Wo darf man, wo nicht? Vor dem Corona-Testcenter sind nicht alle gleich

Viele erkrankte Personen wüssten gerne, ob es Covid-19 ist, wenn sie Husten und Fieber haben. Doch es kommt weiterhin ganz darauf an, in welchem Kanton man wohnt. Basler und Appenzeller haben schnell Klarheit.

Sabine Kuster und Christoph Bopp
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Covid-19-Teststrasse in Teufen: Um Test-Tourismus zu verhindern, sind nur die Bewohner der beiden Halbkantone zugelassen.

Covid-19-Teststrasse in Teufen: Um Test-Tourismus zu verhindern, sind nur die Bewohner der beiden Halbkantone zugelassen.

Bild: Urs Bucher

Das Dilemma zeigt sich zum Beispiel so: Der 7-jährige Sohn hat Fieber, Schleimhusten, Kopfschmerzen. Die Mutter geht mit ihm zur Kinderärztin. Diese verschreibt Medikamente und verordnet Quarantäne, testen lassen will sie ihn nicht.

Für die Familie ist unklar, wer nun alles in die Isolation muss. Darf der Bruder noch raus und der Vater zur Arbeit? Beim nächstgelegen Spital, dem Kantonsspital Baden, blitzt der Vater ab. Auf der Corona-Hotline des Spitals er wird er von einer Roboterstimme abgewiesen – sofern man nicht im Gesundheitswesen arbeitet oder von einem Arzt überweisen wird, wird nicht getestet.

Dabei hatte das Kantonsspital am Dienstag mitgeteilt, Personen, «die den Verdacht hegen, sich mit Covid-19 infiziert zu haben» könnten sich testen lassen. Anschliessend krebste das Spital zurück. Die Nachfrage sei gross, die Labore an den Kapazitätsgrenzen: «Für flächendeckende Tests stehen derzeit noch nicht ausreichend Testmaterialien zur Verfügung.»

Die Familie verhält sich vorbildlich und bleibt zuhause. Doch wenn klar wäre, dass der Bub das Virus hat, würden sie nicht mehr selber einkaufen gehen. Und frühere Spielkameraden könnten gewarnt werden.

Mehr Tests wären auch für die Arbeitswelt gut

Wer weiss, dass er das Virus hat, verhält sich anders. Und auch die Angehörigen, die sich gesund fühlen. Auf der anderen Seite müssen blosse Verdachtsfälle in Quarantäne. Der Bund hat Anfang Woche versprochen, alles zu tun, um die Zahl der Tests in der Schweiz erhöhen zu können. Neu werden täglich 6000 statt 2000 Tests landesweit gemacht, 50'000 Personen sind total getestet worden.

Doch es kommt ganz darauf an, wo man wohnt, wenn man nicht gefährdet ist, aber doch Fieber und Husten hat. Von mehr Tests profitieren zum Beispiel die Baselländer. Seit Mittwoch vor einer Woche gibt es dort zwei Abklärungsstationen. Etwas über 1000 Test wurden bis Montagmorgen gemacht (112 positiv). «In den ersten Tagen gab es einen Ansturm», heisst es seitens des Informationsdienstes, «mittlerweile verteilen sich die Personen gut über den Tag». Alle werden untersucht – aber nicht alle getestet: Jene Arbeiter ohne Symptome nicht, die von ihren Firmen geschickt wurden, weil man auf Nummer sicher gehen wollte.

Gemäss Krisenstab Baselland würden Personen aus Nachbarkantonen nicht abgewiesen. Um einen «Test-Tourismus» zu vermeiden haben jedoch beide Appenzell beschlossen, nur Personen aus den beiden Halbkantonen zuzulassen. Auch dort werden seit Freitag alle mit typischen Symptomen mittels «Drive-in» im Auto getestet. Auch im Notfallzentrum in Basel-Stadt werden alle Erkrankten getestet.

In der Luzerner Allmend geht heute Mittwoch ein Test-Zenter auf. In Bern hätte am Dienstag eines öffnen sollen, doch die Test-Kits fehlen. Das BAG bat den Kanton Bern zu warten, man benötige das vorhandene Material gesamtschweizerisch.

In Bern will man loslegen, kann aber nicht

Seit Samstag wäre auf dem BEA-Gelände alles bereit. Gundekar Giebel, Kommunikationschef der Berner Gesundheitsdirektion sagt: «Wir sind überzeugt, dass man in die Breite gehen muss. Nicht nur um Ansteckungen zu verhindern, sondern auch unnötige Absenzen in der Arbeitswelt.» Das würde zudem kleinere Probleme lösen wie jenes des Mannes, der der Redaktion schrieb, er habe keine starken Symptome, wäre aber froh zu wissen woran er sei. «So könnte ich für meinen 82-jährigen Vater Einkäufe erledigen, was ich derzeit nicht mache.»

Hab ich’s oder nicht?

Die Crux mit dem Testen

(cbo) Im Moment wollen alle wissen, ob sie das Virus tragen. Auch die Epidemiologen, damit sie den Verlauf der Ausbreitung besser verfolgen und einschätzen können. Der Virus-Nachweis geschieht meist durch den PCR-Test (Polymerase Chain Reaction). Dazu wird ein kleines Stück Viren-Gensequenz (der sogenannte Primer) mit einem Abstrich der Verdachtsperson zusammengebracht. Zusätzliche Stoffe (eben Polymerasen) bringen jetzt den RNA-Kopier- und Vervielfältigungsprozess in Gang. Falls Virusgenmaterial da ist, kann man es sichtbar machen.

Die Firma Roche hat einen Test und auch die Maschinen, um ihn automatisch zu prozessieren. Im Moment sind die Test-Kits Mangelware und hier schwer erhältlich. Professor Hans Hirsch von der Universität Basel hat gemeldet, er verfüge über einen Test, bei dem die Test-Kits problemlos erhältlich seien.  Der Test hat zwei Schwächen. Wenn das Virus noch nicht sehr aktiv war, kann es die Verdachtsperson tragen, aber im Abstrich ist zu wenig Viren­material, um die Reaktion anzustossen. Deshalb muss man im negativen Fall mehrfach testen, um mit Sicherheit eine Infektion ausschliessen zu können. Andererseits zeigt der Test auch positiv an, wenn inaktives oder Restmaterial vorhanden ist. Und er ist relativ aufwändig, besonders bei manueller Durchführung.

Später, wenn die Epidemie weiter fortgeschritten ist, möchte man wissen, wer bereits immun ist. Hier testet man im Blut nach Antikörpern. Sie zeigen recht zuverlässig an, wer bereits mit dem Virus Kontakt hatte. Denn dann bildet das Immunsystem bildet Antikörper. Hier sind nur negative Tests unsicher. Denn oft hat das Immunsystem noch nicht ausreichend reagiert. Das Virus ist da, aber noch keine Antikörper. Deshalb hat man nicht sofort Klarheit. An dieser zweiten Testfront arbeitet jetzt die Universität Zürich unter der Leitung des Infektiologen Adriano Aguzzi.