Wildes Finnland: Ferien machen in der Gegend, die ein Jahr zuvor noch mit Wasser bedeckt war

Jedes Jahr wächst das Schärengebiet Kvarken um gut einen Quadratkilometer. Freien Blick auf das Meer und mit etwas Glück auf die Nordlichter gibt es dort selbst vom Bett aus.

Corinne Hanselmann
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Die Küstenlinie des Kvarken-Schärenmeers erhebt sich etwa einen Zentimeter pro Jahr. Das hat dem Gebiet die Aufnahme ins Unesco-Weltnaturerbe beschert. Bild: Getty Images

Die Küstenlinie des Kvarken-Schärenmeers erhebt sich etwa einen Zentimeter pro Jahr. Das hat dem Gebiet die Aufnahme ins Unesco-Weltnaturerbe beschert.
Bild: Getty Images

Leises Plätschern von Wellen ist zu hören. Ein Fischerboot tuckert auf dem Meer. Enten suchen am Wasser ihr Frühstück – und am Horizont erscheint langsam die Sonne. Welch friedliche Morgenstimmung, die man an der Westküste Finnlands direkt aus dem Bett heraus erleben kann. Hier übernachten die Gäste des Anwesens Kalles Inn in kleinen Glashäusern. Die Unterkünfte geben den Blick aufs Meer und zum Himmel frei, wo im Winterhalbjahr häufig Nordlichter tanzen.

Bis zum Frühstück im gemütlichen Blockhaus bleibt etwas Zeit. Das ist die Gelegenheit, die fantastische Aussicht und die Ruhe bei einem Bad im Hot Tub zu geniessen. Eine Brise lässt die langen Grashalme in Ufernähe schaukeln.

In Kalles Inn wohnen Feriengäste in Glashäusern. Bild: Corinne Hanselmann

In Kalles Inn wohnen Feriengäste in Glashäusern. Bild: Corinne Hanselmann

Wellen zerschellen an den Felsen, während Möwen ihre Kreise ziehen. «Ein Grund, warum die Gäste hierherkommen, ist die unvergleichliche Aussicht. Diese wollte ich verbinden mit der Übernachtung an sich», erzählt Freddi Skott, der «Kalles Inn» seit acht Jahren führt. Vor zwei Jahren hat er deshalb acht Glashäuschen bauen lassen.

Um die Privatsphäre zu wahren, sind zwischen den Häuschen Steinbrocken aufgetürmt, und auch Storen können ­heruntergelassen werden. Die dicken Scheiben sind beheizbar, so dass sie auch im Winter freie Sicht bieten. Auf «Kalles Inn» gibt es gehobene skandinavische Küche und – wie könnte es in Finnland anders sein? – Saunas. So nah am Ufer, dass ein erfrischender Sprung ins Meer möglich ist.

Weil das Eis taut, wächst das Schärengebiet Jahr für Jahr

«Kalles Inn» ist der westlichste Punkt Finnlands, der per Auto erreicht werden kann. Er befindet sich im Gebiet des Unesco-Weltnaturerbes Kvarken-­Archipel, einer Schärenwelt, die sich ständig verändert. Eine dicke Eisschicht presst die Erdkruste im Kvarken-Gebiet seit der Eiszeit stark nach unten. Durch das Abtauen des Eises taucht die Landschaft immer mehr auf, zu Beginn über einen Meter pro Jahr. Inzwischen ist die Landhebung schwächer, sie beträgt aber immer noch knapp einen Zentimeter pro Jahr.

Fischmarkt am Hafen von Vaasa.
20 Bilder
Blick vom Aussichtsturm auf das Dorf Svedjehamn im Kvarken-Gebiet (Bilder: Corinne Hanselmann)
Die mit 1045 Metern längste Hängebrücke Finnlands verbindet Vaasa mit der Kvarken-Insellandschaft.
Bei einer Bootstour lässt sich das Kvarken-Gebiet besonders gut erleben. Farbige Pfosten weisen den Weg durch das von Felsen durchzogene Gebiet.
Idylle pur auf Kalles Inn.
Der Wind lässt die Halme in Ufernähe schaukeln.
Fredric Saltvik (rechts) nimmt Touristen mit auf Bootstouren im Kvarken-Gebiet.
Die Glashäuser von Kalles Inn bieten eine herrliche Aussicht direkt vom Bett aus. (Bild: VisitFinland)
Vom Hafen in Vaasa starten viele Familien per Boot zu ihren Sommerhäusern.
Beste Aussicht aufs Meer.
Vielfältige Pilz- und Pflanzenwelt.
Neugierig blickt den Besuchern ein Schaf entgegen.
Bei einem Bad im Hot Tub lässt sich die Ruhe der Natur geniessen.
Aus dem Wasser ragende Felsen im Gebiet Kvarken. (Bild: Esa Siltaloppi)
Der 36 Meter hohe Leuchtturm auf der Insel Valassaaret.
Idyllischer Park am Hafen von Vaasa.
Ein schmaler Pfad führt durch die fast unberührte Natur auf der Insel Valassaaret.
Über eine Million Sommerhäuser gibt es in Finnland.
Am Bootshafen von Svedjehamn im Kvarken-Gebiet.
Der Hafen von Klobbskat in der Nähe von Kalles Inn.

Fischmarkt am Hafen von Vaasa. 

Die Land­fläche des 195000 Hektaren grossen Schärengebiets (etwa 85 Prozent davon ist Wasser) wächst so jährlich um rund einen Quadrat­kilometer, was 150 Fussballfeldern ­entspricht. Die Vergleiche von vielen alten ­Bildern mit Fotos von heute im Besucherzentrum der Schärenwelt Kvarken zeigen die Veränderung eindrücklich.

Nebst anderen anspruchslosen Pflanzen wachsen auf dem frisch entstandenen kargen Grund häufig Sanddornsträucher. Die als sehr gesund geltenden Beeren begegnen einem in Finnland immer wieder: als Begrüssungscocktail, im Brot, als Vitamin-­Shot am Frühstücksbuffet, beim Dessert. Auch Fisch kommt häufig und in allen Variationen auf den Teller, ebenso Rentierfleisch.

Auf dem kargen Grund wachsen viele Sanddornsträucher. Bild: Corinne Hanselmann

Auf dem kargen Grund wachsen viele Sanddornsträucher. Bild: Corinne Hanselmann

Das eindrückliche Schärengebiet und die fast unberührte Natur lassen sich bei einer Bootstour mit kleiner Wanderung auf der Leuchtturminsel Valassaaret bestens erleben. Gewandt steuert Fredric Sandvik sein Boot im Slalom durch die aus dem Meer ragenden Felsen. «Diese rasante Fahrt macht mindestens so viel Spass wie eine Achterbahn», meint eine Passagierin.

Sandvik kennt das Gebiet bestens. Seit über 40 Jahren steuert er hier sein Schiff. «Als 9-Jähriger habe ich das erste Boot bekommen», erzählt er. Von Mai bis Oktober bietet er Bootstouren an, im Winter nimmt er Touristen auf Ausflüge per Schneemobil mit. Ein Grossteil des Wassers im Schärengebiet ist dann zugefroren.

Seehunde und Seeadler beobachten

Misstrauisch blickt ein Schaf den Besuchern auf der Insel Valassaaret entgegen. Menschen laufen den Tieren hier, wo sie den Sommer verbringen, selten über den Weg. Ein Pfad führt durch das bewaldete und fast unberührte Gebiet. Pilze, Schmetterlinge, Libellen, eine Vielfalt an Pflanzen und bunten Flechten sind zu sehen.

Die Insel ist seit Jahrzehnten eine Vogelschutzzone. Im Kvarken-Gebiet brüten um die 25 Seeadlerpaare. Auch Seehunde lassen sich häufig blicken.

Unser Guide zeigt auf die Stelle, an der die Insel zu Ende war, als er noch Kind war. Durch die Landhebung ist sie einiges grösser geworden. Der Spaziergang führt am beeindruckenden 36 Meter hohen roten Leuchtturm vorbei, wo die Wanderer das Lunchpaket plündern, das Fredric Sandvik ihnen auf den Weg mitgegeben hat.

Der Turm ist im Jahr 1886 von derselben Pariser Firma konstruiert worden, die später den Eiffelturm baute. Früher war die Insel eine Aussenstation der Küstenwache, heute ist sie unbewohnt.

Von der einfachen Hütte bis zur eleganten Villa

Das Kvarken-Gebiet liegt rund 50 Kilometer entfernt von der Stadt Vaasa, die statistisch gesehen die sonnigste Stadt Finnlands ist. Mit dem Flugzeug gelangt man in 45 Minuten von Helsinki nach Vaasa, mit dem Zug in 3½ Stunden. In Vaasa beginnt zudem die kürzeste Schiffsverbindung nach Schweden. In 4½ Stunden fährt die Fähre täglich nach Umeå.

In Vaasa, der sonnigsten Stadt Finnlands, wohnen rund 68000 Personen. Bild: Shutterstock

In Vaasa, der sonnigsten Stadt Finnlands, wohnen rund 68000 Personen. Bild: Shutterstock

68000 Einwohner leben in Vaasa. Die Stadt ist zweisprachig. Etwa 70 Prozent der Bewohner sprechen Finnisch, etwa 25 Prozent Schwedisch. Fast alle Ortsbezeichnungen sind in beiden Sprachen aufgeführt.

Jeder fünfte Bewohner Vaasas ist ein Student. Die Universität Vaasa ist vor allem im Bereich Technik stark. In der Umgebung haben sich mehrere grosse Unternehmen wie die Schiffsmotorenfabrik Wärtsilä oder der Energie- und Automatisierungstechnikkonzern ABB angesiedelt.

In der Sauna, wo Kinder geboren werden und Meetings stattfinden

Vom Hafen in Vaasa starten viele finnische Familien per Boot zu ihren Sommerhäusern. Ob auf einer abgelegenen Insel im Schärenmeer oder im Wald am See – im Sommerhaus vertiefen die Finnen ihre Beziehung zur Natur, lassen die Aussenwelt hinter sich und streben nach dem einfachen Leben.

Eine Sauna gibt es in fast jedem finnischen Sommerhaus. Bild: Esa Siltalopp

Eine Sauna gibt es in fast jedem finnischen Sommerhaus. Bild: Esa Siltalopp

Angeln am See, grillieren, Kanu fahren, entspannen. Mehr als eine Million Sommerhäuser gibt es in Finnland, von einfachen Hütten bis hin zu grossen, eleganten Villen. Doch eines gibt es in sozusagen jedem Sommerhaus: eine Sauna. Sie garantiert die echte ­finnische Lebensart und «nordischen ­Genuss».

«Früher gab es fast nur in der Sauna warmes Wasser, um sich zu waschen. Früher und heute sind Saunas aber auch ein Ort der Ruhe», erzählt ein finnischer Saunabesucher mit einem Bier in der Hand. «Jeder bleibt so lange, wie es ihm wohl ist.» In Saunas werden sogar Kinder geboren, aber auch Businessmeetings abgehalten, wobei wichtige Entscheide getroffen werden.

Gut zu wissen

Anreise
Von Helsinki gelangt man am schnellsten per Flugzeug nach Vaasa, es gibt aber auch Zugverbindungen. Vor Ort ist man am einfachsten mit einem Mietauto unterwegs.

Beste Reisezeit
Frühlingssonne und Erwachen der Natur: April und Mai.
Lange Sommertage und viele Events: Juni, Juli und August. Schönste Herbstfarben: September und Oktober.

Highlights
Weltnaturerbe Kvarken, Dorf Björköby/Svedjehamn, Leuchtturminsel Valassaaret, Meteoritenkrater Söderfjärden.

Info
www.visitfinland.com, www.vaasa.fi

Hinweis: Die Reise wurde unterstützt von Visit Vaasa.

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