Zeitreise ins Kandertal

Kandersteg ist einer der wenigen Orte, wo noch viele Zeugen aus der vorletzten Jahrhundertwende erhalten geblieben sind – vom Jugendstilhotel bis zur Bobbahn. Eine authentische Kulisse für eine Belle-Epoque-Themenwoche. Wir haben uns das nostalgische Treiben im Januar angeschaut. Peter Hummel

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Curling wie anno dazumal: Auch in «unsportlichen» Kleidern lässt sich seriös Sport betreiben, und auch ein Reisigbesen tut's. (Bilder: Peter Hummel)

Curling wie anno dazumal: Auch in «unsportlichen» Kleidern lässt sich seriös Sport betreiben, und auch ein Reisigbesen tut's. (Bilder: Peter Hummel)

Vor bald hundert Jahren fing die Blüte von Kandersteg als weltläufiger Winterkurort an. Mit Eröffnung der Lötschbergbahn kamen die internationalen Feriengäste: die Schotten führten das Curling ein, die Engländer das Bobfahren und die Italiener die Salonmusik. Tempi passati – längst liegt der traditionsreiche Ort abseits der grossen Tourismusströme, erst recht seit Eröffnung des Lötschberg-Basistunnels 2007. Kandersteg ist hübsch, aber leicht verschlafen. Einige Hotels wirken gar ein bisschen verstaubt. «Aus der Not eine Tugend machen», sagte sich Verkehrsdirektor Jerun Vils und hob vor Jahresfrist die erste Belle-Epoque- Woche aus der Taufe. Beim anhaltenden Retro-Flair müsste das doch gut ankommen.

Ein Dorf spielt mit

Und wie! Plötzlich sieht alles anders aus – die Beschaulichkeit im «Old fashioned»-Stil liefert ein perfektes Ambiente: Der Bahnhofvorsteher empfängt in alter Uniform, vor dem Bahnhof wartet das Pferdetaxi, der Pöstler geht in altem Gewand auf Tour, und in der alten Schmiede werden wieder Eispickel von Hand gehämmert. Im ganzen Dorf bedient das Ladenpersonal in historischen Kostümen. Selbst die Touristen spielen mit: Dank eines Kleiderverleihs im Verkehrsbüro kann man sich noch spontan einkleiden.

Und es ist eine ganze neue Erfahrung, statt wie ein verhinderter Skichampion hoch funktionell für einmal ziemlich altmodisch, dafür mit umso mehr Grandezza durchs Dorf zu promenieren. Der initiative Tourismuschef ist jedenfalls selbst überrascht, welch enormes Echo die Belle-Epoque-Woche auslöste. Sie ist auf Anhieb eine neue Touristenattraktion und hat auch bei Einheimischen grossen Anklang gefunden.

Mit wehendem Rock

Noch etwas zaghaft ist die Beteiligung am täglichen sportlichen Programm, etwa beim Curling und Nostalgie-Eislauf. Auch der Zuspruch zu den Telemark-Kursen auf Oeschinen hält sich in Grenzen. Herrlich anzuschauen ist es allemal, wie die stilecht ausstaffierten Veteranen und Veteraninnen in Knickerbockern und wallenden Röcken den eleganten Knieschwung zelebrieren. Wie schön ins Bild gepasst hätte hier doch noch die sechzigjährige Pionier-Sesselbahn, die erst vor zwei Jahren einer modernen Gondelbahn weichen musste. Hätte man gewusst, welche Attraktion diese Belle-Epoque-Woche werden kann, hätte man sich's hoffentlich anders überlegt…

Zu einer richtigen Volksgaudi wird hingegen die Tailing Party, eine von einer Pferdekutsche gezogene «Schlittenpolonaise» über die gesperrte Dorfstrasse. Auch das Bobrennen ist einfach köstlich. Ein Glücksfall, dass die historische Bobbahn im Oeschiwald als Schlittelbahn noch vorhanden ist und dazu auch noch ein historischer Bob aufgestöbert wurde. Ein hiesiger Schreiner verstand es, das urtümliche Gefährt mit viel Geschick auszubessern; in Erwartung des grossen Andrangs liess Jerun Vils bei ihm gar drei authentische Replikas nachbauen.

So einfach deren Lenkung dank des Steuerrades erscheint – wenn die ungeübten Passagiere die richtige Gewichtsverlagerung nicht beherrschen, nützen die besten Steuerkünste nichts. In den nicht so schneefesten historischen Klamotten kann dann ein Kipper schon etwas ungemütlich werden…

Stilvoller «Thé dansant»

Zum Aufwärmen hilft dafür eine nostalgische Kartoffelsuppe oder ein Enzianschnaps. Die feineren Herrschaften treffen sich derweil zum Thé dansant, wo historische Darbietungen oder Gesellschaftsspiele locken. Herrlich, wie stilecht oder gar chic angejahrte Cafés plötzlich wieder wirken können. Abends warten dann Diners mit musikalischer Umrahmung, und krönender Abschluss ist der «Jahrhundertball» im perfekten Ambiente des Hotels Victoria-Ritter – für weniger ParkettGeübte sogar mit vorgängigem Crash-Tanzkurs. Ehrensache, dass sich die Herren in den Frack stürzen und die Damen mit ausladenden Hüten um die grösste Beachtung buhlen. Selbst das Servicepersonal lässt sich mit zeitgerechten weissen Schürzchen nicht lumpen.

Fazit: Die Woche lässt Kandersteg im Glanz vergangener Zeiten aufleben; sie ist ein charmanter, stimmiger Anlass, der auf dem besten Weg ist, zu einer Institution zu werden. Sie ist derzeit einzigartig, wenngleich es sich nicht um eine neue Erfindung handelt: Vor bald zwei Jahrzehnten führte eine Gruppe spleeniger Engländer um Lord Schellenberg während einiger Jahre in Bergün «Olympic Games» mit nostalgischer Ausrichtung durch.

Perfektes Ambiente für den «Jahrhundertball»: Hotel Victoria-Ritter.

Perfektes Ambiente für den «Jahrhundertball»: Hotel Victoria-Ritter.

Bobfahren: Auch auf Holz lässt sich rasant zu Tale flitzen.

Bobfahren: Auch auf Holz lässt sich rasant zu Tale flitzen.