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Wie es sich in der Schweiz als alleinstehender älterer Mann lebt

In ländlichen Gegenden leben immer mehr ältere Männer allein. Männerforscher Steve Stiehler untersucht sie. Etwa das Dorforiginal, den Beizengänger oder den Muttersohn.
Melissa Müller
Sind alleinlebende Männer einsam? Nicht unbedingt. Der Mann auf dem Bild gehört sehr wahrscheinlich zur Kategorie «Junggeselle». (Bild: Getty)

Sind alleinlebende Männer einsam? Nicht unbedingt. Der Mann auf dem Bild gehört sehr wahrscheinlich zur Kategorie «Junggeselle». (Bild: Getty)

Sepp wohnt allein auf einem abgeschiedenen Bauernhof. Eine Frau fand er nie. Heute teilt der 75-Jährige sein Haus mit Hühnern und sein Essen mit der Katze. Ab und zu schaut eine Nachbarin vorbei.

Für Männer wie Sepp interessiert sich Steve Stiehler, Professor und Dozent für Soziale Arbeit an der Fachhochschule St.Gallen (FHS). «Der Bauer, der abgelegen auf seinem Bauernhof ein paar Tiere hält und irgendwie zurecht kommt, ist der Prototyp des alleinlebenden Mannes in ländlicher Umgebung.»

Er fällt nicht auf - weder mit Gewalt noch Alkoholproblemen

Die alleinlebenden Männer bildeten in der Schweiz eine bedeutsame Gruppe der Sozialhilfeempfänger. Aber man spreche kaum über sie, denn sie fielen nicht auf – weder durch Alkoholprobleme oder Gewalt. «Sie stellen erst ein Problem dar, wenn sie eine soziale Hilfestellung in Anspruch nehmen», sagt Männerforscher Steve Stiehler. Obwohl es immer mehr solcher Männer gibt, existieren kaum Studien über sie. Stiehler will diese Forschungslücke schliessen. Er leitet dazu mit dem Dozenten Rudi Maier ein Pilotprojekt. Studierende befragten 23 Berufsleute, die in ländlichen Gegenden mit alleinlebenden Männern über 55 Jahren zu tun haben – Pfarrer, Pro-Senectute-Mitarbeiterinnen, Beistände und Wirtinnen. Daraus entstanden Erzählungen über 88 Männer, die in ländlichen Gegenden wohnen.

Die Studie leitetet daraus eine Typologie mit neun Archetypen her: der Aktive, der Altledige, das Dorforiginal, der Einsame, der Junggeselle, der Kneipengänger, der Muttersohn, der trauernde Witwer und der verbitterte Unbeliebte. (Anmerkung der Redaktion: Die Geschichten aus der Pilotstudie wurden für diesen Artikel verfremdet, um die Anonymität der Männer zu wahren.)

Grafik: Selina Buess

Grafik: Selina Buess

1. Der Aktive

Andreas, 67, pensionierter Oberstufenlehrer, hat eine Tochter und einen Sohn, zu denen er eine gute Beziehung hat. Seit fünf Jahren verwitwet, wandert er in einer Seniorengruppe, singt im Männerchor und hält sich im Turnverein fit. Andreas unterstützt seine Nachbarn. Er kauft für sie ein und ist ihnen beim Installieren von Computern behilflich. Manchmal erteilt er aber auch ungefragt Erziehungstipps. Ist ihm mal langweilig, besteigt der GA-Rentner mit einem guten Buch den Zug nach Genf, wo er kurz einen Kaffee trinkt. Andreas mag technische Spielereien und hat immer das neueste Smartphone. Er wird als gesprächiger, interessierter und kluger Mann beschrieben, der von vielen gemocht wird.

2. Der Altledige

Hanspeter lebt in seinem Elternhaus auf dem Land. Weil er abgeschieden wohnt und in jungen Jahren viel arbeitete, fehlte es ihm an Gelegenheiten, eine Partnerin kennen zu lernen. Er blieb nach dem Tod des Vaters auf dem Hof bei der Mutter, die für ihn kochte. Als auch sie starb, wurde es in seinem Haus immer chaotischer; im Dorf erzählt man sich, Hanspeter sei etwas verwahrlost. Einmal stellte er eine Haushälterin aus dem Ostblock ein, die dann seine Frau hätte werden sollen. Aber ihr gefiel es bei Hanspeter nicht, und sie reiste wieder ab. Eigensinnig und wortkarg, wie er ist, fällt ihm der Kontakt zu Frauen nicht leicht. Irgendwann hat er sich damit abgefunden, dass er wohl allein bleiben wird.

Das Wort «altledig» wird auf dem Land leicht despektierlich für ältere Leute gebraucht, die ungewollt unverheiratet geblieben sind. Oft sind es schüchterne Menschen, die sich schwer damit tun, auf andere zuzugehen.

3. Das Dorforiginal

Der Begriff wird oft für spezielle Männer benutzt, die nicht ganz der Norm entsprechen und vielen ein Schmunzeln entlocken. Wie der regional bekannte Toni. Er pflegte nicht nur vor dem Pfarrer, sondern vor allen Dorfbewohnern, die ihm zuhörten, bitterlich zu weinen und zu wehklagen, weil er noch immer keine Frau gefunden hatte. Er flehte alle an, ihm bei der Suche behilflich zu sein. Eines Tages erlaubte sich eine Frau vom Dorf einen derben Scherz. Sie klingelte mit Koffer und Tasche an seiner Haustüre und sagte, dass sie nun bei ihm einziehen werde. Der arme Mann erschrak darüber so sehr, dass er gleich Reissaus nahm und die Frau vor der Türe stehen liess.

4. Der Einsame

Erich ist eine imposante Erscheinung. Der ehemalige Chef eines Handwerksbetriebs lebt seit einem Jahr im Altersheim. Seine Sparsamkeit wird ihm allerdings als Geiz ausgelegt. Sein mangelndes Selbstvertrauen versucht er mit sarkastischen Sprüchen zu überspielen, oft unter der Gürtellinie. Das kommt bei den anderen Bewohnern nicht gut an. Der grosse Bruch in seinem Leben war die Scheidung. Erich verlor sein Haus, Ansehen und Lebensfreude. Von seiner Ex-Frau berichtet er nie. Seine beiden Kinder besuchen ihn selten. Erich findet keinen Anschluss, die obszönen Sprüche verstärken den Eindruck von Einsamkeit noch.

Die dem Archetypus «Einsame» zugeordneten Männer sind ledig, geschieden oder verwitwet und manche haben auch Kinder. Aber auch leibliche Kinder schützen nicht vor Einsamkeit im Alter. Viele Männer sind in ihren mittleren Jahren voll im Berufsleben eingebunden und überlassen die Pflege sozialer Kontakte ihren Ehefrauen. Kommt es später zur Scheidung, stehen sie plötzlich allein da. Die Autoren der Studie erachten gute Beziehungen auch im Alter als zentral: «Je früher die Anbindung an soziale Netzwerke gelingt, desto eher ist eine soziale Integration möglich, und anstelle des Gefühls von Einsamkeit können sich Wohlbefinden und Zufriedenheit einstellen», schreiben sie.

5. Der Junggeselle

Gianni geniesst sein Singleleben und seine Freiheit in vollen Zügen. Der Institution Ehe steht er kritisch gegenüber. Sein Vater hat ihm ein kleines Vermögen hinterlassen. Er lebt ein verplantes, immer ausgefülltes Leben. Sein gutes Gehalt als Leiter einer Regionalbank erlaubt ihm ausgedehnte Reisen, von denen er mit Stolz erzählt. Und teure Hobbys: Seine Leidenschaft sind Tennis und Tauchen, die meisten Freundschaften hat er im Tauchclub. Gianni flirtet gern und gilt im Dorf als «Showman», der grosszügig Drinks spendiert. Er wird als charmanter Lebemann beschrieben, der in jungen Jahren einige Beziehungen zu Frauen unterhielt, aber nie heiratete. Hobbys waren ihm wichtiger. Die meisten der beschriebenen Junggesellen sind beliebt, angesehen und stellen ihre Lebensfreude zur Schau.

6. Der Kneipengänger

Ein typischer Stammgast ist der 67-jährige Röbi. Die «Traube» ist sein erweitertes Wohnzimmer. Die in den letzten Jahren erlittenen Herzinfarkte bewogen ihn nicht dazu, das Rauchen und Trinken aufzugeben. Die Stammtischkollegen mögen ihn, obwohl er nicht viel über sich preis gibt. Auch Peter ist oft auf «Spuntentour», trinkt häufig Alkohol und beweist jeden Abend «Sitzleder». Vor einigen Jahren hatte er unter Alkoholeinfluss einen Traktorunfall, den er mit viel Glück unbeschadet überstand.

Die Geschichten zeigen, dass Beizen nicht einfach nur «Durchlaufstationen» für Bierkonsum sind. Die Bedürfnisse nach Kontakt und Ablenken vom Alleinsein bewegen Männer dazu, ihre Stammbeiz aufzusuchen.

7. Der Muttersohn

Die Studie ordnet ein breites Spektrum an Männern dem Archetyp Muttersohn zu. Sie haben eine ausgesprochen enge Bindung zu ihr. Viele der alleinlebenden älteren Männer haben über lange Zeit mit ihrer Mutter zusammen gewohnt, manche bis ins Alter. So wie Kaspar, der schon als kleiner Bub Mutters Liebling war. Wenn die Kinder stritten, ergriff sie Partei für ihn. Sie räumte ihm jeden Stein aus dem Weg, sodass er gar nicht selbstständig werden konnte. Die Mutter blieb auch im Erwachsenenalter Kaspars wichtigste Stütze. Er war ein aufbrausender Typ, sie besänftigte ihn mit ihrer mitfühlenden Art. Oft hatten sie die gleiche Meinung. Ob er je eine Beziehung hatte, weiss niemand. Er schwärmte von schönen Frauen, brauchte aber nie ein Mädchen nach Hause. Kaspar und die Mutter lebten zusammen in einem Häuschen, bis sie 80 war. Dann musste sie ins Altersheim. Kaspar war mit dieser Situation überfordert. Er hatte grosse Mühe damit, dass es der Mutter altersbedingt schlechter ging.

8. Der trauernde Witwer

Otmars Frau starb ganz unerwartet im Alter von 70 Jahren. Für beide war immer klar, dass er vor ihr sterben würde. Dass es die Frau war, die die Kontakte nach aussen pflegte und einfädelte, erschwert für ihn die jetzige Situation. Er empfindet den frühen Tod seiner Frau als Ungerechtigkeit und besucht sie oft auf dem Friedhof. Otmar musste lernen, eine Waschmaschine zu bedienen und zu kochen. «Die ersten Plätzli waren wie Leder», erzählt er.

Die meisten Wiwer aus der Studie mussten nach dem Tod ihrer Frau zuerst lernen, wie man einen Haushalt führt. Die Frau war auch für Kontakte ausserhalb der Familie zuständig. Mancher Witwer zieht zieht sich noch mehr zurück, was das Gefühl der Einsamkeit verstärkt. Es scheint einigen Männern zu helfen, wenn sie mit einer Vertrauensperson, zum Beispiel einer Pfarrperson, über ihre verstorbene Frau sprechen können.

9. Der verbitterte Unbeliebte

Todesfälle, Scheidungen, Kündigungen und langes Alleinsein können Spuren hinterlassen. Manche werden nicht damit fertig. Sie ziehen sich zurück, verbreiten schlechte Stimmung, machen andere für ihr Schicksal verantwortlich. Wie Christof, der in einer grossen Werkstatt arbeitete. Im Dorf fand er keine Freunde. Er hat auch keine Freizeitbeschäftigung, die ihm Freude macht. Jedoch hat er ein ausgeprägt schlechtes Weltbild, das er anderen näherzubringen versucht. Nach dem Tod seiner Frau jammert Otmar noch öfter. Seine Schwiegertochter hilft ihm im Haushalt. Statt sich zu bedanken, kritisiert er sie und lästert über sie im Dorf. Niemand kann es dem 78-Jährigen recht machen. Oft sagt er, dass er am liebsten schon tot wäre.

Verbitterte ältere Männer scheinen wie Gefangene im eigenen Gefängnis. Sie fühlen sich ungerecht behandelt, benachteiligt und allein gelassen. Sie nehmen jedoch keine Hilfe an, verzeihen weder anderen noch sich selbst. Ihr Denken kreist um negative Ereignisse, was ihre Verbitterung noch verstärkt.

Fazit der Studie

Die neun Typisierungen zeigen: Die meisten alleinlebenden älteren Männer scheinen bedauerlich. Mit Ausnahme des «Junggesellen» und des «Aktiven». Dieser Parade-Rentner ist beliebt. Er pflegt Kontakte, hält sich fit, singt im Chor, reist mit dem GA herum und hilft, wo er kann. «Das Aktivsein hat in unserer Gesellschaft einen unheimlich positiven, hohen Stellenwert», sagt Genderforscher Steve Stiehler. Er ergänzt:

«Anderen zu helfen, bringt soziale Anerkennung und damit verbunden einen hohen Selbstwert. Es kann jedoch übergriffig sein, wenn man ungefragt Ratschläge erteilt.»

Der «Aktive» hat allerdings auch Schattenseiten. «Ist der GA-Rentner so aktiv, weil er nicht mit sich selbst allein sein kann? Kompensiert er dies über einen hohen Aktivitätsdrang?», fragt sich Stiehler. Alleinsein will gelernt sein. «Es ist nicht einfach, mit sich allein und mit sich zufrieden zu sein.» Auch der aktive Mann muss, wenn er betagt wird, irgendwann seinen Radius einschränken. «Wird er dann plötzlich zum griesgrämigen Pflegefall?» Das Ideal der «Golden Ager» werte alle anderen ab, die nicht in dieses Bild passen – ältere Männer, die gebrechlich sind, wenig Geld haben, zurückgezogen leben. «Sie werden zu unrecht aus einer Defizitperspektive gesehen», sagt Stiehler. Ein alter Bauer, der allein auf seinem Hof lebt, kann durchaus zufrieden sein. Im Gegenzug kann sich ein Mann traurig und einsam fühlen, obwohl er seit Jahrzehnten verheiratet ist. «Alleinstehend bedeutet nicht zwingend einsam.»

Viele sehnen sich nach einer Frau

Ein typischer allein lebender alter Mann sei der Bauer. Keine andere Gruppe sei auf dem Partnermarkt schwerer vermittelbar – was Sendungen wie «Bauer, ledig, sucht...» zur Belustigung der Nation vor Augen führen. «Die unerfüllte Sehnsucht nach einer Frau zieht sich wie ein roter Faden durch unsere Studie», sagt Stiehler, der diese «heterosexuelle Fixierung» etwas bedauert. Weil viele sich einreden: «Hätte ich eine Partnerin gefunden, wäre ich glücklicher.» Das kann trügen. Das Alleinleben verändere die Menschen. «Diese Männer mussten lernen, mit sich allein zurecht zu kommen – das tun sie auf ihre ureigene Art. Einige ecken damit auch an. Wirken kauzig, schmutzig, verwahrlost», sagt Stiehler. Der Begriff des Dorforiginals beschreibe dies auf liebevolle Art.

Steve Stiehler ist Professor und Dozent für Soziale Arbeit an der Fachhochschule St.Gallen. (Bild: PD)

Steve Stiehler ist Professor und Dozent für Soziale Arbeit an der Fachhochschule St.Gallen.
(Bild: PD)

«Nicht nur schmutzige Küche kritisieren»

Manche alte Bauern versorgen sich mehr recht als schlecht. Wenn mal jemand die Männer besucht und sich ihre Ordnung anschaut, kann es zum Bruch kommen, zum Eingreifen einer Behörde. Die Gesellschaft habe klare Vorstellungen davon, wie «schönes Altern» auszusehen hat. Hier plädiert der Professor dafür, sich von Normierungen zu lösen. «Wenn ein Bauer zehn Jahre allein mit seinen Tieren auf einem Hof lebt, ohne grosse soziale Bezüge, ist das eine Leistung. Das sollte man anerkennen, statt nur zu kritisieren, dass Küche und Toilette schmutzig sind.»

Sie finden es unmännlich, Hilfe zu suchen

Die meisten alleinstehenden Männer seien sperren sich gegen Hilfsangebote. Sich Bedürftigkeit einzugestehen, finden sie «unmännlich.» Sie wollen alles unter Kontrolle haben. Wie also kommt man an diese Gruppe heran? «Ein Zugang wäre, an ihre Fähigkeiten anzuknüpfen», sagt Steve Stiehler, der dazu Konzepte erarbeitet. Etwa ein «Enkelkinder-Projekt»: Studentinnen und Studenten könnten in der Rolle als «Enkel» mit den älteren Männern in Kontakt treten. Denn viele Menschen freuen sich, wenn sie ihr Wissen an Jüngere weitergeben können. Auch bestehe die Idee, dass Personen der gleichen Generation die alleinlebenden Männer «erforschen».

Ein Teil der Männer – etwa der «verbitterte Unbeliebte» – hadern mit Verlusten und enden in einer Negativspirale. Das sei mehr aufsuchende Sozialarbeit gefragt, sagt Steve Stiehler; auch, um Depressionen, Suizid und damit verbundene Sozialkosten vorzubeugen.

Viele verlieren den Halt, wenn sie pensioniert werden. Arbeit sei ein wesentlicher Teil von männlicher Identität. Es brauche Projekte, um schon zwei, drei Jahre vor der Pensionierung herauszufinden: Was habe ich für Interessen, die ich noch ausbauen könnte? Wo gehöre ich hin? Was bringt mir Anerkennung? «Denn die braucht jeder», sagt Stiehler.

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