Woher nehmen wir unsere Zeit?

Die gestern in Basel eröffnete Weltmesse für Uhren und Schmuck präsentiert auf 160'000 Quadratmetern das Neueste rund um die Zeitmessung. Wie aber steht es mit der guten alten Wanduhr, die einst unserem Familienleben den Puls gab? Beobachtungen und Erkundungen hinter Haus- und Wohnungstüren.

Beda Hanimann
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Zu Hause hing eine Uhr, nichts Kostbares, aber sie hing gut. Vom Korridor aus war sie sichtbar, vor dem Verlassen des Hauses galt der letzte Blick ebenso ihr wie der erste nach dem Eintreten. Würde ich heute, nach Jahren, das Haus wieder betreten: Ich denke, ich würde automatisch dorthin blicken, wo unsere Uhr gehangen hatte. Die Wanduhr ordnete unsere Zeit, sie gehörte zur Familie.

Heute sieht das mit der Zeit und der Familie anders aus. Es hat Zuwachs gegeben, technischen Familienzuwachs, sozusagen, und dank ihm müssen wir unsere Zeit nicht mehr durch Aufziehen buchstäblich von Hand erschaffen. Sie wird uns gratis und franko mitgeliefert. Die Wohnung ist gespickt mit Uhren: Handy, Videorecorder, Radio, Backofen, Computer, überall läuft die Zeit mit, im Idealfall brauchen wir uns nicht einmal um die Umstellung auf Sommerzeit zu kümmern. Ganz abgesehen davon warten die Kinder nicht mehr bis zur Konfirmation oder Firmung auf ihre erste Armbanduhr.

Das Fortschreiten der Zeit

Tatsächlich bekamen wir auf unserer Suche nach Menschen und ihren Wanduhr-Geschichten sehr oft zu hören: Tut mir leid, ich habe keine Wanduhr. Die digitale Konkurrenz mag der Hauptgrund sein, aber es gibt auch andere. Den einen ärgert das permanente Ticken und noch mehr das halbstündliche Schlagen, den andern die Notwendigkeit, ans Aufziehen zu denken, eine dritte erinnert die tickende Wanduhr in der Stube an den Mief des Elternhauses. Oder an den Streit, der immer wieder ausbrach, wenn sie hinterrücks das Pendel zum Stillstand gebracht hatte, weil sie die Uhr beim Musikhören oder beim Lernen störte. Mit dem Ergebnis, dass der Vater ein weiteres Mal den Zug verpasst hatte, bis er das Stillstehen der Uhr bemerkt hatte.

Tief im Innern aber ist es vielleicht das: Das stetige Ticken, das unabwendbare Schlagen der vollen Stunde, es erinnert uns mit unerbittlicher Eindringlichkeit an das Fortschreiten der Zeit. Wie diskret und verstohlen erledigen dagegen die kleinen Digitalanzeigen ihr Geschäft!

Die Uhr als Dekorationsstück

Und doch gibt es auch Orte, an denen man die Uhren an der Wand oder auf einer schmucken Konsole weiterticken und -schlagen lässt, wie die vier Beispiele auf dieser Seite zeigen. Denn vielerorts gilt auch heute noch: Die Stubenuhr gehört zur Familie. Sprich zum Familienbesitz. Die Wanduhr ist das Erbstück schlechthin – selbst wenn die stolze Uhrenkarriere dann oft abrupt im Keller oder Estrich endet.

Denn wenn die Wanduhr auch überlebt hat, so hat sich vielfach ihre Funktion gewandelt. Sie hat das Monopol auf das Zählen der Stunden verloren, ist mehr Schaustück und Dekorationsobjekt. Das aber heisst auch: Sie muss ins Bild passen. Eine Frau gestand uns auf unsere Anfrage lachend, sie hätten beim Umzug ins neue Haus als erstes die wertvolle Uhr gezügelt – aber auch als erstes wieder weggegeben, weil sie nicht in den Raum passte.

Der ästhetische Anspruch hat anderseits zur Folge, dass eine neue Generation von Wanduhren heranwuchs. Originale Bahnhofsuhren, eine überdimensionierte Swatch oder eine funktionierende Dalí-Adaption bringen Pfiff in die Studenten-WG. Manch einer aber denkt weder an Erbstück noch an Deko-Effekt: Ihm liefert die Turmuhr der nahen Kirche die genaue Zeit. Da erübrigt sich erst noch das Aufziehen und das Abstauben.

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