Wo die Schweiz frei wurde

Hier in Münster wurde der Westfälische Friede geschlossen, der Europa nach dem Dreissigjährigen Krieg neu gestaltete. Heute ist die ehemalige Hansestadt ein Zentrum der Verwaltung und der Wissenschaft. Ein wenig abweisend, aber mit westfälischem Charme.

Eleonore Baumberger
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Überall Velos in Münster – auch in der «guten Stube», dem Prinzipalmarkt. (Bild: ky)

Überall Velos in Münster – auch in der «guten Stube», dem Prinzipalmarkt. (Bild: ky)

Böse Zungen sagen Münster nach: «Entweder es regnet, oder die Kirchenglocken läuten, und am Sonntag beides.» Münster in Westfalen, zwar ein gutes Stück nördlich des Mains gelegen, fühlt sich deshalb noch lange nicht norddeutsch – westfälisch eben. Und sehr katholisch. Davon zeugen die vielen Kirchen. Der Dom, der kein Münster ist, ist der Stolz der Stadt.

Von hier hat der «Löwe von Münster», Bischof Clemens August Graf von Galen, furchtlos gegen das Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten gewettert. Später wurde er dafür seliggesprochen.

Und auch heute noch ist manch konservatives Wort von der Bischofskanzel zu vernehmen. Doch rund um den Dom kann es auch heiter zugehen: Jeweils am Mittwoch und Samstag ist Markt.

Früher brachten die Kiepenkerle in ihren Körben auf dem Rücken die Produkte aus dem Münsterland in die Stadt, heute kommen die reichen Bauern mit Mercedes und Geländewagen.

Drastische Strafen

Nicht weit vom Dom in der wieder aufgebauten Altstadt zeugt die Lambertikirche von einem eher finsteren Kapitel der Münsteraner Geschichte: 1534 riefen die aus den Niederlanden vertriebenen Wiedertäufer in Münster ihr Täuferreich aus. Sie proklamierten das «Königreich Zion» und nannten die Stadt «Neues Jerusalem».

Nachdem die Truppen des Fürstbischofs nach monatelanger Belagerung der Stadt die Ordnung wieder hergestellt hatten, wurden «König» Jan Bockelson, Bürgermeister Bernd Knipperdolling und der Wiedertäufer Bernd Krechting zum Tode verurteilt. Auf dem Prinzipalmarkt wurden die drei Abtrünnigen mit glühenden Zangen gefoltert und dann erdolcht. Die Leichname wurden in eisernen Körben am Turm der Lambertikirche aufgehängt.

Die Käfige hängen dort noch immer – ob als touristische Attraktion oder als Mahnung für alle, die vom rechten Glauben abweichen, sei dahingestellt.

Die gute Stube Münsters

Der Prinzipalmarkt ist Münsters gute Stube. Die prächtigen Giebelhäuser der reichen Kaufleute wurden im 14. und 15. Jahrhundert erbaut. Damals war Münster, wenn auch kein Seehafen, als wichtiger Handelsplatz, Mitglied der mächtigen Hanse.

Rund um die Stadt aber herrschte der Landadel, lebte in verwunschenen Wasserburgen und -schlössern. Die Landwirtschaft machte das Münsterland reich.

Nicht weit von der Stadt liegt der Drostehof, wo die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff (1797–1848) geboren wurde. Die Autorin der Novelle «Die Judenbuche» und der Ballade «Der Knabe im Moor» verbrachte ihre Jugendzeit im Münsterland und lebte später bei ihrem Bruder in Meersburg am Bodensee, wo sie auch begraben ist.

Die Münsteraner lieben ihr Umland als Naherholungsgebiet, und auch für Touristen ist das Münsterland einen Besuch wert. Münster ist auch so eine grüne Stadt mit dem Aasee, der zum Wassersport einlädt, und dessen Ufer an den wenigen Sommertagen dicht belegt sind. Wander- und Radwege führen entlang des Dortmund-Ems-Kanals, Erholung bietet das Natur- und Vogelschutzgebiet der Rieselfelder.

Aber zurück in die Stadt, in das historische Rathaus. Hier wurde nach dem Dreissigjährigen Krieg der Westfälische Friede ausgehandelt und am 15. Mai 1648 unterzeichnet. Damit wurde nicht nur das Schicksal Europas neu gestaltet, sondern insbesondere auch das der Schweiz. Durch die Loslösung der Eidgenossenschaft vom Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation wurde die Schweiz frei und unabhängig.

1990 wurde hier auch der erste Schritt getan zur Wiedererlangung der Souveränität Deutschlands mit Vorbereitungsgesprächen zum Truppenabzug der Alliierten und der Vereinigung der beiden deutschen Staaten.

Studenten prägen die Stadt

Münster lebt aber nicht von der Geschichte. Die moderne Stadt wurde nach dem Krieg, in dem die Altstadt zu 90 Prozent zerstört wurde, wieder aufgebaut. Nicht Handel und Industrie prägen das Gesicht der Stadt, sondern Verwaltung und Wissenschaft.

Als «Schreibtisch Westfalens» ist Münster Sitz zahlreicher Institutionen des bevölkerungsreichen Landes Nordrhein-Westfalen.

Von den 280 000 Einwohnern sind mehr als 40 000 Studenten. Die Westfälische Wilhelmsuniversität, benannt nach Kaiser Wilhelm II., hat ihren Sitz im ehemaligen fürstbischöflichen Residenzschloss und verteilt sich mit ihren zahlreichen Instituten und Bibliotheken breit in der Stadt.

Junge Leute aus ganz Europa kommen auch an die Fachhochschulen, die Kunstakademie und sonstige Bildungseinrichtungen.

Das gibt der Stadt ein jugendliches und internationales Flair, denn die einheimischen Westfalen sind eher ein zurückhaltendes, ein wenig steifes und abweisendes Völkchen. Währschaft sind sie, wie das Essen und Trinken.

Cafés und Kneipen sind denn auch zahlreich, nicht nur in der Altstadt, auch im Hansaviertel, im Hafen, im Kuhviertel. Man steht am blitzblank geputzten Tresen, plaudert mit dem Nachbarn, trinkt ein «Alt», eine dunkle obergärige Biersorte, und dazu einen Korn oder einen Appelkorn (mit Äpfeln versetzt). «Kurz-lang» heisst das hier.

Im Pinkus Müller, der letzten Stadtbrauerei, im «Kleinen» oder im «Grossen Kiepenkerl» gibt es zum Bier noch echt Westfälisches: Töttchen (eine Art Ragout fin

an einer süss-sauren Sauce), Pfeffer-Potthast (Rindfleisch-Eintopf mit altem Brot), Pannekoken (Pfannkuchen), Surmoos (Sauerkraut), graute Bauhnen (dicke Bohnen) und Schmoräppelkes (Schmoräpfel).

Mit dem Velo auf der Promenade

Das braucht einen starken Magen und hinterher Bewegung. Keine Stadt in Deutschland (und wahrscheinlich nur wenige im nahegelegenen Holland) ist so velofreundlich wie Münster. Auf 300 Kilometern Radwegen kann man sich in der Stadt sicher bewegen.

Am schönsten ist es auf der Promenade, der ehemaligen Wallanlage, die auf 4,5 Kilometern den Stadtkern umrundet. Autofahrer sind rücksichtsvoll – sie müssen es auch sein, denn sie haben kaum eine Chance, die Promenade zu überqueren angesichts der Massen von Radfahrern. Die Entfernungen sind kurz, und Steigungen gibt es in der nur 60 Meter über dem Meer gelegenen Stadt nicht.

Es ist schon schlimm genug, wenn man in Münster protestantisch und zugereist ist. Aber geradezu als unverzeihlich gilt, nicht Velo zu fahren. Nur sieben Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner geben an, sie besässen kein Rad, die meisten haben mehrere – für alle Gelegenheiten. Ein guter Teil der Räder sind am Bahnhof anzutreffen, in der Radstation, einem Veloparkhaus mit 3000 Stellplätzen, Waschanlage und Reparaturwerkstätten.

Regen beeinträchtigt die Lust der Münsteraner am Radfahren kaum. «Wir sind ja nicht aus Zucker», sagen sich die wetterfesten Westfalen. Und ein bisschen Nieselregen ist ja schon fast wie Sonnenschein, vor allem wenn dann noch die Kirchenglocken läuten.