haben. Christian Dior reiste nach dem Zweiten Weltkrieg sogar persönlich nach Appenzell, um der Fronleichnam-Prozession beizuwohnen. Er hatte gespürt, dass sich die Menschen nach den harten Kriegsjahren wieder nach Tradition und mehr Weiblichkeit sehnten. Diors legendärer New Look aus dem Jahre 1947 lehnt sich stark an die Trachten-Mode an. Glockig-weite Jupes, geschnürte Taillen und weich abfallende Schultern waren das Gegenstück zur maskulinen Kriegsmode.

Kein Ethno-Hollywood-Kitsch

«Es war nicht unser Ziel, volkskulturelle Trachten-Elemente zu einer Persiflage verkommen zu lassen», sagt Duss. «Mit unserer experimentellen Kollektion planten wir auch nicht, die Trachten-Mode neu zu erfinden. Wir wollten keinen Ethno-Hollywood-Kitsch, sondern mit ostschweizerischen Elementen einen modernen Kleidungsstil entwickeln.»

Ein Blick in die kleine Kollektion zeigt, dass das erste Experiment des Designer-Duos vielversprechende Ansätze enthält. Die originellen Details – allesamt Anlehnungen an die Appenzeller Trachten –, wurden raffiniert eingesetzt. Vor allem die Knöpfe, vom Appenzeller Gürtelfabrikant Adalbert Fässler jun. aus Einfränklern, zwanzig-Rappen-Stücken und Fünferlis in gewölbte Formen geklopft und mit vier Löchern durchbohrt, begeistern durch ihre ländliche Originalität.

«Die Schwierigkeit bestand darin, sich für ein paar wenige Inspirationen aus Büchern, Museen und von Originaltrachten zu entscheiden und diese auf heutige Kleider zu übertragen», sagt Bernhard Duss. Als Beispiel holt er einen Appenzeller-Gürtel aus einer Schachtel. «Die Messingkühe darauf wirken dank Weglassung der Ziselierung viel moderner.»

Stickerei ist ein weiteres wesentliches Element einer Tracht. Das Designer-Team hat sie sparsam eingesetzt. Gerade so, dass sie mit ihren Sujets und Farben die Geschichte des Appenzellerlands erzählen. Besonders hübsch sind bunte Geisslein , Tannen und Blüten-Motive in leuchtendem Violett, Ockergelb, Pink und Grün, die an Scherenschnitte erinnern. Sie zieren den Napoleon-Kragen einer schwarzen Woll-Jacke. Das Unikat kostet 980 Franken. «Ein fairer Preis, berücksichtigt man die aufwendige Handarbeit der Couture-Schneiderinnen Karin Bischoff und Sandra Mösli.»

Zu den Basis-Stücken der Kollektion gehört ein kurzer Kapuzen-Blouson mit haariger Oberflächen-Struktur. Erst beim genaueren Hinsehen entdeckt man an runden, puffig geschnittenen Ärmeln die Verwandtschaft mit einer historischen Tracht. Viel Beachtung findet ein kurzer Jupe mit zweifarbigem Bordüren-Motiv aus dem 18. Jahrhundert. «Es stammt von einer Kranzrock-Tracht. Ich habe das Muster selbst mit einem Holzmodel auf einen Wollstoff gedruckt», sagt Duss.

Mieder und sperrige Stoffe

An der Mieder-Idee kommt kein Designer vorbei, will er sich an Appenzeller Trachten inspirieren. «Wir haben davon aber nur die Schnürbänder entlehnt und diese als dezente Dekoration am Vorderteil des Kleides angebracht.» Der etwas sperrige Stoff in frechen Beeren- und Mokka-Farben und der reduzierte Schnitt geben den Modellen einen trendigen Charakter.

Die Kollektion enthält auch zwei weisse Damen-Blusen. Die eine, mit einer in Neon-Pink besprayter Guipure am Ausschnitt, wirkt auf den ersten Blick leicht über-experimentiert. Bernhard Duss widerspricht: «Zu Jeans sieht die klassische Stickerei toll aus.» Trotzdem: Die Kunst des Weglassens kommt bei der anderen Bluse mit dezenten Laschen-Einsätzen und feinen Plissees überzeugender zum Ausdruck.

Eigenwillige Umsetzung

Ob beim gelben Pulli die robuste Wolle, beim «Schlüfer»-Männerhemd die Brustpatte mit Knopflöchern, beim «Lismerli» die Rücken-Streifen, bei der Männer-Pulli-Serie die leuchtenden Farben der Sennen-Tracht, bei der braunen Lodenjacke den «Schlotten»-Charakter, bei der Hose der Reissverschluss-Latz: Die Trachten-Elemente sind allesamt vertreten. Frech, eigenwillig, modern. Das gilt sowohl für die rot-blau gestreiften Damen-Hosen aus Schürzenstoff wie auch für den bunt geflochtenen Wollschal in Anlehnung an die Riemen der Kuhglocken oder die Silberkette mit Vulkansteinen.

Ob die «Sentis»-Kollektion den Weg zu einer Identität stiftenden Ostschweizer Bekleidung der Zukunft ebnen, bleibt abzuwarten. Es lohnt sich aber in jedem Fall, die Fährte weiterzuverfolgen.

Yvonne Forster

Die «Sentis»-Kollektion ist bis 25. Oktober im Container-Shop beim Neumarkt 1 in St. Gallen zu kaufen (geöffnet Mo–Fr ab 12, Sa ab 9 Uhr).

Hemd 285.–, Hose 490.–, Gurt 500.–

Hemd 285.–, Hose 490.–, Gurt 500.–

Blouson 580.–, Hose 550.–. (Bilder: Nicolas Duc)

Blouson 580.–, Hose 550.–. (Bilder: Nicolas Duc)

Kleider mit Schnürung 580.–.

Kleider mit Schnürung 580.–.

Braut und Bräutigam im neuen Trachtenlook.

Braut und Bräutigam im neuen Trachtenlook.

«Sentis»-Designer Bernhard Duss.

«Sentis»-Designer Bernhard Duss.

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