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Otto Waalkes: «Wir Friesen sind beständig»

Otto Waalkes, von allen nur Otto genannt, wird am 22. Juli 70. Zum runden Geburtstag lässt er sein Leben in einem Buch Revue passieren. Neben viel Heiterkeit gibt es darin auch einiges an Tiefgang. Wie in unserem Interview.
Interview: Daniela Grunwald
Otto Waalkes in Florida, wo er die Wintermonate verbringt. (Bild: Daniela Grunwald (Fort Lauderdale, Frühling 2018)

Otto Waalkes in Florida, wo er die Wintermonate verbringt. (Bild: Daniela Grunwald (Fort Lauderdale, Frühling 2018)

Otto Waalkes, Sie waren gerade in Florida, was machen Sie dort?

Ich bin dort immer in den Wintermonaten. Da kennt mich niemand und ich kann mich schön zurückziehen, mich in Ruhe auf meine Tourneen und Filme vorbereiten. Und es kommen Freunde aus Deutschland zu Besuch, oft sind es Regisseure, Autoren, Musiker, Leute, mit denen ich zusammenarbeite.

Könnten Sie sich vorstellen, einmal ganz in Florida zu bleiben?

Nein, überhaupt nicht. Ich bleibe immer nur ein paar Wochen. Ich bin lieber in Hamburg und in Deutschland sowieso. Mein Publikum ist ja auch hier und ich brauche diesen Kontakt. Und mir gefällt auch die Regierung hier zur Zeit besser.

Sie malen gerade sehr viel …

Ja, ich habe ein kleines Atelier in meinem Haus und dort tobe ich mich aus. Meistens vormittags, gleich nach dem Aufstehen oder nach dem Sport. Wann immer mich gerade die Muse küsst. Morgens habe ich die besten Einfälle, das bilde ich mir zumindest ein. Ich male meine Bilder gern auf einer Teegrundierung. Dazu tränke ich die Leinwände in einer Badewanne mit Tee – natürlich Ostfriesentee! Beim Malen bin ich sogar gern allein. Das heisst, ich unterhalte mich mit den Bildern: «Noch ein bisschen Zinnoberrot? … Bitteschön!»

Ottifanten haben Sie ja immer schon gemalt …

Ja, als Zeichner habe ich mit Ottifanten angefangen. Jetzt versuche ich, sie in klassische Gemälde oder andere berühmte Vorlagen zu schmuggeln. Immer im Stil der jeweiligen Altmeister und immer mit einer gewissen Leichtigkeit. Offenbar gelingt mir das auch ganz gut. Die Bilder finden reissenden Absatz.

Wie kam es dazu, dass Sie wieder so intensiv malen?

Ich habe, wie gesagt, schon immer viel gezeichnet. Dann fragte mich vor ein paar Jahren ein Galerist, ob ich nicht Lust hätte, wieder mehr zu malen. Mein Freund Udo Lindenberg, der seine Bilder vom selben Galeristen vertreiben lässt, motivierte mich dann zusätzlich. Und so hab’ ich angefangen, mir mehr Zeit zu nehmen, mehr zu malen und neue Sachen auszuprobieren.

Sind Sie immer zufrieden mit Ihren Bildern?

Nein, das wäre ja langweilig. Jedes Bild ist ein kleines Experiment für mich. Ich fange ja gerade erst an mit dieser intensiven Malerei. Die Bilder sehen zwar fertig aus, aber wenn ich sie mir intensiver anschaue, finde ich immer etwas, was ich noch besser hätte machen können. Ich bin eigentlich nie ganz zufrieden.

Aber sehen Sie Ihr Talent?

Nein, das sehe ich nicht. Wenn ich durch Museen gehe, dann gibt’s tausend Maler, die besser sind.

Wie halten Sie sich fit?

Ich mache viel Sport, fast jeden Tag, renne herum, zappele viel. Ich fahre Rollerblades, Velo, spiele Tennis.

Sie fahren Rollerblades?

Ja, ich bin als Kind auch schon mit Schlittschuhen zur Schule gelaufen, weil ich ja an den Kanälen in Ostfriesland gross geworden bin, und damals war im Winter alles zugefroren. Aber der Klimawandel, der ja nicht existiert, hat alles ein bisschen verändert …

Was machen Sie sonst für Ihre Gesundheit?

Ich ernähre mich bewusst, nicht zu ex­trem – nicht zu extrem vegetarisch, meine ich. Aber ich lege lange Pausen zwischen den Fleischgängen ein.

Sind Sie ein Hypochonder?

Ja. Sobald ich irgendwo ein Wehwehchen habe, denke ich: Jetzt ist es soweit, jetzt heisst es Abschied nehmen. In meinem Alter interpretiert man alles, was neu erscheint, gleich als Schlussakkord.

In Ihrer Biografie kommt auch Ihr Bruder Karl-Heinz vor. Ist er genauso lustig wie Sie?

Ja, er ist versteckt lustig. Mein Bruder bedeutet mir sehr viel. Er hat früher immer auf mich aufgepasst. Ich hab ihn stets bewundert. Er durfte damals schon in die nicht jugendfreien Filme, hat mir dann anschliessend immer alles detailliert erzählt. Darauf war ich sehr stolz. Andererseits war er gutbürgerlich, wurde Bauingenieur, wohnt heute immer noch in Emden. Ich dagegen war immer schon der kleine Herumtreiber, der mit der ­Gitarre durch die Strassen zog.

Wie war Ihre Kindheit?

Glücklich, es war eine heile Welt. Unsere Eltern haben stets das Böse von uns ferngehalten, deswegen bin ich auch so konfliktscheu. Als meine erste Ehe zu Bruch ging, bin ich fast daran zerbrochen. Unsere Eltern sind dafür mitverantwortlich, durch ihre grosse, grosse Liebe. Ich bin sehr harmoniesüchtig.

Haben Sie als Kind schon das Ziel gehabt, berühmt zu werden?

Nein, aber ich habe früh angefangen, Musik zu machen. Ich bin schon im Kindergarten aufgetreten, mit sechs hatte ich meine erste Gitarre. Ich habe oft irgendetwas als Mikrofon genommen und mir vorgestellt, vor grossem Publikum zu singen. Tagträume. Aber dass die mal real würden, daran habe ich nie geglaubt. Das hat sich einfach so ergeben als ich fürs Kunststudium nach Hamburg kam und in kleinen Clubs aufgetreten bin, für 20 Minuten gab’s 5 Mark.

Und dann kam Ihr Manager Hans Otto Mertens …

Ja, der hat mich entdeckt und auf mich aufgepasst. Hans-Otto kannte sich aus. Ich habe früher alles unterschrieben, und er musste mich erst mal wieder freikaufen. Als die Plattenfirmen zunächst nicht interessiert waren, haben wir alles selbst produziert, Hans-Otto hat sogar noch Plakate geklebt. Dann kam irgendwann das Fernsehen und die Popularität stieg. Aber ohne Hans-Otto wäre ich nie so erfolgreich geworden. Er ist seit 45 Jahren einer meiner engsten Freunde.

Was haben Ihnen Ihre Eltern neben ihrer Liebe auf den Weg gegeben?

Die Religiosität meiner Mutter und Weltlichkeit meines Vaters waren eine gute Mischung. Sie haben mir mit auf den Weg gegeben, Probleme immer sofort anzusprechen und nicht vor sich herzuschieben, nicht zu verdrängen. Wenn mich etwas bedrückt, spreche ich darüber, und dann ist es vorbei. Andernfalls schleppt man so etwas oft ewig mit sich herum.

Sind Sie gläubig? Woran glauben Sie?

Ich glaube, dass man darüber nicht zu viel reden sollte.

Wie haben Sie Ihren Sohn erzogen?

Ich weiss nicht, ob ich ihn erzogen habe. Er sagt, ich wäre ein ganz guter Vater, aber wie soll er das beurteilen? Sohn eines Prominenten zu sein, stelle ich mir schwierig vor. Und dann noch Sohn eines Komikers! Aber das hat seine Mutter gut ausgeglichen. Benjamin ging auf eine internationale Schule, da hatte er keinen Sonderstatus. Das war eine gute Lösung. Ich bin sehr stolz auf ihn.

Gibt es eine neue Frau in Ihrem Leben?

Noch nicht. Ich hab doch gerade erst die zweite Ehe hinter mir. Nichts überstürzen jetzt. Aber wenn die Richtige kommt, halt ich’s wie die Pfadfinder: allzeit bereit. Heiraten ist vielleicht altmodisch – wie die Pfadfinderei, nicht mehr zeitgemäss, aber ich steh’ drauf.

Es gibt bestimmt einige Frauen, die gern mit Ihnen zusammen wären.

Ja, aber nur so lange sie noch nicht längere Zeit mit mir ertragen mussten, das ist nämlich gar nicht so einfach. Es gibt auch viele, mit denen ich gern zusammen wäre, aber die sind klug und können sich das Leben mit mir vorstellen – beziehungsweise eben nicht. Ich lasse es auf mich zukommen. Ich jage nicht und lasse mich auch nicht jagen. Und dann gibt es vielleicht irgendwann den Moment, in dem man sich anschaut und denkt: «Wow!» Ich glaube an Liebe auf den ersten Blick. Immer noch.

Haben Sie noch guten Kontakt zu Ihren Ex-Frauen?

Ja, ich hab zweimal Pech gehabt, die erste ist mir weggelaufen, die zweite ist nicht geblieben. Mit meinen Ex-Frauen bin ich aber noch befreundet, ich hoffe, sie auch mit mir. Mit Manou, der Mutter meines Sohnes, versteh ich mich sehr gut, wir machen noch vieles gemeinsam. Sie wohnt in Hamburg im Haus direkt neben mir. Und Eva ist in L.A., produziert Filme und schreibt Drehbücher, wir schreiben uns ab und zu.

Wie war es, eine Biografie zu schreiben und das Leben Revue passieren zu lassen?

Man verfällt in tiefe Melancholie, weil es Erinnerungen hervorruft, die zunächst traurig machen. So viel Schönes ist ­passiert und schon wieder vorbei. Man vermisst die Eltern, und da wird man nostalgisch, aber auch fröhlich, weil alles so schön gewesen ist.

Sie haben einen sehr kleinen, alten Freundeskreis …

Ja, es kristallisieren sich in meinem Beruf mit der Zeit immer weniger Freunde ­heraus, eine Handvoll Menschen, denen ich vertraue, mit denen ich gern zusammen bin und Erlebnisse teile, Höhe- und Tiefpunkte. Es ist wichtig, dass man Freunde hat, ob weiblich oder männlich, ganz egal. Hauptsache, man hat sie.

Sie haben sie teils seit über 40 Jahren.

Ja, das ist friesisch. Friesen sind beständig. Deswegen hab ich auch gedacht, meine erste Ehe würde ewig halten.

Gibt es etwas, was Sie bereuen in Ihrem Leben?

Ja, ich hätte Ingrid Steeger anrufen sollen. Als sie mir vor vielen, vielen Jahren ihre Telefonnummer nachts in Berlin unter der Hotelzimmertür durchgeschoben hat. Da hab ich nicht drauf reagiert, ich Idiot. Das streitet sie heute vielleicht ab, aber das bereue ich ehrlich. Ich hätte so gern mit ihr über Komik diskutiert.

Wie ist Ihr Umgang mit Geld?

Ich hab kein erotisches Verhältnis zu Geld, kaufe mir keine teuren Sachen, abgesehen von Farben und Pinseln für die Malerei. Ich bin auch nicht gerade modebesessen, eher gleichgültig. Es ist mir egal, ob Lagerfeld, Adidas oder gar nichts auf den Sachen steht. Ich gebe mein Geld lieber für Vergängliches aus, für Einladungen, Essengehen, und ich mach’ Freunden gern Geschenke.

Was waren die schönsten Momente in Ihrem Leben?

Ach, es gibt so Momente, da sitzt du am Tisch, mit einem Glas Wein und netten Leuten um dich herum, einer daneben grillt noch etwas – das reicht mir schon. Da denke ich: «Wow, was für ein schöner Moment!» Oder wenn ich ein Bild fertig habe und jemand lobt es. Bestätigung ist unheimlich schön. Für mich ist jeder Tag wichtig, deswegen gibt es für mich auch eine verkürzte Zukunftsperspektive. Ich lebe von einem Tag in den anderen, ­geniesse jeden einzelnen. Das können nicht viele ... Könnten sie schon, wenn sie nicht so von ihrem Ehrgeiz besessen ­wären und verbissen irgendwelche Ziele verfolgten. Das ist leicht gesagt, aber es ist einfach so.

Und was waren die traurigsten Momente?

Der Tod meiner Eltern. Und auch als meine erste Frau mich verlassen hat, mit unserem Sohn. Verlassenwerden war ­ungewohnt für mich. Der beliebte Otto – aber seine eigene Frau mag ihn nicht mehr, weil sie sich in einen anderen verliebt hat. Der Gedanke war mir vollkommen fremd. Viel später wurde mir klar, dass ich selbst schuld war, weil ich sie zu viel allein gelassen hatte.

Gehen Sie öfter noch zum Grab Ihrer Eltern?

Nein, das ist schwierig für mich. Wenn Schulkinder vorbeikommen und mich dort sehen, muss ich am Ende noch am Grab den Otto-Gang machen.

Wie erklären Sie sich, dass Jung und Alt Sie gleichermassen mögen?

Vielleicht, weil ich selbst nie erwachsen geworden bin. Weil da ein kindlicher Geist noch in mir und meiner Komik steckt. Das mögen Ältere, weil sie sich überlegen fühlen, und Jüngere erkennen sich wieder. Deswegen wirkt das zeitlos, es funktioniert heute noch wie früher.

Viele Leute fragen sich, ob Otto privat auch immer so lustig ist. ­ Was antworten Sie?

Nein, ich versuche oft, ernst zu sein, werde aber nicht ernst genommen. Daraus habe ich das Beste gemacht. Und das scheint irgendwie geklappt zu haben: Die Leute auf der Strasse strahlen mich an, wenn sie mich sehen. Ich stelle mir das schrecklich vor, wenn die Leute mich nicht mehr mögen würden. Das würde mir weh tun.

Brauchen Sie Aufmerksamkeit?

Nicht immer. Wenn ich male, muss ich für mich allein sein, auch wenn ich Gitarre übe. Ich bin sogar ganz gern allein, wahrscheinlich weil ich sonst ja immer genug Leute um mich herum habe. Aber Publikum brauche ich. Danach bin ich süchtig. Bestätigung brauche ich immer wieder, zum Beispiel wenn die Leute mich erkennen. Ich war neulich in München am Stachus, und da ruft einer ganz laut «Da ist Otto!», und alle drehen sich um und schauen mich an. Ich wurde ganz verlegen. Vielleicht hätte ich doch nicht so laut rufen sollen …

Biografie ist kein Scherzartikel

Otto Gerhard Waalkes schreibt in seiner soeben erschienenen Autobiografie «Kleinhirn an alle» gleich im Vorwort, eigentlich zeitlebens nichts anderes gemacht zu haben, als «zu blödeln, zu knödeln und zu jödeln». Diese Rolle hat das Leben für ihn bereitgehalten: Nach dem Abitur war er in allen Jobs grandios gescheitert, ob als Werftmitarbeiter (nicht schwindelfrei), Fotografenhilfe (zu unterfordert), Möbelpacker (zu schwach) oder Wäscheausfahrer (zu unzuverlässig). Auch das Studium der Kunstpädagogik mit der Perspektive als Lehrer: nicht wirklich was für ihn. Also bastelt er an einem musikalischen Soloprogramm, interpretiert Songs, erzählt Witze und gibt den schrägen Alleinunterhalter.

Otto ist Otto, keine Figur, keine Rolle, eine natürlich witzige Person ohne doppelte Identitäten. Mögen die glorreichen Zeiten der Ottomania auch Jahre zurückliegen, vieles ist in den komischen Kanon aufgenommen worden und wird heute ganz selbstverständlich zitiert.

In seinem Buch, mehr Erinnerungen als Autobiografie, grübelt Otto nicht dezidiert über die Gründe seines Erfolges, er dankt vielmehr in aller Bescheidenheit und Demut den Garanten: Seinem fortwährenden Glück (wird sehr oft hervorgehoben), seinem Manager Hans-Otto Mertens und seinen Autoren aus der Neuen Frankfurter Schule Robert Gernhardt, Peter Knorr und Bernd Eilert. Letzterer hat auch bei «Kleinhirn an alle» mitgeholfen.

Was Ottos Buch so lesenswert macht, ist nicht nur der differenzierende, sachliche und doch heitere Ton. Es ist auch die Verknüpfung wichtiger Lebensdaten einerseits mit Reflexionen über Besonderheiten der jeweiligen Zeit, andererseits über Begriffe wie Prominenz, Öffentlichkeit, Komik, Kunst, Gott, Fans. «Kleinhirn an alle» ist alles andere als ein Scherzartikel, sondern bietet viel Tiefgang und neben Biografie auch Kulturgeschichte und Gesellschaftsanalyse. (os)

Otto Waalkes, "Kleinhirn an alle - die grosse Otto-Biografie", 416 Seiten, Heyne Verlag 2018, Fr. 30.90

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