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Wie das Schreckgespenst HI-Virus gezähmt wurde

Die Heilung eines HIV-Patienten ändert für die meisten Infizierten nichts. Dank Medikamenten leben sie schon lange ein normales Leben – allerdings sind diese teuer und für Millionen von Betroffenen in armen Ländern unerschwinglich.
Niklaus Salzmann, Annika Bangerter und Christoph Bopp
Mit der «Stop Aids»-Kampagne schaffte es der Bund, die gesamte Bevölkerung auf die Infektionskrankheit zu sensibilisieren. Selbst 8-Jährige trällerten: «Im Minimum en ­Gummi drum». Nun der Wandel: Die Aids-Hilfe Schweiz macht bekannt, dass Infizierte mit den richtigen Medikamenten nicht mehr ansteckend sind (Plakat zuoberst). (Bild: PD)Mit der «Stop Aids»-Kampagne schaffte es der Bund, die gesamte Bevölkerung auf die Infektionskrankheit zu sensibilisieren. Selbst 8-Jährige trällerten: «Im Minimum en ­Gummi drum». Nun der Wandel: Die Aids-Hilfe Schweiz macht bekannt, dass Infizierte mit den richtigen Medikamenten nicht mehr ansteckend sind (Plakat zuoberst). (Bild: PD)
Mit der «Stop Aids»-Kampagne schaffte es der Bund, die gesamte Bevölkerung auf die Infektionskrankheit zu sensibilisieren. Selbst 8-Jährige trällerten: «Im Minimum en ­Gummi drum». Nun der Wandel: Die Aids-Hilfe Schweiz macht bekannt, dass Infizierte mit den richtigen Medikamenten nicht mehr ansteckend sind (Plakat zuoberst). (Bild: PD)Mit der «Stop Aids»-Kampagne schaffte es der Bund, die gesamte Bevölkerung auf die Infektionskrankheit zu sensibilisieren. Selbst 8-Jährige trällerten: «Im Minimum en ­Gummi drum». Nun der Wandel: Die Aids-Hilfe Schweiz macht bekannt, dass Infizierte mit den richtigen Medikamenten nicht mehr ansteckend sind (Plakat zuoberst). (Bild: PD)
Mit der «Stop Aids»-Kampagne schaffte es der Bund, die gesamte Bevölkerung auf die Infektionskrankheit zu sensibilisieren. Selbst 8-Jährige trällerten: «Im Minimum en ­Gummi drum». Nun der Wandel: Die Aids-Hilfe Schweiz macht bekannt, dass Infizierte mit den richtigen Medikamenten nicht mehr ansteckend sind (Plakat zuoberst). (Bild: PD)Mit der «Stop Aids»-Kampagne schaffte es der Bund, die gesamte Bevölkerung auf die Infektionskrankheit zu sensibilisieren. Selbst 8-Jährige trällerten: «Im Minimum en ­Gummi drum». Nun der Wandel: Die Aids-Hilfe Schweiz macht bekannt, dass Infizierte mit den richtigen Medikamenten nicht mehr ansteckend sind (Plakat zuoberst). (Bild: PD)
Mit der «Stop Aids»-Kampagne schaffte es der Bund, die gesamte Bevölkerung auf die Infektionskrankheit zu sensibilisieren. Selbst 8-Jährige trällerten: «Im Minimum en ­Gummi drum». Nun der Wandel: Die Aids-Hilfe Schweiz macht bekannt, dass Infizierte mit den richtigen Medikamenten nicht mehr ansteckend sind (Plakat zuoberst). (Bild: PD)Mit der «Stop Aids»-Kampagne schaffte es der Bund, die gesamte Bevölkerung auf die Infektionskrankheit zu sensibilisieren. Selbst 8-Jährige trällerten: «Im Minimum en ­Gummi drum». Nun der Wandel: Die Aids-Hilfe Schweiz macht bekannt, dass Infizierte mit den richtigen Medikamenten nicht mehr ansteckend sind (Plakat zuoberst). (Bild: PD)
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Wie das Schreckgespenst gezähmt wurde

Wenige Tage nachdem der Film über die Band «Queen» mit vier Oscars prämiert wurde, erfährt die Welt, dass vermutlich ein HIV-Patient geheilt wurde. Für «Queen»-Sänger Freddie Mercury kommt beides viel zu spät, er ist am 24. November 1991 an Aids gestorben. Der Tod des Superstars hatte der Gefahr ein Gesicht gegeben. Die ganze Welt wusste: Aids ist tödlich und nicht heilbar. Nicht einmal für einen Superstar, der sich die teuersten Therapien und Kliniken leisten konnte.

Zwar gab es damals bereits ein Medikament. Es musste exakt alle vier Stunden eingenommen werden – auch nachts – und führte zu Nebenwirkungen wie Erbrechen und Schüttelfrost. Und im besten Fall zu einer Lebensverlängerung um ein paar Monate. Es blieb dabei: Wer sich mit dem HI-Virus angesteckt hatte, war todgeweiht.

1981 waren die ersten Fälle bei homosexuellen Männern in Kalifornien entdeckt worden, zwei Jahre später wurde der HI-Virus als Verursacher identifiziert. Rasch wurde Aids zum globalen Schreckgespenst. Und dies zu Recht, längst war es auf allen Kontinenten verbreitet. Zwar glaubten anfangs noch viele, nur gewisse Kreise seien gefährdet – Drogensüchtige, Homosexuelle, Menschen mit häufig wechselnden Sexualpartnern. In den Augen vieler hing Aids mit Sünde zusammen und liess sich durch einen anständigen Lebenswandel vermeiden.

Ein Kondom im Fernsehen

Als sich der beliebte Fernsehmoderator Charles Clerc 1987 in der Tagesschau ein Kondom über den Mittelfinger stülpte, sahen viele Schweizerinnen und Schweizer zum ersten Mal so ein Ding. Es war der Start der Stop-Aids-Kampagne des Bundesamts für Gesundheit (BAG). Zwei Monate später liess sich Prinzessin Diana fotografieren, wie sie einem Aidskranken ohne Handschuhe die Hände schüttelte. Aus Mythen und Vorurteilen begannen sich Tatsachen abzuzeichnen: Aids-Kranke sind nicht gefährlich, Aids aber sehr – und der Schutz dagegen liegt in unseren Händen.

Bald wusste jedes Kind, was ein Pariser, ein Kondom, ein Präservativ ist, jenes rosa Ding, das im «Stop Aids»-Logo den Buchstaben O darstellte. Es wuchs eine Generation heran, die auf Vorsicht geprägt war, noch bevor sie sich ernsthaft für Sex zu interessieren begann. Und das zeigte Erfolg: Die Neuansteckungen in Nordamerika und Europa gingen massiv zurück, so auch in der Schweiz.

Seither überziehen BAG und Aids-Hilfe fast jedes Jahr das Land mit neuen fantasievollen Plakaten: «Ohne Dings kein Bums.» Ein Aubergine, die einem Penis ähnelt. Nackte Hockeyspieler mit dem Slogan: «Hier schützt man sich ja auch.» Die Botschaft hinter dem Humor in diesem ernsten Thema: Sex macht auch mit Kondom Spass.

Das rosa Kondom ist geblieben, aber etwas fehlt auf den neueren Plakaten: das Wort Aids. Mit den Fragen «Juckt’s?» und «Brennt’s?» zielte die Kampagne ab 2011 vielmehr auf andere sexuell übertragbare Krankheiten wie Syphilis (siehe Kasten unten) ab. Diese waren zum grösseren Problem geworden. HIV blieb zwar unheilbar, konnte aber inzwischen mit Medikamenten so stark unterdrückt werden, dass es nicht mehr ansteckend war: HIV-infizierte Personen können bei erfolgreicher Therapie ungeschützten Geschlechtsverkehr haben, ohne jemanden damit zu gefährden. Allerdings müssen sie die Medikamente ein Leben lang nehmen, denn diese zerstören das Virus nicht. Wird die Therapie abgesetzt, vermehrt es sich wieder ungebremst.

Deshalb bleibt das Geschäft mit den HIV-Therapien lukrativ, es geht um Milliarden. 1996 kam der Durchbruch in der Behandlung mit Medikamenten, die mehrere Wirkstoffe kombinierten. Bis heute entwickeln Pharmafirmen laufend neue Medikamente, die für den Körper noch besser verträglich sind als die bisherigen. Vieles sei jedoch schon erreicht, sagt Andreas Lehner, Geschäftsleiter der Aids-Hilfe Schweiz: «Mussten vor 30 Jahren täglich um die zwanzig Tabletten geschluckt werden, ist es heute nur noch eine.» Zudem müsse diese nicht mehr auf die Minute genau eingenommen werden.

Einige schlucken die Pille lieber am Morgen zum Frühstück, andere bevor sie ins Bett gehen. Treten Nebenwirkungen auf, reicht es oft, wenn die Ärztin oder der Arzt ein anderes HIV-Medikament verschreibt. «Heute beeinflussen die Nebenwirkungen den Alltag von HIV-Positiven nicht mehr», sagt Lehner. Auch die Lebenserwartung unterscheidet sich kaum mehr von jener der HIV-Negativen. In seltenen Fällen gibt es Langzeitfolgen wie Osteoporose oder Probleme mit der Niere.

Diskriminierungen halten an

Die Therapie hat allerdings ihren Preis: Die gängigen Medikamente kosten etwa 1000 Franken pro Monat. Das ist einer der Gründe, weshalb in ärmeren Ländern viele Infizierte keinen Zugang dazu haben. Rund 37 Millionen leben laut UNO Aids mit dem Virus, davon 15 Millionen ohne eine Therapie. Entsprechend breitet sich die Krankheit weiter aus, im Jahr 2017 gab es 1,8 Millionen Neuansteckungen.

In der Schweiz wurden im selben Jahr 445 neue Fälle gemeldet, eine deutliche Abnahme gegenüber dem Vorjahr. Doch in den Köpfen hält sich nicht nur die Angst vor der Infektion, sondern auch vor den Infizierten: Im vergangenen Jahr hat die Aids-Hilfe Schweiz insgesamt 122 Fälle von Diskriminierung gezählt. So viele wie noch nie, seit sie 2006 erhoben werden. Dar­unter waren Menschen, denen die Aufnahme in Alters- und Pflegeheime verweigert wurde. «Das Unwissen über die Krankheit ist immer noch gross», sagt Lehner. Das zeige sich auch bei Versicherungen. «Wer sich selbstständig machen will und HIV-positiv ist, kann bei den meisten Anbietern keine Taggeldversicherung abschliessen.» Deshalb gibt es auch im Jahr 2019, in dem der Film über Freddie Mercury Oscars abstaubt, noch einiges zu tun.


Geschlechtskrankheiten breiten sich rasant aus

HIV hat seinen Schrecken verloren. Die Neuansteckungen gehen zurück. Das gilt aber nicht für andere Geschlechtskrankheiten: Jahr für Jahr steigt die Zahl der Menschen, die sich in der Schweiz mit sexuell übertragbaren Krankheiten anstecken. Egal, ob Gonorrhoe, Syphilis oder Chlamydien: Die Krankheiten breiteten sich rasant aus. Allein in den vergangenen zwölf Monaten steckten sich 3065 Schweizerinnen und Schweizer mit Gonorrhoe an, wie Zahlen des Bundesamts für Gesundheit zeigen. Damit haben sich die Fälle der als Tripper bekannten Krankheit in nur fünf Jahren verdoppelt. Chlamydien befinden sich ebenfalls auf Rekordniveau (über 11 400 Neuansteckungen). Das Problem: Betroffene merken oft nicht, dass sie sich angesteckt haben. Der Erreger kann bei Frauen wie Männern allerdings zu Unfruchtbarkeit führen.

Kondome bieten keinen hundertprozentigen Schutz

Neben Datingapps wie Tinder, die es leichter und effizienter machen, neue Bekanntschaften zu schliessen, dürfte auch die geringere Furcht vor Aids eine Rolle in dieser Entwicklung spielen. Am stärksten sind 20- bis 34-Jährige betroffen, die in der Stadt leben. Zwar werden Kondome in dieser Altersgruppe noch immer gut genutzt, wie die Organisation «Sexuelle Gesundheit Schweiz» schreibt, nur bieten sie gegen Chlamydien, Tripper oder Syphilis keinen hundertprozentigen Schutz, da die Erreger auch durch Oralverkehr übertragen werden können. Zumindest scheint sich die junge Generation der Entwicklung bewusst zu sein. Sie lässt sich heute öfter kontrollieren: Zentren, die Tests auf Geschlechtskrankheiten anbieten, verzeichneten zuletzt so viele Anfragen wie nie. (yno)

Die neue Therapie ist keine HIV-Therapie

Geheilt von HIV. Das gibt es bis jetzt weltweit nur zweimal. So positiv die gestrige Meldung tönte: Für HIV-Infizierte ist sie es nicht. Denn die Stammzellentransplantation ist nicht primär eine HIV-Therapie. Sie ist eher eine Chance auf Heilung bei Krebspatienten, und funktioniert manchmal auch bei anderen Krankheiten, bei welchen das Problem im Immunsystem liegt. Doch die Stammzellentransplantation ist auch dann selten die erste Therapiewahl. Zu hoch sind die Risiken für den Patienten: Seine eigenen Stammzellen im Knochenmark werden mit einer hoch dosierten Chemotherapie vollständig zerstört. Dann erhält er neue Stammzellen – oft von einem geeigneten Spender oder solche, die ihm zuvor entnommen worden sind. Erst nach vier Wochen kann der Körper mit diesen wieder genügend Abwehrzellen produzieren. Während dieser Zeit ist er hoch anfällig für Bakterien, Viren und Pilze. Manche Nebenwirkungen der Behandlung verschwinden wieder, andere können zum Tod führen, zum Beispiel wenn der Körper versucht, die fremden Stammzellen abzustossen. Beim britischen HIV-Patienten wurde die Therapie nur gemacht, weil er Lymphdrüsenkrebs hatte. Da man sich also sowieso zu diesem Eingriff entschloss, suchten die Ärzte einen der seltenen Spender, der zusätzlich gegen HIV immun ist, weil ein bestimmtes Protein in seinen Zellen funktionsuntüchtig ist, das CCR5. Dieses Protein wurde kürzlich bekannt, da es bei den Designer-Zwillingen in China eliminiert worden ist. HI-Viren nutzen das CCR5-Protein als Eingang zu den Zellen des Immunsystems. Jeder hundertste Mensch hat aber eine mutierte Form des CCR5, die funktionsunfähig ist. Somit können die HI-Viren nicht mehr in die Zellen eindringen. Diese Mutation ist in der Menschheitsgeschichte noch jung: Sie tauchte erst vor 700 bis 2000 Jahren auf.

Folgen noch nicht bis ins Detail erforscht

Neuere Ansätze zur Heilung von Aids versuchen darum, das Protein in den Zellen von Patienten zu eliminieren. Die Folgen sind noch nicht bis ins Detail erforscht. Man weiss allerdings, dass Menschen mit der natürlichen Mutation anfälliger auf Grippe sind. Neuere Untersuchungen an Mäusen lassen aber auch positive Auswirkungen vermuten: CCR5-lose Mäuse erholen sich zum Beispiel schneller von Schlaganfällen als normale. Die Stammzellentransplantation, welche beim britischen Patienten und vor zehn Jahren auch beim «Berlin-Patient» Timothy Ray Brown erfolgreich war, kommt weiterhin nur für wenige HIV-Infizierte in Frage, die zusätzlich krebskrank sind. Aber das Zeitalter der Gentherapien ist angebrochen, und diese Forschung findet vielleicht einen schonenderen Weg, das CCR5-Protein bei HIV-Patienten wirkungslos zu machen. (kus/sgm)

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