Zwei Frauen

Büchertisch Viola Roggenkamp hat ihr literarisches Thema gefunden: jüdische Identität in Deutschland. Nach «Familienleben» legt sie nun «Die Frau im Turm» vor. Die beiden zentralen Figuren sind weiblich. Die eine lebt im 18.

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Büchertisch

Viola Roggenkamp hat ihr literarisches Thema gefunden: jüdische Identität in Deutschland. Nach «Familienleben» legt sie nun «Die Frau im Turm» vor. Die beiden zentralen Figuren sind weiblich. Die eine lebt im 18. Jahrhundert, Anna Constantia Reichsgräfin von Cosel, eine Christin mit Interesse für die jüdische Kultur. Sie war eine eigensinnige Persönlichkeit, bei der auch August der Starke schwach wurde: Mit Mitte 20 wurde die Gräfin seine Geliebte, zehn Jahre später schloss er sie auf Burg Stolpen ein. Parallel dazu erzählt Roggenkamp die Geschichte der jungen Hamburgerin Masia. Von ihrem Vater weiss sie nur, dass er ein Jude war, sich nach der Geburt von ihrer Mutter getrennt hat und in der DDR lebte. In Dresden geht sie auf die Suche nach ihm. Wie die von den eigenen jüdischen Wurzeln faszinierte Masia mit der ernüchternden Wirklichkeit der Stasi konfrontiert wird, gehört zu den gelungensten Passagen des Romans. Anna stirbt, Masia sucht weiter – Viola Roggenkamp ist zu klug für ein Happy End auf ganzer Linie. (sda)

Viola Roggenkamp: Die Frau im Turm. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2009, Fr. 34.90

Poesieblatt

Was dagegen hilft

Früh aufstehen und raus,

aufs Wasser schauen,

an Kaffeebohnen riechen,

Nägel lackieren,

zum Friseur gehen,

und ansonsten: Weinen, Wärme-

flasche, Wiedergeburt

Bedingt hilfreich:

viel darüber reden,

den Arzt wechseln,

Strümpfe hochziehen,

Schokoladennikoläuse vom

Vorjahr wegessen,

wahlweis' zum Abschied sagen:

Und bitte

rufen Sie mich auch nie wieder an

Ganz und gar nicht hilfreich:

aufmunternde Worte,

Power-Shopping,

Kamillentee, Fencheltee, grüner

Tee,

am allerwenigsten: der feste

Vorsatz,

mit fremden Männern zu flirten

Am Ende hilft womöglich

dennoch

irgendwie alles,

wenngleich wenig

und immer nur kurz.

Matthias Politycki

Seinen «Gesammelten Ratschlägen befreundeter Damen» stellt Matthias Politycki die männliche Version gegenüber – mit Tips wie «eine Liste machen» oder «mit den richtigen Leuten darüber schweigen». Die Gedichte sind zu finden im Jahrbuch «Das Gedicht», das Anton G. Leitner diesmal mit dem Aargauer Lyriker Markus Bundi herausgegeben hat. Von der Ersten Hilfe über die Behandlung, das Liegen und das Gesundwerden haben sie eine reiche Sammlung an heilsamen Gedichten zusammengestellt. (eba)

Gefühlter Puls – rezeptfreie Gedichte. Das Gedicht, Band 16, hrsg. von Anton G. Leitner und Markus Bundi. Leitner-Verlag, Wessling 2008, 12 Euro www.dasgedicht.de

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