Wie wir Ruhe finden

Auch in den Ferien fällt es vielen Menschen schwer abzuschalten. Andreas Knuf kennt die Erfahrung, der Psychotherapeut hat ein Buch geschrieben, in dem er «Wege zu einem gelassenen Geist» beschreibt. Im Gespräch erläutert er, warum wir so rastlos sind, auch in Gedanken – und was wir tun können. Rolf App

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Es ist eine kleine Übung. Doch sie hat es in sich. «Du sollst etwas ganz Einfaches tun», schreibt Andreas Knuf gleich am Anfang seines Buchs. «Du sollst nämlich eine Minute nicht denken. Das müsste doch eigentlich zu schaffen sein, oder?» Und dann wettet er darauf, «dass dir diese Übung nicht gelungen ist.» Im Vorwort schildert der in Konstanz arbeitende Psychotherapeut sein Schlüsselerlebnis: Er habe vor etwa fünfzehn Jahren Ferien auf der thailändischen Insel Koh Samui gemacht. Alles war traumhaft, und doch: Vom zweiten Tag an wurde sein Gefühl von Entspannung und Ruhe schwächer. Am dritten Tag begann er über das nachzudenken, was er nach der Rückkehr erledigen sollte. So wurden die Ferien zur Katastrophe. Und wie ist es heute?

Herr Knuf, wir sprechen mit Ihnen am Tag, bevor Ihre Ferien beginnen. Freuen Sie sich auf Entspannung?

Andreas Knuf: Wenn ich ehrlich bin, gehe ich schon ziemlich entspannt in die Ferien.

Das ist ja noch besser. Wie schaffen Sie das denn?

Knuf: Ich war lange ein schwerer Fall. In meinem Kopf ging es lange sehr laut zu, und ich habe grosse Probleme gehabt, in der Gegenwart zu sein. Es gab Phasen, in denen ich sehr viel gearbeitet habe. Aber irgendwann habe ich die Entscheidung getroffen, weniger zu machen – und etwas zu tun, damit mein ruheloser Geist stiller wird. Ich habe dann zum Beispiel angefangen zu meditieren, bestimmte Achtsamkeitsübungen zu praktizieren.

Und das ging einfach so?

Knuf: Nein, das kam keineswegs von heute auf morgen. Etwa zehn Jahre lang habe ich immer wieder darum gerungen, mir die Zeit zu nehmen. Ich musste mich regelrecht dazu zwingen. Es war wie beim Yogakurs, wo man zwei Mal hingeht und dann wegbleibt. Aber dann ist es zu einer Alltagsroutine geworden. Und heute habe ich am Tag mindestens eine halbe Stunde Zeit für mich. Deshalb gibt es gar keine Belastungsspitzen mehr, wo man merkt: Die Tanks sind leer.

Vielen Menschen aber geht es so, dass die Tanks leer sind. Warum schaffen sie es dennoch nicht abzuschalten – und betrachten Ferien als eine Art Arbeit, weil sie ständig etwas unternehmen müssen?

Knuf: Das hängt unter anderem daran, dass unser Geist so überdreht ist. Wenn dann die Ferien kommen, kann er nicht einfach abschalten. Er bleibt im Modus: «Ich muss was leisten.» Oder: «Es muss viel passieren.» Oder: «Ich brauche Ablenkung.» Oder: «Es darf keine Stille geben.» Dann fängt man an, ein total überfrachtetes Ferienprogramm zu machen – und am Ende sagt man: Mensch, eigentlich wollte ich doch mal zur Ruhe kommen.

Was können wir tun? Fangen wir bei den Gedanken an, die nicht zur Ruhe kommen wollen.

Knuf: Man kann viel tun, um seinen Geist zu beruhigen. Wir müssen aber zuerst überhaupt mitbekommen, wie aktiv dieser Geist ist – das tun viele schon mal nicht. Dann kann ich mir eine Auszeit gönnen. Etwas tun, von dem ich weiss, dass es den Geist beruhigt. Viele gehen in die Natur. Sie sagen: Da wird es friedvoller, ruhiger in meinem Kopf. Viele Menschen erleben das auch mit Tieren. Oder mit kleinen Kindern.

Und wenn ich nun nicht gerade nach draussen kann? Wenn meine Katze weit weg ist?

Knuf: Als sehr effektiv erwiesen haben sich Achtsamkeitsansätze. Ich kann zum Beispiel beobachten, wie ich atme. Und wenn ich das tue, wird es da oben still. Denn wir können nicht parallel denken und unsere Aufmerksamkeit auf den Atem konzentrieren. Wir Menschen sind nämlich gar nicht fähig zum Multitasking. Ich könnte meine Achtsamkeit auch auf etwas anderes richten, etwa auf eine Routinetätigkeit wie Treppensteigen oder Geschirrspülen.

Müssten viele Menschen ihren Alltag nicht auch anders strukturieren?

Knuf: In meiner Praxis erlebe ich es immer wieder, dass viele Menschen keine Pausen haben. Mit Pause meine ich nun nicht einfach noch ein anstrengendes Gespräch, sondern kleine Nichts-Tu-Inseln. Wenn man im Büro arbeitet, kann man zum Beispiel zwei Mal in der Stunde aufstehen, das Fenster öffnen und eine Minute nach draussen schauen. Vielleicht sollte man zum Znüni mal vor die Tür gehen oder ein paar Minuten nur für sich sein. Viele Menschen wenden ein, dass sie diese Zeit nicht haben. Doch meistens lenken sie sich dennoch mit irgendwelchen unnützen Dingen ab. Darüber hinaus gibt es Menschen, die sich schlicht und einfach zu viel vornehmen.

Sie erwähnen in Ihrem Buch auch die Kinder, die schon zum Teil vollgepackte Terminkalender haben. Was müsste ich da als Vater oder Mutter tun?

Knuf: Gerade Kinder brauchen Zeiten des Nichtstuns. Wobei das ein falsches Wort ist. Eher müsste man von absichtslosem Tun sprechen. Spielen gehört dazu.

Nicht nur Gedanken quälen uns, sondern auch Handys, E-Mails und dergleichen. Wie grenzen wir uns ab gegen eine hyperaktive Umwelt?

Knuf: Eigentlich wissen wir ja, was zu tun wäre. Also nicht alle zehn Minuten die E-Mails checken, sondern zwei Mal im Tag. Trotzdem tun wir das nicht. Viele Menschen stehen unter einem inneren Druck. Ausserdem fühlen sie sich wichtig, wenn sie viele Termine haben und viele E-Mails bekommen.

Vielleicht komme ich mir aber auch komisch vor, wenn ich nichts vorhabe.

Knuf: So ist es. Nichtstun kann unangenehme Gefühle auslösen, denen wir aus dem Weg gehen möchten. Von Langeweile, von Leere, von Sinnlosigkeit. Wir müssen bereit sein, uns diesen Gefühlen zu stellen.

Warum macht denn Stille derart Angst? Weil sie mit Leere zusammenhängt?

Knuf: Ja, genau. Ich erlebe das mit meinen Klienten: Anfänglich fühlt sich die Leere unangenehm an, unter der Ruhe steckt Unruhe, Nervosität. Es braucht eine gewisse Zeit, bis diese angenehme Seite der Stille spürbar wird.

Wie wird das weitergehen?

Knuf: Für unsere Gesellschaft müssen wir annehmen, dass Beschleunigung und Reizüberflutung noch weitergehen. Jeder Einzelne hat aber trotz der Zwänge, in denen wir uns befinden, die Möglichkeit, sein Leben so zu gestalten, dass der Geist zwischendurch zur Ruhe kommen kann. Das Bedürfnis danach ist riesig.

Andreas Knuf Psychotherapeut und Buchautor, Konstanz (Bild: Quelle)

Andreas Knuf Psychotherapeut und Buchautor, Konstanz (Bild: Quelle)