Zwischen Apfelkeller und Himmelszelt

In einer Woche wissen wir, wer den Schweizer Buchpreis gewonnen hat. Es könnte Gertrud Leutenegger sein, ihr neuer Roman «Panischer Frühling» ist nach dem Deutschen auch für den Schweizer Buchpreis nominiert. Ich habe ihn noch nicht gelesen.

Beda Hanimann
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book (Bild: Beda Hanimann)

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In einer Woche wissen wir, wer den Schweizer Buchpreis gewonnen hat. Es könnte Gertrud Leutenegger sein, ihr neuer Roman «Panischer Frühling» ist nach dem Deutschen auch für den Schweizer Buchpreis nominiert. Ich habe ihn noch nicht gelesen. Stattdessen habe ich vor meinem Bücherregal wieder einmal die meist ganz kurzen Leutenegger'schen Titel studiert: «Kontinent», «Gouverneur», «Acheron», «Meduse», «Ninive» oder «Matutin».

Seit «Vorabend», dem 1975 erschienenen Erstlingsroman, fasziniert mich Gertrud Leuteneggers leichtfüssige, fast schwebende, assoziative Prosa. Im Erstling schreitet eine junge Frau für sich allein die Route einer bevorstehenden Demonstration ab. Sie nimmt Eindrücke der Stadt auf, erinnert sich an früher, an andere Orte, lässt die Gedanken schweifen.

Das liebste Buch ist mir «Pomona». Auch da spielen Gegenwart und Vergangenheit ineinander, es erzählt von einer Frau, die mit einem trunksüchtigen Mann zu überleben versucht. Er besitzt «eine ausserordentliche Kraft zum Vergessen», sie spürt den Drang, sich zu erinnern. Dafür stehen starke Metaphern, hier die Unerreichbarkeit des Himmelszeltes, das der Mann durchs Teleskop betrachtet, dort die Erinnerungswelt des Apfelkellers aus den Kindheitstagen der Frau. «Pomona» ist ein wunderbarer Kosmos der Sinnlichkeit – mit einer verblüffend versöhnlichen Botschaft. Das Leben, lautet sie, sei nicht ein Verhängnis, «sondern ein Wagnis, ausgestattet mit allen Rechten des Handelns».

Gertrud Leutenegger: Pomona, Suhrkamp 2004