Theodizee

Wie viel Zähne hat der «echte» Leibniz?

In der «besten aller möglichen Welten» hat es zwar Leid und Übel, aber auch Butterkekse und Guetsli

christoph bopp
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Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716), einer der letzten «Menschen, die alles wussten».

Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716), einer der letzten «Menschen, die alles wussten».

akg-images / Album

Von Leibniz sind zwei Sätze in der allgemeinen Erinnerung aufbewahrt. Der eine stammt aus der Werbung und lautet: «Nur echt mit 52 Zähnen.» Der Satz lässt sich leicht verifizieren. Das menschliche Gebiss hat 32 Zähne: je 2 Eckzähne (oben und unten, = 4), je 4 Schneidezähne (= 8), je 2 mal 2 vordere Backenzähne (Prämolare, oben und unten, links und rechts = 8, und je 2 mal 2 hintere Backen- oder Mahlzähne (Molare = 8); dazu kommt in allen vier Gebisshälften noch ein zusätzlicher Molar (= 4), den der Zahnarzt zu gegebener Zeit ausreisst, weshalb er «Weisheitszahn» geheissen wird. Also (pro Gebisshälfte von innen nach aussen):
4 mal (2 + 1 + 2 + 2 +1) = 32.

Also ist Leibniz nicht echt.

Leibniz (1646–1716) würde das etwa so begründen: Man kann in verschiedener Weise über die Dinge sprechen oder denken – das hat er von Aristoteles. Etwas ist entweder «notwendig», «unmöglich» oder «möglich». «Notwendig» heisst eine Wahrheit, deren Verneinung einen Widerspruch ergibt und deren Gegenteil unmöglich ist. Damit sind vor allem mathematische, logische oder allenfalls geometrische Wahrheiten gemeint. 2*2=4 ist notwendig, weil es widersprüchlich oder unmöglich ist, dass es =5 ist. Auf jeden Fall wäre es unverständlich. «Möglich» sind auch Dinge, die man nicht oft antrifft: Auch Einhörner sind «möglich» oder andere Fabelwesen, denn man kann sich durchaus ein Tier mit einem Horn an der Stirn vorstellen.

«Unmöglich» sind Einhörner nicht, wenn auch wahrscheinlich «bloss möglich». Dies, weil sie nicht notwendigerweise «nicht sind». Das wäre das Unmögliche. Meist sind solche Fabelwesen ja zusammengesetzt aus Bestandteilen, die es wirklich gibt, die aber nicht miteinander vorkommen. «Flügel» und «Pferd» sind offenbar inkompatibel, also wird Pegasus nicht über den Status des Möglichen hinauskommen.

Leibniz ging über Aristoteles hinaus

Dieses Triplett der Modallogik hat Leibniz von Aristoteles. Und so kann er logisch folgern: Menschen mit 52 Zähnen sind möglich. Aber in menschliche Kiefer passen nur maximal 32 Zähne. Also kann ein solcher Mensch nicht «echt» sein, wenn damit «irgendwie real existieren» gemeint ist. «Nur echt mit 52 Zähnen» wäre nur dann wahr, wenn es nicht um einen Menschen ginge. Und weil die Werbung sagt, dass damit ein «Butterkeks» (ein Guetsli, das vielleicht ebenfalls nur «möglicherweise» existiert, während das Pötiböörli, Petit-Beurre, hingegen wirklich existiert) gemeint ist, hat sie für einmal sogar recht.

Jetzt haben wir Leibniz «eifach gernli», weil Schleichwerbung verboten ist.

Interessant ist aber, dass Leibniz zu den drei Modalkategorien des Aristoteles noch eine vierte hinzufügt. Und das hat nicht nur mit dem Guetsli zu tun (schon auch), sondern auch mit einem anderen berühmten Satz, für den er noch bekannt ist, dass wir nämlich «in der besten aller möglichen Welten» leben würden.

Diese vierte Modalkategorie nennt Leibniz «kontingent». Alles, was es gibt, ist «kontingent». Es könnte auch nicht sein, ohne dass ein Widerspruch entstehen würde, also ist es nicht notwendig; es ist nicht unmöglich, weil es ja tatsächlich existiert; es ist aber auch nicht nur «bloss möglich», weil es eine Möglichkeit ist, die realisiert worden ist.

Erst mithilfe dieser Modalkategorie kann Leibniz das Problem formulieren, das ihn berühmt gemacht hat. Berühmter noch als alle seine Leistungen in Mathematik und Philosophie und Jurisprudenz und Historiografie und in allen anderen möglichen Gebieten, wo der menschliche Geist etwas leisten kann. Ausgenommen vielleicht die Infinitesimalrechnung.

Weil die Welt kontingent ist

Es ist dieser Gedanke, dass nämlich die Welt zwar ist, wie sie ist, aber nicht notwendigerweise so sein muss, wie sie ist; der es ihm erlaubt, das Problem als prinzipiell lösbar zu formulieren, das ihn umtrieb. Es war das Problem des Übels in der Welt. Das Problem selbst hat Leibniz nicht erfunden. Antike Philosophen und später christliche haben es erwogen, meistens endeten ihre Bedenken im berühmten Schöpfungs-Dilemma. Das sieht etwa so aus: Wir halten Gott für allmächtig und allgütig. Wie steht es dann um die Übel in der Welt? Gott kann sie nicht verhindern, dann ist er nicht allmächtig. Gott will sie nicht verhindern, dann ist er nicht allgütig. Und wenn er kann und wenn er will, woher kommen dann all die Übel?

Gottfried Wilhelm Leibniz war kein naiver gläubiger Christ. Er dachte so: Gott sollten wir als etwas denken können, das unsere Achtung und Liebe wirklich verdient. Damit erhielt er sich einen rationalen Kern in seinem Christentum. Gott kann nicht etwas sein, dem die Welt gleichgültig ist, der uns hier unten zappeln lässt. Er war auch ein Realist, den die Schmerzen und das Leid, dem Menschen unterworfen sind, nicht gleichgültig liessen.

Die beste aller möglichen Welten

So, wie Leibniz das Problem formuliert, wird eine Art «Vernunftrettung Gottes» draus. Die Welt ist kontingent, sie könnte auch anders sein. Gott hat, aus einer grossen Reihe möglicher Welten, gerade diese eine geschaffen. Er hat ein «Optimum» gewählt. Vielleicht hilft es, wenn man das Lateinische dem Deutschen gegenüber hält. Nicht die denkbar «beste Welt», die ohne Zweifel eine ohne jedes Leid wäre, hat er gewählt, sondern «ein Optimum» in Ansehung von allem. Darin inbegriffen ist natürlich, so denkt Leibniz, sehr vieles, was wir mit unserer eingeschränkten Sehfähigkeit nicht wahrnehmen.

Eine Welt ohne Leid ist zweifellos denkbar und damit möglich, aber offenbar «bloss möglich». Man muss darin Inkompatibilitäten vermuten; Dinge, die aus irgendwelchen Gründen nicht zusammen existieren können, wie Hörner auf den Stirnen von Pferden. Deshalb hat Gott nicht die «bloss mögliche» denkbar beste Welt gewählt, sondern eben unsere. Eine mit viel Leid.

Hohn und Spott musste Leibniz deswegen über sich ergehen lassen. Aber wir dürfen einen Hintergedanken vermuten. Leibniz, der Erfinder des Infinitesimalkalküls, operiert gedanklich mit dem «unendlich Kleinen», mit dem man sich einer Grösse (einem «Optimum») annähern kann. Oder er schlägt die berühmte unendliche Reihe vor, die sich konvergierend dem Wert Pi «annähert». Was hatte Leibniz also im Kopf?

Einerseits eine Erkenntnisaufgabe: Wir sollen uns bemühen, uns dem – natürlich letztlich unergründlichen – Ratschluss Gottes anzunähern. Indem wir diese Welt immer besser begreifen und wissenschaftlich durchdringen. Oder indem wir die Theodizee als moralische Aufgabe verstehen: Dazu beitragen, dass diese Welt sich der «denkbar besten» annähert. Indem wir das Übel bekämpfen.