Wohnen im Alter

Früh genug nach der idealen Wohnlösung suchen: Das lohnt sich Susanne Grebner-Wehrli ist Jahrgang 1947. Sie verkörpert damit die «Generation der jungen Alten». Obwohl körperlich und geistig gesund, hat sie die ihr passende Wohnform im Alter bereits früh geplant.

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Früh genug nach der idealen Wohnlösung suchen: Das lohnt sich

Susanne Grebner-Wehrli ist Jahrgang 1947. Sie verkörpert damit die «Generation der jungen Alten». Obwohl körperlich und geistig gesund, hat sie die ihr passende Wohnform im Alter bereits früh geplant. Warum, das erklärt die Zuger Kauffrau so: «Ich bin geprägt von der Art, wie es meine Eltern gemacht haben. Sie wohnten im eigenen Haus.

Mit 82 erlitt die Mutter eine Schenkelhalsfraktur und wurde immobil – ein Schlag, auf den das Paar in keiner Weise vorbereitet war. Für mich war das eine Warnung, die Weichen früh genug zu stellen.»

Das löbliche Beispiel der Susanne Grebner-Wehrli ist eins von acht ausführlichen Porträts älterer Menschen, die über mehrere Jahre auf der Suche nach dem idealen «Wohnen im Alter» begleitet wurden. Sie finden sich im eben erschienenen Age Report 2009.

Herausgeberin ist die Schweizerische Age Stiftung zusammen mit dem Zürcher Soziologieprofessor François Höpflinger. Der Report versucht zum einen die heutige Wohnrealität älterer Menschen in der Schweiz statistisch, ökonomisch und gesellschaftlich zu erfassen – und er bringt zum andern die genannten Beispiele, die den Zahlen und Fakten die gelebte Realität gegenüberstellen.

«Singularisierung»

Der Report hat eine Reihe von Veränderungen in der Wohnsituation zutage gebracht. Zum Beispiel diese: Immer mehr ältere Männer und Frauen leben in Einpersonenhaushalten, es gibt also eine «Singularisierung des Alters», was mit der wirtschaftlichen Besserstellung ebenso zu tun hat wie mit der Tatsache, dass eine Generation alt wird, die Selbstbestimmung gewöhnt ist. Aber auch die Zahl der noch selbständig haushaltenden Paare steigt. Zwei- oder Mehrgenerationenhaushalte gibt es hingegen weniger.

«Ein enges Zusammenleben von Jung und Alt wird von der grossen Mehrheit der heute älteren Menschen abgelehnt», haben Befragungen ergeben. Nah, aber nicht zu nah, oder in der Soziologensprache: «Intimität auf Abstand» heisst die Devise.

Bis zum Alter von 80 bzw. 84 Jahren leben nicht weniger als 90 Prozent der Schweizer und Schweizerinnen in privaten Haushalten – wenn auch teilweise ambulant betreut. Bis 95 Jahre sinkt diese Zahl auf drei Fünftel.

Die Wohnsituation schildert der Report dabei mit den Stichworten «hoher Wohnstandard, aber oft nicht behindertengerecht». Insgesamt äussern die für die Untersuchung Befragten eine hohe bis sehr hohe Wohnzufriedenheit. Das gilt übrigens auch für Bewohnerinnen und Bewohner von Heimen – wenn dort genug privater Rückzugsraum besteht.

Wohngemeinschaften

Trotz dieser positiven Ergebnisse stellen sich viele Fragen zum Alter. Susanne Grebner hat sich entschieden: Nach 75 werde sie umziehen, in eine kleine Wohnung in die Nähe von Alters- und Pflegeeinrichtungen. Anders Rosmarie Gatti, eine weitere der im Buch porträtierten Seniorinnen: Sie lebte in einer Hausgemeinschaft an der Zürcher Goldküste, einem Projekt der «Genossenschaft Zukunftswohnen 2. Lebenshälfte». Im Alter nicht allein zu sein: das war die Verlockung.

Und die Herausforderung: mit sieben Individualistinnen zwischen 51 und 85 Jahren den «Rank» zu finden. Nach mehrjähriger Erfahrung zeigte sich: Das Gemeinschaftsleben war konfliktreicher als gedacht. Rosmarie Gatti ist jetzt in ein anderes Senioren-Wohnprojekt umgezogen – weiterhin überzeugt vom Ansatz, aber auch davon, «die Erwartungen nicht gar so hoch zu hängen».

Ein drittes Beispiel schliesslich: Madeleine Bollinger-Albiez, Jahrgang 1933, zog bereits mit 72, nach einer Operation, in eine Basler Alterssiedlung. Als Mitglied der «Grauen Panther» hatte sie sich schon zuvor für Altersfragen engagiert und hebt neben den sozialen Vorzügen vor allem das Sicherheitsgefühl hervor. Dafür aber brauche es tägliche Kontrollgänge einer Betreuerin – dafür kämpft sie jetzt gerade. «Früh genug etwas Geeignetes suchen»: das legt sie allen Altersgenossinnen und -genossen ans Herz.

Age Report 2009. Einblicke und Ausblicke zum Wohnen im Alter, hrsg. von François Höpflinger, Seismo-Verlag, Zürich 2009, Fr. 38.–

Peter Surber