Homo sapiens
Wo entstand der Mensch? Neue Ausgrabungen zeigen: Es ist alles mysteriöser als gedacht

Neue Ausgrabungen zeigen, dass die Entwicklung des Menschen zum Homo sapiens um einiges mysteriöser ist, als wir bisher dachten.

Christoph Kummer
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Dank moderner Methoden dem Urmenschen auf der Spur: Wissenschafter glauben, dass der Frühmensch aus Europa und nicht wie angenommen aus Afrika stammt.

Dank moderner Methoden dem Urmenschen auf der Spur: Wissenschafter glauben, dass der Frühmensch aus Europa und nicht wie angenommen aus Afrika stammt.

Keystone

In den Wäldern Ostafrikas wurde der Affe zum Menschen. Dort trennten sich vor sechs bis sieben Millionen Jahren die Stammeslinien von Schimpanse und Mensch. Die ersten aufrecht gehenden Frühmenschen, sogenannte Hominiden, entstanden. Das ist die Lehrmeinung.

Gemäss dieser Theorie breiteten sich diese Vorfahren zwar innerhalb Afrikas weiter aus, verliessen aber den Kontinent für viele Millionen Jahre nicht. Nur – stimmt das wirklich?
Im Mai dieses Jahres berichteten deutsche Forscher, sie hätten einen neuen Urmenschen identifiziert. Er soll vor über sieben Millionen Jahren auf dem Balkan gelebt haben. Die Wissenschafter folgerten aus dem Befund, dass die Abspaltung zwischen Mensch und Schimpanse wohl nicht in Afrika, sondern im Mittelmeerraum stattgefunden hat.

Wissenschafter aus Schweden doppelten im September nach: Sie datierten eine menschenhafte Fussspur, die auf Kreta entdeckt worden war, auf knapp sechs Millionen Jahre. Die Fährte stamme wohl von einem aufrecht gehenden Hominiden, sagten die Wissenschafter der Universität Uppsala. Es sind nur zwei aus einer Reihe von wichtigen Funden in den letzten 20 Jahren. Durch sie hat sich unser Bild von der Frühgeschichte der menschlichen Spezies grundlegend verändert.

Blick durch kleine Fenster

«Einige Wissenschafter glauben, die menschliche Evolution sei weitgehend erforscht», sagt Peter Schmid, Anthropologe von der Universität Zürich. Schmid ist einer der Forscher, die nach Überresten von menschlichen Vorfahren suchen. Obwohl er den beiden jüngsten Funden in Europa mit Skepsis begegnet, stimmt er zu, dass sich im Feld der Paläoanthropologie in den vergangenen Jahren Revolutionäres getan hat. «Man muss sich bewusst sein, dass wir bislang nur durch sehr kleine Fenster in unsere Vergangenheit blicken können», sagt er. «Es ist ziemlich einfältig zu glauben, die wenigen Knochen, die gefunden worden sind, könnten ein endgültiges Bild der frühen Menschheitsgeschichte ergeben.»

Vieles, das gegolten hat, wird heute von Schmid und anderen Anthropologen debattiert oder ist bereits verworfen worden. Etwa die Vorstellung, dass der Mensch mit dem Auszug aus den Urwäldern begonnen hat, aufrecht zu gehen. Eine 2009 publizierte Analyse eines frühen Urmenschen, wissenschaftlich Ardipithecus ramidus genannt, kam zum Schluss, dass dieser Zweibeiner vor über vier Millionen Jahren in Wäldern lebte. Einige Hominiden begannen somit, aufrecht zu gehen, bevor sie die Wälder verliessen.

Wo beginnt der Mensch?

Peter Schmid hatte seinen Anteil an grossen Entdeckungen. 2010 beschrieb er mit Kollegen eine neue Art: Australopithecus sediba. Das Besondere an dem Skelett: Es hatte viele affenähnliche, aber auch einige moderne, der Gattung Homo zuzuordnende Merkmale. Dies war neu, denn jahrzehntelang herrschte die Meinung vor, dass sich affenähnliche Arten in Jahrmillionen Jahren allmählich zu menschenähnlichen entwickelten.

Die Vorstellung eines Stammbaums mit einem Ursprung und einem Fortschritt hin zu immer menschenhafteren Eigenschaften, wie grosse Gehirne oder Hände für den Werkzeuggebrauch, ist jedoch falsch. «Der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung. Alle anderen Lebewesen sind nicht irgendwann in der Evolution stehen geblieben, sondern haben sich ebenfalls verändert», sagt Schmid. Oft werde von Forschern versucht, jeden neuen Fund in ein vorgefasstes Schema einzupassen. «Das kann aber nicht gelingen.» Verschiedene Menschenarten lebten einst zeitgleich. Einige hatten grosse, andere kleine Hirne, die einen stellten Werkzeuge her und bauten Unterkünfte, während andere in einem eher einfachen Stadium verblieben. Und das ist noch gar nicht so lange her.

Interessant ist hierbei der Homo naledi, der letztes Jahr der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Der sehr affenhafte Hominide existierte bis vor wenigen 100 000 Jahren und somit zeitgleich mit dem Homo sapiens, dem modernen Menschen, in Südafrika.

Noch spektakulärer war die Enthüllung des Homo floresiensis 009: Der sogenannte Hobbit, der auf einer Insel in Indonesien lebte, hatte das kleine Gehirn und den kleinen Körper eines Australopithecus, doch lebte er bis vor wenigen zehntausend Jahren, als die Menschen bereits Ackerbau betrieben.

Uralte DNA ist kein Problem mehr

Die verschiedenen Menschenarten konkurrierten und vermischten sich auch – was ebenfalls eine neue Erkenntnis ist. Dass Neandertaler und Menschen Sex hatten und gemeinsame Nachkommen produzierten, ist dank DNA-Untersuchungen aus dem Jahr 2010 erwiesen: Die meisten Menschen weltweit tragen Neandertaler-Gene in sich.

Den Befund möglich machten die rasanten Fortschritte in der Genetik. Seither ist es möglich, DNA aus jahrtausendealten Knochen zu extrahieren, zu entschlüsseln und mit der DNA von verwandten Arten zu vergleichen.

Laurent Excoffier von der Universität Bern hat sich auf die Untersuchung solcher alten Proben, genannt Ancient DNA, spezialisiert. «Dank aktuellen Techniken können wir aus rund 100 000 Jahre alten Knochen einen Grossteil des Erbguts extrahieren» erklärt der Genetiker. «Bei aussergewöhnlich gut erhaltenen Proben liegen sogar mehrere hunderttausend Jahre drin.»
Diese Technik erlaubte es unter anderem, im Jahr 2010 eine weitere neue Menschenart festzustellen: die Denisovaner. Der komplette genetische Fingerabdruck – das Genom – wurde bloss anhand eines Fingerknochens sowie von ein paar Zähnen entschlüsselt. Der Vergleich mit DNA von modernen Menschen zeigte, dass sich auch diese Spezies, die bis vor rund 40 000 Jahren lebte, mit dem Homo sapiens fortpflanzte.

«Die Evolution des Menschen wird heute als viel dynamischer betrachtet als noch vor einigen Jahren. Es gab viel mehr Interaktion zwischen Homo sapiens, dem Neandertaler und anderen Arten, als wir bisher glaubten», sagt Excoffier. «Und es ist auch möglich, dass weitere, womöglich noch unbekannte Menschenarten zu unserem Genom beigetragen haben.»

Viele Fragen offen

Trotzdem sei manches noch unklar, die Evolutionsgeschichte nach wie vor rätselhaft, sagt Excoffier. «Viele Fragen sind noch unbeantwortet: Wo genau liegt nun der Ursprung der Hominiden? Fand die Evolution auf relativ kleinem Raum oder breitflächig statt? Wie lange dauerte es, bis der Mensch wirklich modern wurde, und was sind die Gene, welche uns von den anderen Arten unterscheiden? Gibt es weitere, unbekannte Arten, mit denen sich der Homo sapiens vermischte? Und warum starben sie alle aus?»

Laurent Excoffier hofft, dass diese Fragen durch weitere Fortschritte in den Analysemethoden geklärt werden können. «Es gibt fantastische Fortschritte. Die Sequenzierungsmethoden werden immer empfindlicher. Zum Beispiel brauchen wir heute nicht einmal mehr Knochen oder Werkzeuge, um an DNA zu gelangen, sie kann neu auch aus Sedimenten extrahiert werden.»

Auch Peter Schmid setzt auf modernste Hilfsmittel, aber nicht nur. «Die technologischen Neuerungen, etwa die bildgebenden Verfahren, die 3-D-Drucke und die neuen Datierungsmöglichkeiten, bieten neue Analysewerkzeuge, die weitere Türen öffnen. Das Wichtigste aber ist die wissenschaftliche Diskussion. Nur sie bringt uns weiter.»

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