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Wunderpflanze in der Grauzone

Süsser als Zucker, linienfreundlich, natürlich: Das alles bietet der Extrakt, der aus der Pflanze Stevia gewonnen wird. In Europa ist er verboten – nun aber hat die Schweiz einem Freiburger Kleinunternehmen ein Stevia-Getränk erlaubt.
300mal süsser als Zucker, keine Kalorien: Stevia-Plantage und geerntete Pflanzen in Paraguay.

300mal süsser als Zucker, keine Kalorien: Stevia-Plantage und geerntete Pflanzen in Paraguay.

Stevia ist wie Zucker, nur besser: Die Blätter der Pflanze süssen, aber sie enthalten keine Kalorien. Doch in der EU ist Stevia nicht zugelassen. Denn seit 1997 werden in der EU alle Lebensmittel, die neu auf den europäischen Binnenmarkt eingeführt werden, streng kontrolliert. Doch nun hat die Lebensmittelindustrie der EU dadurch einen Wettbewerbsnachteil. Denn die Schweiz hat nun als erstes europäisches Land ein Hintertürchen für den natürlichen Zuckerersatz geöffnet.

Hintertür auf, Stevia rein

Bislang orientierte sich die Schweiz an der Haltung der EU. Nun rückt sie vorsichtig von ihrer Position ab. «Der Nutzung des Stevia-Extrakts steht ausser einem Bewilligungsantrag nichts im Weg», sagt Elisabeth Nellen-Regli, Leiterin der Sektion Lebensmittel und Gebrauchsgegenstände des Bundesamtes für Gesundheit (BAG). Der Grund: Im Juni hat der Sachverständigenausschuss für Lebensmittelzusatzstoffe (JECFA) der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation und der Weltgesundheitsorganisation einen Stevia-Extrakt beurteilt. Zwar ist der Stevia-Extrakt nach wie vor nicht als Zusatzstoff in der Schweiz zugelassen. Aber das BAG kann auf Antrag die Nutzung genehmigen. «Wir müssen nur noch überprüfen, ob eine Notwendigkeit für die Nutzung des Zusatzstoffes vorliegt», sagt Nellen-Regli. Und diese Notwendigkeit ist schon dadurch gegeben, dass Stevia Zucker in Produkten ersetzen kann, die keine oder wenig Kalorien haben sollen. Der Haken mit dem Wunderkraut: Bei Stevia-Extrakten mit 95 Prozent Reinheit sind in Konzentrationen von mehr als 4 Milligramm pro Körpergewicht laut Experten negative Effekte wie Blutdruckabfall oder Unterzuckerung nicht auszuschliessen.

Schachmatt

Der Schweizer Vorstoss erhöht den Druck auf die EU. «Mit diesem Schachzug ist die Schweiz das erste europäische Land, das Stevia zulässt», sagt Udo Kienle, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Agrartechnik an der Universität Hohenheim. Und es ist auch das erste europäische Land, in dem ein mit Stevia gesüsstes Getränk verkauft wird. Die Firma Storm, ein Kleinunternehmen in Murten, hat erst frisch die Bewilligung bekommen, ihr natürlich gesüsstes Getränk zu verkaufen. Andere Lebensmittelunternehmen werden sicherlich folgen. «Denn die Lebensmittelunternehmen wie Coca-Cola und Nestlé können nun in der Schweiz testen, was der Konsument will und wie sie es am besten verkaufen können», sagt Kienle. Deswegen werden bei einer Zulassung in der EU Unternehmen, die in der Schweiz Stevia schon testen konnten, ausgereifte Konzepte haben. «Mit diesen mitzuhalten, wird dann für die Lebensmittelindustrie der EU nicht ganz einfach sein», sagt Kienle.

EU prüft und prüft

Und dennoch steht die Zulassung des Stevia-Extrakts in der EU noch aus. Der Grund ist der präventive Konsumentenschutz. Der Antragsteller muss beweisen, dass der neuartige Lebensmittelzusatz oder das neuartige Lebensmittel nicht gefährlich für die Gesundheit ist. Und dann erst darf es der EU-Bürger konsumieren. «Stevia-Glykoside konnten in der EU bisher noch nicht zugelassen werden, weil die Firma, die ihre Zulassung beantragt hat, nur unvollständige Daten eingereicht hat», sagt eine Mitarbeiterin der EU-Kommission. Die Zulassung des Stoffs sei von einem Unternehmen in Deutschland beantragt worden, und die deutschen Behörden hätten noch zusätzliche Informationen vom Antragsteller verlangt. «Solange diese Informationen bei den deutschen Behörden nicht eingehen, können die den Antrag nicht an uns weiterleiten und wir können ihn nicht bearbeiten. Es liegt also am Antragsteller, wie lange es noch dauert», sagt die EU-Mitarbeiterin.

Naschen ohne Reue

Auch wenn der Vorstoss der Schweiz auf den ersten Blick ein Segen für die Lebensmittelindustrie ist, so hat sie auf dem zweiten Blick doch einen Nachteil. «Handelbar sind nur Extrakte mit mindestens 95 Prozent Stevia-Glykoside. Denn nur diese entsprechen den Vorschriften der JECFA», sagt Kurt Steiner, Präsident des Vereins Pro Stevia Schweiz.

Diesen Reinheitsgrad können nur wenige Produzenten erreichen. Je reiner das Extrakt sein muss, desto höher sind die Produktionskosten. «Die Nachricht vom Bundesamt für Gesundheit tönt zwar gut, doch die meisten können sich den Antrag sparen», sagt Steiner. Erfüllen könnten diese Vorgaben nur grosse Unternehmen, etwa Coca-Cola oder der Lebensmittelhersteller Cargill.

Yildiz Asan

Bilder: rtr/Jorge Adorno

Bilder: rtr/Jorge Adorno

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