Umweltaktivist bereist auf selbstgebautem Floss die zehn dreckigsten Flüsse der Welt

Der Italiener Alex Bellini hat eine Mission. Mit einer dreijährigen Reise auf zehn Flüssen dieser Welt will er auf die Plastikverschmutzung der Ozeane aufmerksam machen. Dabei beruft er sich auch auf Sokrates.

Sarah Coppola-Weber
Drucken
Teilen
Alex Bellini verzichtet persönlich auf Wasser in Plastikflaschen und Kaffee in Plastikbechern. (Bild: Paul Wilkinson)

Alex Bellini verzichtet persönlich auf Wasser in Plastikflaschen und Kaffee in Plastikbechern. (Bild: Paul Wilkinson)

Das Problem der Plastikverschmutzung in den Meeren ist in aller Munde, und Klimademonstrationen bezeugen dies. Der 40-jährige Alex Bellini startete als Abenteurer und Entdecker gerade eben zur Mission «10 Rivers 1 Ocean» und bereist nun mit einem aus Recyclingmaterial selber gebauten Floss die zehn schmutzigsten Flüsse der Welt, die zu 80 Prozent am Problem der Plastikverschmutzung teilhaben. Bellinis Zielpunkt ist der «Great Pacific Garbage Patch», der mit seinen 1,5 Millionen Quadratkilometern Fläche dreimal der Grösse Frankreichs entspricht und als Plastikinsel zwischen San Francisco und Hawaii liegt.

Was hat Sie dazu bewogen, zum Ursprung des Plastikproblems zu reisen?

Alex Bellini: Ich mache dieselbe Reise wie eine Plastikflasche, die zusammen mit acht Millionen Tonnen Abfall täglich im Meer landet. In erster Linie geht es mir um Aufklärung, denn ich habe gemerkt, wie viele Menschen sich des Ausmasses dieses Problems überhaupt noch nicht bewusst sind. Erst kürzlich sprach ich einen Manager darauf an, warum er immer noch Plastikflaschen für Meetings einsetzt und nicht auf Wasserkrüge umsteigt. Er meinte, es gehöre einfach dazu, alles andere sei billig. Ich möchte die Menschen, denen ich begegnen werde, zum Nachdenken über die Konsequenzen ihres Handelns anregen und aufzeigen, wie notwendig es ist, die Gewohnheiten zu ändern – sofort. Ich will das Gewissen aller aufrütteln.

Es klingt wohl etwas grössenwahnsinnig – aber haben Sie sich in den Kopf gesetzt, die Welt zu retten?

Nur wir alleine, die Menschheit, sind verantwortlich für diese Situation, und es gibt niemand, der uns retten kann. Schon Sokrates sagte: «Wer die Welt bewegen will, der bewege zuerst sich selbst.» Zudem haben wir keinen Plan(eten) B.

Was kann jeder Einzelne dazu beitragen, dieses Unheil zu stoppen?

Der erste Schritt besteht darin, die Menschen wieder zur Natur zu bringen, und zwar nach dem «3-R-Prinzip»: reduce, re-use, recycle – vermindern, wiederverwenden, wiederaufbereiten. Das beginnt im Kleinen, bei jedem persönlich. In meinem Fall heisst das, dass ich auf Wasser in Plastikflaschen und Kaffee in Plastikbechern verzichte.

Begeben Sie sich mit Ihrer Mission nicht ein wenig auf Glatteis? Welche Schwierigkeiten gilt es zu überwinden?

Zuerst einmal weiss ich nicht, welche Formen mein Floss annehmen wird, denn es kommt ganz darauf an, was für Material ich im Fluss finden werde. Zudem werde ich Krankheiten und Ansteckungsgefahren ausgesetzt sein, dem beuge ich derzeit mit verschiedenen Impfungen vor. Zudem kann es sein, dass es Missverständnisse mit den Einheimischen geben wird, obwohl ich einen Übersetzer dabei haben werde.

Warum ist der Name der Mission «10 Rivers 1 Ocean»?

Man hat herausgefunden, dass das Hauptproblem der Plastikzufuhr aus 10 Flüssen stammt, die zu 80 Prozent daran beteiligt sind. Das sind die beiden afrikanischen Flüsse Nil und Niger, sowie die asiatischen Yellow, Indus, Hai He, Reghna/Brahmaputra/Ganges, Perlfluss, Mekong, Amur und Jangtsekiang. Mein erster Einsatz dauert bis Ende März, das ganze Projekt zieht sich über drei Jahre hin.

Alex Bellini: «Ich mache dieselbe Reise wie eine Plastikflasche.»

Alex Bellini: «Ich mache dieselbe Reise wie eine Plastikflasche.»

Sie sind sich daran gewöhnt, über längere Zeit unterwegs zu sein und haben im Alleingang in einem 7,5 Meter langen Ruderboot Mittelmeer und Atlantik überquert. Das hört sich nach einem extremen Abenteuer an ...

Es kommt darauf an, was Sie unter «extrem» verstehen. Gute Vorbereitung ist bei solchen Abenteuern das A und O, das heisst auch, dass ich Gefahren und Risiken so minim wie möglich halte. Es mag eigenartig klingen, aber der Schmerz und die Mühe spornen mich an. Zudem bereite ich mich in extremen Verhältnissen aufs ganze Leben vor, denn man weiss ja nie, was einem widerfährt. Das können banale Dinge sein wie Mangel an Warmwasser oder kein Benzin im Autotank oder ganz schwierige Dinge wie der Tod einer geliebten Person.

Aber dafür muss man nicht sein Leben aufs Spiel setzen...

Das tue ich auch nicht, denn ich mache mich mit ziemlicher Erfahrung an eine Expedition und gehe das Risiko professionell an. Planung und Organisation sind Teamarbeit – man kann es mit den Weltraummissionen vergleichen, die jahrelang von Fachspezialisten minutiös vorbereitet werden. Zudem definiere ich meine Grenzen immer neu und lerne mich bei jeder Expedition besser kennen.

Und doch passieren in der Natur oft unvorhergesehene Ereignisse, wie etwa ein Sturm auf hoher See.

Stürme kommen nicht plötzlich, sie laufen nach einem bestimmten Schema ab und folgen Jahreszeiten. Dennoch muss ich akzeptieren, nicht alles unter Kontrolle haben zu können. Je früher ich das Gleichgewicht zwischen mir und der Natur finde, desto besser. Dieses Gleichgewicht fehlt der Menschheit, wir ignorieren die Botschaften, die uns die Welt sendet. Daher würde ich es begrüssen, wenn mehr Naturerfahrungen gemacht würden, auch im Kleinen, was heisst, sich um eine Pflanze oder einen Gemüsegarten zu kümmern.

Hat Ihnen noch nie jemand gesagt, Sie seien verrückt?

Doch, das passiert mir ständig. Aber für mich sind jene Leute verrückt, die acht Stunden am Tag einen Job ausüben, der ihnen nicht gefällt. Was verrückt ist, das ist Ansichtssache.

Vom Buchhalter zum Umweltaktivisten

Alex Bellini ist am 15. September 1978 geboren und im Veltlin (Norditalien, südlich des Puschlavs) aufgewachsen. Nach einer Buchhalterausbildung und einigen Semestern Bankstudium nimmt er 2001 an einem 250 Kilometer langen Marathon durch die Sahara teil und zieht im Folgejahr einen Schlitten über 2000 Kilometer durch Alaska. 2005 überquert er Mittelmeer und Atlantik in 7,5 Monaten, rudert in 226 Tagen von Italien nach Brasilien, und 2008 von Peru nach Australien. 2011 joggt er von Los Angeles nach New York, 5300 Kilometer in 70 Tagen. Am 25. Februar 2019 startete er zur Mission «10 Rivers 1 Ocean» und ist in den nächsten drei Jahren auf den zehn schmutzigsten Flüssen der Welt unterwegs. Alex Bellini ist nicht nur als Entdecker und Abenteurer, sondern auch als Motivationsredner, Mentalcoach und Buchautor tätig und studiert nebenberuflich Psychologie. Er lebt mit seiner Frau und den zwei Töchtern im Alter von 7 und 9 in Oxford, England. www.alexbellini.com (cop)