Winterbaden – ein eiskaltes Vergnügen

Winterbaden ist gewiss nichts für Warmduscher. Bei Wassertemperaturen nahe dem Gefrierpunkt fühlen sich die kälteresistenten Schwimmer erst richtig wohl. Der 78-jährige Ernst Späti entdeckte den Wintersport bereits vor vierzig Jahren für sich.

Desireé Müller
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Ab ins Wasser: Auch im Winter hält Eisschwimmer nichts von einem Badeplausch ab.

Ab ins Wasser: Auch im Winter hält Eisschwimmer nichts von einem Badeplausch ab.

(Bild: Bild: Getty)

Wer ins kalte Nass taucht, wird sogleich von Adrenalin und Endorphinen überschüttet, was Glücksgefühle auslöst. So berichten immer wieder Eisbandende davon, dass der winterliche Badespass gar süchtig machen kann. Auch wenn es viel Überwindung braucht: Wer im Winter schwimmen geht, stärkt damit sein Immunsystem. Durch die schnelle Abkühlung muss der Körper eigene Reserven möglichst schnell in Wärme umwandeln und diese in Arme und Beine transportieren. Sozusagen Bodybuilding für die Gefässe – so ähnlich wie beim kalten Duschen nach der Sauna.

Immer mit der Ruhe

Die Ausflüge ins eisige Wasser dauern vor allem bei Neulingen meistens nur ein paar Sekunden. «Bei meinem ersten winterlichen Eisschwimmversuch im November 1982 schaffte ich sechszehn Züge», erinnert sich der heute 78-jährige Ernst Späti zurück. Damals packte ihn bei einem sonnigen Winterspaziergang entlang des Seerheins die Lust nach einem Sprung ins Wasser. So bahnte er sich durchs Schilf heimlich einen Weg zum Seeufer. «Eine Badehose hatte ich natürlich nicht dabei», sagt Späti und lacht. Seine Frau bot ihm netterweise ihr T-Shirt als Badetuch an. Seither geniesst der Ostschweizer Senior fast jeden Tag ein erfrischendes Bad im Seerhein.

Vorsicht geboten

Auch wenn sich das Eisschwimmen ganz vergnüglich anhört: Wer untrainiert im Winter baden geht, riskiert einen Kälteschock und kann die Besinnung verlieren. «Ganz wichtig ist, dass man spätestens ab September mit dem Training beginnt. Der Körper braucht Zeit, um sich an die Kälte zu gewöhnen», warnt der Tägerwiler. Hände und Füssen beginnen gleich nach dem Einstieg ins Wasser zu prickeln. Der Schmerz werde zuerst stärker, lasse laut Späti aber irgendwann nach. «Aber nur, weil man die Giedmassen nicht mehr spürt», erklärt der Tägerwiler. Anfänger sollten auch stets in Begleitung schwimmen gehen und solche mit bestehenden gesundheitlichen Problemen vorab die Meinung des Hausarztes zum neuen Hobby einholen.

Schnell ins Warme

Auch der Senior ist darauf bedacht, dass jemand am Ufer auf ihn wartet und ihm nach dem Schwimmen beim Abtrocknen und Anziehen hilft. Sprechen fällt dem Schwimmer nach dem Training im eiskalten Wasser dazu sehr schwer. Nicht selten wird Späti bei seinem winterlichen Training von Spaziergängern beunruhigt beobachtet oder angesprochen. «Ich winke ihnen dann zu und zeige mit dem Daumen nach oben. Dann wissen sie, dass sie nicht gleich die Rega rufen müssen», scherzt der Pensionär.

AufgepasstDer Kopf sollte beim Eisbaden immer über der Wasseroberfläche bleiben. Dazu ist es wichtig, sehr langsam ins Wasser zu gehen und keinesfalls hineinzuspringen. Der Blutdruck schnellt sonst abrupt nach oben und es könnte ein Herzstillstand einsetzen.
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FettverbrennungDer Kalorienverbrauch beim Eisschwimmen ist extrem hoch. Wen nach dem eisigen Bad nicht der Heisshunger übermannt, kann so über die Wintermonate ordentlich abspecken.
AufwärmenEs empfiehlt sich, den nassen Körper nach dem Schwimmen mit einem Handtuch abzutupfen, nicht zu rubbeln. Nach dem Anziehen hilft ein warmer Tee beim «Auftauen». Hartgesottene Winterschwimmer, radeln danach mit dem Velo heim.
GeschichteSeit Jahrhunderten wird das Winterbaden- oder Schwimmen in vielen Ländern ausgeübt. So soll bereits Johann Wolfgang von Goethe das Eis der Iim aufgehackt haben, um ein kaltes Bad zu geniessen. In Skandinavien ist es ein regelrechter Volkssport. Die extremere Variante ist das Eistauchen. Der dänische Freitaucher Stig Avall Severinsen hält den Weltrekord. Er tauchte 76,2 Meter unter Grönlands Eis– mit nur einem Atemzug in Badehosen und ohne Neoprenanzug. Dafür benötigte er eine Minute und 26 Sekunden.

Aufgepasst
Der Kopf sollte beim Eisbaden immer über der Wasseroberfläche bleiben. Dazu ist es wichtig, sehr langsam ins Wasser zu gehen und keinesfalls hineinzuspringen. Der Blutdruck schnellt sonst abrupt nach oben und es könnte ein Herzstillstand einsetzen.

(Bild: David Ziegler / iStockphoto)

Ab an die Weltmeisterschaft

Ernst Späti.

Ernst Späti.

Aktuell finden die Winter Swimming Worldchampionships in Slowenien statt. Winterschwimmen ist keine Olympiadisziplin, sondern gleicht einem fröhlichen Volksfest. Der Thurgauer Ernst Späti ist immer wieder begeistert von der tollen Stimmung. Er reiste vor einigen Tagen nach Bled um dort als ältester Schweizer Eisschwimmer teilzunehmen. Er tritt in der Disziplin 400 Meter Freischwimmer an, einer von siebzehn Disziplinen. Für die Distanz benötigt der geübte Eisschwimmer etwa zwölf Minuten. An einer vergangenen Weltmeisterschaft schwamm er bereits auf den ersten Platz in seiner Kategorie. Für Ernst Späti ist es nun die dritte und letzte WM. Doch sein täglicher «Schwumm» im Naturschwimmbad Zellersguet beim Seerheinbad in Tägerwilen gibt der 78-jährige Ostschweiz deshalb nicht auf.