Geschlechterungleichheit: Wieso Frauen auf Wikipedia einen schweren Stand haben

Auf dem Online-Lexikon finden sich mehr Artikel über Männer als über Frauen. Schreibevents sollen nun ausgewogene Verhältnisse schaffen.

Alexandra Pavlović
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Ideen für einen Wiki-Eintrag an den «Edit-a-thons». 120 Frauen wurden an diesen Anlässen neu auf Wikipedia gebracht. (Bild: PD)

Ideen für einen Wiki-Eintrag an den «Edit-a-thons». 120 Frauen wurden an diesen Anlässen neu auf Wikipedia gebracht. (Bild: PD)

Greta Thunberg und Angela Merkel besitzen einen, neu gewählte Schweizer Nationalrätinnen wie SVP-Frau Esther Friedli oder SP-Frau Céline Widmer hatten bis vor kurzem keinen Eintrag auf Wikipedia. Vor einigen Monaten hätte man auf dem Online-Lexikon auch nichts über Donna Strickland lesen können. Anfang Oktober 2018 erhielt die Kanadierin als dritte Frau überhaupt den Physik-Nobelpreis, ihren Artikel suchte man vergebens. Ein Editor der Enzyklopädie hatte einen Eintrag über Strickland im Mai 2018 abgelehnt, Begründung: zu unwichtig.

Donna Strickland ist kein Einzelfall. So wie ihr ergeht es den meisten Frauen – oder besser gesagte ihren Biografien. Kaum erstellt, wird der Eintrag auf Wikipedia von den Editoren zerpflückt. «Zu unwichtig», «nicht relevant» – kaum eine Begründung, die nicht zum Löschungsantrag führt.

Nur 20,3 Prozent der Artikel handeln von Frauen

Nicht nur sind Frauenbiografien auf Wikipedia unterrepräsentiert, es gibt auch Hinweise, dass das Online-Lexikon ein Problem mit bestimmten Stereotypen hat. Forscherinnen und Forscher der ETH Zürich, der Universität Koblenz-Landau sowie des Leibniz Instituts konnten in einer Studie aufzeigen, dass Wikipedia Frauen im Vergleich zu anderen Lexika in der Auswahl der Artikel zwar nicht benachteiligt, in ihren Artikeln aber öfter Wörter wie Familie und Kinder fallen und häufiger Verlinkungen zu Artikeln von Männern enthalten sind. Allgemein lässt sich feststellen, dass von den mehr als 330'000 Artikeln über Personen der vergangenen 100 Geburtsjahre nur 20,3 Prozent von Frauen handeln.

Muriel Staub, Vorstandsmitglied Wikipedia Schweiz. (Bild: PD)

Muriel Staub, Vorstandsmitglied Wikipedia Schweiz. (Bild: PD)

Was also sind die Gründe, dass es noch so wenig Einträge über Frauen auf Wikipedia gibt? «Die Gründe sind vielfältig», sagt Muriel Staub, Vorstandsmitglied von Wikimedia Schweiz. Die 32-Jährige nennt zwei Erklärungsversuche: Wichtige Posten sind immer noch häufiger von Männern besetzt. Und Analysen zeigen, dass auch in den Medien mehr über Männer berichtet wird. «In dem Sinne ist die Wikipedia eine Art Abbild davon.» SRF-Moderatorin Patrizia Laeri pflichtet ihr bei.

«Wikipedia hat ein Frauenproblem. Es finden sich viel mehr Artikel über Männer als Frauen. 82 Prozent der Biografien sind männlich und nur 18 Prozent weiblich».

Das nenne sich Gendercontentgap. Wenn sich nicht mehr Autoren und Autorinnen um ausgewogene Verhältnisse bemühen, lebten die alten Stereotypen auf den neuen Plattformen weiter, sagt Laeri. Damit das nicht so bleibt, hat die SRF-Moderatorin im vergangenen November mit Muriel Staub und Blick-Chefredaktorin Katia Murmann das Projekt «Frauen für Wikipedia» ins Leben gerufen. Am sogenannten «Edit-a-thon», einem Schreibmarathon, werden innert kurzer Zeit Beiträge über Frauen auf Wikipedia erfasst. Damit der Artikel schliesslich aber auch akzeptiert und in der Enzyklopädie bleibt, muss dieser neutral und sachlich geschrieben sein, mit Quellen belegt sowie gewisse Relevanzkriterien (siehe Kasten) erfüllen.

Einige Relevanzkriterien für Wikipedia

Wikipedia ist kein allgemeines Personenverzeichnis. Die Entscheidung für oder gegen die Aufnahme richtet sich danach, ob Personen mit aktuell breiter Öffentlichkeitswirkung nach sinnvollem Ermessen auch zeitüberdauernd von Bedeutung sein werden. Ein Anhaltspunkt für die Beurteilung öffentlicher Bekanntheit kann etwa eine statistische Erfassung von Suchmaschinentreffern sein. Auch anhaltende öffentliche Wahrnehmung sowie Einträge in einem anerkannten Lexikon sprechen für die Relevanz einer Person. Weitere Anhaltspunkte sind: Die Person ist wegen ihrer Beteiligung an historischen, politischen oder nachrichtenwürdigen Ereignissen bekannt, eine bekannte Person aus der Unterhaltungsbranche, Autor, Musiker, Künstler, Architekt oder eine Person, deren Werk als herausragend gilt und Teil der Geschichte des Fachgebiets geworden ist, oder auch nachgewiesene Träger eines hohen Ordens.

120 neue Frauenbiografien auf Wikipedia

Patrizia Laeri, SRF-Moderatorin und Mitinitiantin «Edit-a-thon». (Bild: SRF/Oscar Alessio)

Patrizia Laeri, SRF-Moderatorin und Mitinitiantin «Edit-a-thon». (Bild: SRF/Oscar Alessio)

Zwei Events des «Edit-a-thon» haben in Zürich bereits stattgefunden, seither finden sich 120 neue Frauenbiografien im Online-Lexikon. Ein dritter findet am 7. November statt – geht es nach Mitinitiantin Laeri sollen noch viele weitere folgen. «Ich will das bis an mein Lebensende machen. Die Arbeit wird uns nie ausgehen. Es erreichen immer mehr Frauen wichtige Positionen, man beachte die bemerkenswerte Frauenwahl in der Schweiz. Und wir müssen auch die Vergangenheit digital aufarbeiten», sagt sie. Ob der Frauenanteil auf Wikipedia irgendwann einmal gleich hoch oder höher sein wird als derjenige der Männer? Dafür brauche es gemäss Laeri noch viel Geduld.

«In der Wirtschaft rechnen uns McKinsey, EY und Co. jeweils vor, dass es noch 250 Jahre dauern wird, bis wir Gleichstellung erreichen. Aber steter Tropfen höhlt den Stein.»

Was aber unternimmt Wikipedia selbst? «Weltweit gibt es seit einigen Jahren zahlreiche Projekte, die das Ziel verfolgen, mehr Autorinnen zu gewinnen und mehr Frauen in die Wikipedia zu schreiben», sagt Muriel Staub. Besonders im Kontext einer Enzyklopädie, wo es um die Darstellung von Wissen gehe, findet sie das äusserst zentral. «Die Zeit wird zeigen, wie erfolgreich diese Initiativen sind.»

Das Projekt: «Frauen für Wikipedia»

Beim Schweizer Edit-a-thon «Frauen für Wikipedia» treffen sich Interessierte in Zürich, um gemeinsam an Wikipedia-Einträgen über Frauen zu schreiben. Bisher sind 120 neue Beiträge entstanden. Weitere Informationen finden Sie unter www.editathon.ch