Zuviel Handyzeit schadet dem Schlaf der Kindergärtler

Sport und Spiel prägen den Alltag von 4- 6-jährigen deutlich mehr als die Bildschirmpräsenz. Die Bildschirmzeit der Kinder beeinflusst ihr Wohlbefinden kaum. Das zeigt eine neue Schweizer Studie.

Bruno Knellwolf
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Da stehen dem Hirnforscher die Haare zu Berge. Das Smartphone raubt Kleinkindern den Schlaf.

Da stehen dem Hirnforscher die Haare zu Berge. Das Smartphone raubt Kleinkindern den Schlaf.

Imago Stock&people / imago stock&people

Für den bekannten Hirnforscher, Psychiater und Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Ulm Manfred Spitzer ist der Fall klar: Kleinkinder gehören nicht vor Bildschirme. Das Smartphone sei der grösste Freiheitskiller für Kinder. Und es erzeuge in jedem Alter des Kindes Störungen. Den älteren raube es die Wörter aus dem Hirn, bei den kleinen verursache es Schlafstörungen, sagte er unlängst an der Universität St.Gallen.

Zumindest das zweite bestätigt eine Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), welches den Medienumgang von Vorschulkindern untersucht hat. In dieser Adele+-Studie wurde zum einen analysiert, wieviel Zeit Kinder zwischen vier und sechs Jahren vor einem Bildschirm verbringen, welche familiären Bedingungen den Medienkonsum fördern und welche gesundheitlichen Auswirkungen dieser hat. Eines der vielen Studienresultate zeigt, dass höhere Handyzeiten wie von Spitzer erwähnt tatsächlich mit häufigeren Schlafproblemen einhergehen. «Möglicherweise wirkt sich die erhöhte Handyzeit negativ auf den Schlaf aus oder umgekehrt können Schlafprobleme zur Folge haben, dass Vorschulkinder mehr Zeit mit einem Handy verbringen», schreiben die Studienautoren. Guter und ausreichender Schlaf ist aber enorm wichtig für die Entwicklung der Vorschulkinder.

Bildschirmzeit beeinflusst Wohlbefinden kaum

Nicht so negativ wie die Handyzeit ist dagegem die Bildschirmnutzungszeit, also vor allem jene vor dem Fernseher. «Wir haben in unserer Studie keinen Zusammenhang zwischen der Bildschirmnutzungszeit und dem psychischen und körperlichen Wohlbefinden von Vorschulkindern gemessen. Ein schwacher Zusammenhang ergab sich aber zwischen der täglichen Bildschirmzeit und der Schlafqualität», sagt die ZHAW-Forscherin Jael Bernath.

Zu unterstreichen sei aber, dass es sich beim gefundenen Zusammenhang zwischen Schlafqualität und Bildschirmnutzung um einen kleinen Effekt handle. Die Auswirkung auf den Alltag der Kinder und deren Wohlbefinden könne somit als eher klein eingeschätzt werden, sagt Bernath. Trotzdem sollten Eltern sollten auf die Bildschirmzeiten ihrer Sprösslinge achten, schreiben die Studienautoren, denn wer zu viel vor einem Bildschirm sitzt, hat oft auch Gewichtsprobleme, Übergewicht.

Dreimal mehr kreativ als digital

Doch bevor wir nun in Kulturpessimismus verfallen: Die Studie zeigt, dass die Bildschirmpräsenz der allermeisten Vorschulkinder gar nicht so gross ist. Die Kinder verfügen nur selten über eigene Geräte, ihr Alltag ist viel stärker von nicht-medialen Aktivitäten geprägt als von digital-medialen. Mit 5,5 Stunden pro Tag nehmen Spiel, Sport und kreative Tätigkeiten durchschnittlich drei Mal mehr Platz ein als die Bildschirmzeit. Je höher das Bildungsniveau in einer Familie, umso geringer ist die Bildschirmzeit des Kindergartenkinds. Bücher haben bei den 4-6-jährigen die grösste Bedeutung, danach folgen Musik- oder Radiohören und an vierter Stelle das Fernsehen. Vor dem TV verbringen die Kleinen die meiste ihrer Bildschirmzeit, 70 Prozent aller Kinder schauen regelmässig, das heisst täglich, fern.

Verantwortungsvolle Eltern

Zum Schluss des Berichts, der im Auftrag des Schweizerischen Gesundheitsobservatorium (Obsan) erstellt worden ist, schreiben die Studienautoren, dass beinahe alle Eltern in der Schweiz ihre Verantwortung bezüglich des Medienkonsums ihrer Kinder wahr nähmen und den Kinder Grenzen setzten. Aber halt nicht alle.

Sie empfehlen grundsätzlich, vor allem vor dem Schlafengehen Bildschirme zurückhaltend zu nutzen. Dem natürlichen Bewegungsdrang der Kinder müsse Raum geboten werden. Da sind die Autoren wieder beim Hirnforscher Spitzer: «Freude, Selbstvertrauen, soziale Bindung. Das bringt’s. Und das muss draussen, im Freien stattfinden.»