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Wie Butter zum Schimpfwort wurde - Erfahrungen aus einer zweisprachigen Familie

Die Kinder unserer Autorin wachsen in Portugal auf. Kein Problem, dachte diese, als sie mit ihrer Familie vor fünf Jahren die Schweiz verliess: Einfach Deutsch reden mit den Kleinen, dann klappt’s auch mit der Zweisprachigkeit. Eine Bilanz.
Ümit Yoker
Vatersprache Portugiesisch – Muttersprache Deutsch: Das Vokabular zweisprachiger Kinder ist laut Studien nicht kleiner, es verteilt sich einfach länger auf beide Sprachen. (Illustration: Patric Sandri)

Vatersprache Portugiesisch – Muttersprache Deutsch: Das Vokabular zweisprachiger Kinder ist laut Studien nicht kleiner, es verteilt sich einfach länger auf beide Sprachen. (Illustration: Patric Sandri)

In den letzten fünf Jahren habe ich jede Frage meiner Kinder auf Deutsch beantwortet, jede Geschichte auf Deutsch erzählt, jedes Buch auf Deutsch vorgelesen, auf Deutsch liebkost, auf Deutsch geschimpft. Trotzdem antworten mir meine Söhne heute fast ausnahmslos auf Portugiesisch. So hatte ich mir das nicht vorgestellt.

«Não quero ir já Tisch decke»

Als wir 2014 von Zürich nach Lissabon zogen, war mein jüngerer Sohn ­gerade einmal zwei Wochen, der ältere nicht ganz zwei Jahre alt. Meinen Kindern würde das Schweizerdeutsche ihrer Mutter so vertraut sein wie das Portugiesische ihres Vaters, egal, wo unser Zuhause wäre – davon war ich überzeugt. Doch heute hängen ebendiese Kinder höchstens mal ein schweizerdeutsches «Usnahmswiis, Mami?» an die portugiesisch gestellte Frage, ob sie nicht doch noch Gummizeugs dürfen, obwohl sie grad ein Calippo hatten.

Oder sie mischen die Sprachen zu einem «Não quero ir já Tisch decke». Genau solche Sätze deutete man lange als Zeichen, dass ein doppelter Erstspracherwerb die meisten Kinder überfordert. Noch in den Siebzigerjahren besagte die sogenannte Schwellenhypothese, dass man zuerst eine Sprache bis zu einem gewissen Grad beherrschen müsse, bevor man sich mit Erfolg eine zweite aneignen könne.

Mehrsprachigkeit ist allgegenwärtig

Heute ist man sich in der Forschung weitgehend einig, dass Kinder problemlos mehrere Sprachen gleichzeitig lernen können. Dafür spricht laut der Sprachwissenschaftlerin Rosemarie Tracy nicht zuletzt, dass

«Mehrsprachigkeit die Regel ist und nicht etwa eine Ausnahme, wenn man die Welt insgesamt in den Blick nimmt».

Mittlerweile ist auch bekannt, dass das Vokabular mehrsprachiger Kinder nicht kleiner ist als das von monolingualen Kindern, sondern sich länger auf mehrere Sprachen verteilt. Zudem wissen Kinder früh, wer in ihrem Umfeld welche Sprache spricht: Zum Sprach­gemisch im obigen Beispiel kommt es in der Regel nur, wenn auch das Gegenüber beide Sprachen kennt.

Es zeugt nicht von Verwirrung, sondern hat System.

Das heisst aber nicht, dass sich alle Sprachen bei einem Kind auch gleich schnell entwickeln. Asymmetrie ist normal, schliesslich sind die Lernbedingungen nie deckungsgleich: Spricht man Französisch hauptsächlich zu Hause oder vorwiegend in der Schule? Wie wichtig ist Kroatisch im Alltag? Hinzu kommen Eigenheiten der Sprachen, wie komplex diese sind, wie sehr sie sich ähneln, aber auch schlicht die Tatsache, dass Kinder unterschiedlich sprachbegabt sind.

Sprache ist kein Erbstück

Tracy hält die Idee, dass Sprachen etwas sind, was man sich perfekt aneignen kann, sowieso für falsch. Es sei eine Illusion, schreibt die Linguistin in einem Beitrag zum Thema, «dass man Sprache wie ein Objekt erwerben und irgendwann wie ein Erbstück an die eigenen Kinder weitergeben kann». Auch unter Muttersprachlern bestünden beträchtliche Unterschiede, vor allem was Wortschatz, Grammatikkenntnisse und Stilrepertoire betrifft. Sprache verändere sich ausserdem beständig, insbesondere von einer Generation zur nächsten.

So viel ich mit meinen Söhnen rede, es bleibt die Sprache eines Menschen, dessen eigene Kindheit in den Achtzigern stattfand, sprich:

Ich habe keine Ahnung, ob Sechsjährige heute immer noch «chrömle» sagen, wenn sie Süssigkeiten kaufen gehen.

Wie Gleichaltrige reden, erleben meine Kinder nur in ihren Schweizferien; das machen auch «Zambo» und «Die Sendung mit der Maus» nicht wett. Gleichzeitig hören sie selten Wendungen, die nicht ihrem Alter und Alltag entsprechen – Ausdrücke aus Erwachsenengesprächen also, von denen sie in der Schweiz ständig umgeben ­wären, zu Hause, im Tram. Trotzdem haben beide vor zwei Jahren auf einmal aufgehört, ihr Umfeld in der Schweiz auf Portugiesisch anzusprechen und schlagen sich seither auf Deutsch durch, wenn wir dort sind. Wo ihr Wortschatz nicht ausreicht, bitten sie mich um die richtige Formulierung und tragen den übersetzten Satz zurück ins Gespräch.

«Kinder sollen mit Sprache die Welt erkunden und mit ihr spielen können», sagt Tracy, die Professorin für Anglistik an der Universität Mannheim ist. Mag ein Kind eine bestimmte Sprache mal weniger, sollten sich Eltern das nicht zu sehr zu Herzen nehmen. Es reiche, einfach weiter in der eigenen Sprache zu reden und Kindern möglichst viele Gelegenheiten zu bieten, mit der Sprache in Berührung zu kommen: in Geschichten oder Hörspielen, auf Reisen, und idealerweise mit anderen Kindern.

Früh, früher, Frühchinesisch

Wenn es um frühe Mehrsprachigkeit geht, ist die Skepsis von einst vielerorts dem Enthusiasmus gewichen. Frühenglisch, Frühchinesisch, Frührussisch: Beträchtliche Hoffnungen scheinen mit der Aussicht verknüpft, dass die dreijährige Tochter in diversen Sprachen die Wochentage benennen kann. Dass man sich von solchen Kursangeboten nicht zu viel erwarten sollte, zeigt das Klagelied von Müttern wie mir, die sich täglich mit ihren Kindern in einer Sprache unterhalten, die mit einer anderen konkurriert. Eine Fremdsprache, die ein Kind lediglich einmal pro Woche hört und die nichts mit seinem Leben zu tun hat? Tracy empfiehlt:

«Sparen Sie sich den Kurs und lesen Sie ihrem Sohn besser eine Geschichte in Ihrer eigenen Sprache vor»

Echte Mehrsprachigkeit – die Fähigkeit also, in mehr als einer Sprache Alltagsunterhaltungen zu führen – bringt aber durchaus Vorteile. Nicht nur fällt es bilingualen Menschen oft leichter, eine weitere Sprache zu lernen. Die Tatsache, dass mehrsprachige Menschen im Gespräch ständig eine oder mehrere Sprachen unterdrücken müssen, hält das Gehirn bis ins Alter auf Trab. So wie andere komplexe Aufgaben, etwa das Spielen eines Instrumentes, kann Mehrsprachigkeit kognitive Einbussen im hohen Alter und allenfalls das Einsetzen von Demenz um mehrere Jahre hinauszögern.

Die neue Begeisterung der Gesellschaft reicht notabene nicht bis in alle Sprachen hinein: Wünscht sich manch Vater heimlich, der eigene Nachwuchs spräche so astreines Oxfordenglisch wie es der kleine Brian von nebenan tut, und überschlägt sich die Müttergruppe in der Kita fast vor Begeisterung, dass Ayumi so mühelos zwischen Schweizerdeutsch und Japanisch wechselt.

Admir dürfte lange darauf warten, dass etwas Glanz dafür auf ihn herabfällt, dass er zu Hause Albanisch redet.

«Eine gehörige Doppelmoral»

«Unsere Einstellung zur Mehrsprachigkeit zeichnet sich durch eine gehörige Portion Doppelmoral aus», kritisiert Tracy. Ob wir sie für sinnvoll halten, hängst stark vom Prestige ab, das eine Sprache mit sich bringt – beziehungsweise vom Bild, das wir von den Menschen haben, die sie sprechen. Als mein Vater vor über 40 Jahren in die Schweiz zog, befand er sich in einer ähnlichen Situation wie ich heute: Er gründete eine Familie mit jemandem, der aus dem Land kam, in dem er nun lebte. Sollte seiner Tochter nicht nur das Schweizerdeutsche ihrer Mutter, sondern auch das Türkische ihres Vaters vertraut sein, würde er dies in die Wege leiten müssen. Mein Vater hat das Vorhaben nie so konsequent verfolgt, wie ich das heute tue. Er habe sich gesorgt, dass es zu anstrengend für mich wäre, hat er mir einmal ­gesagt. Vielleicht nahm er aber auch an, dass mir daraus eher gesellschaftliche Nachteile als Vorteile erwüchsen.

Was in unseren Vater-Tochter-Gesprächen aber immer schon und ausnahmslos Türkisch war: Koseworte. Überhaupt alles, was mit Liebe und Zuneigung zu tun hat. Es wäre ein hoffnungsloses Unterfangen gewesen, nach deutschen Entsprechungen zu suchen. Das, was über Worte hinausgeht, lässt sich schwerlich in einer anderen Sprache vermitteln als der eigenen.

Worte aus dem Bauch

Experten raten Eltern längst davon ab, mit Kindern regelmässig in einer Sprache zu kommunizieren, die sie nicht ­beherrschen. Trotzdem kommt es noch häufig vor, dass Lehrer oder Kinderärztinnen auch unter solchen Bedingungen nahelegen, doch mit dem Kind zu Hause Deutsch zu reden, wie Tracy weiss. Dabei reichen die Kenntnisse dieser Mütter und Väter nicht nur oftmals nicht aus, um sprachliche Strukturen korrekt zu vermitteln – es geht auch Gefühl und Authentizität verloren; die Art, wie wir Zuneigung zeigen oder Wut ausdrücken.

Vor nicht allzu langer Zeit kam mir zum ersten Mal «Puta» aus dem Mund meiner Söhne zu Ohren. Puta, die Hure, landete umgehend auf dem Index und übt seither eine ungemeine Faszination aus: Regelmässig geht es in ihren Unterhaltungen nun darum, welches Gspänli das Wort wieder benutzt habe. Die heimische Zensur umgehen meine Söhne, indem sie den Begriff entweder buchstabieren oder einander zuraunen, besagtes Wort beginne mit «P» und ende mit «A». Besonderes Vergnügen bereitet aber meine Frage:

«Möchted er s’Brötli mit Butter?»

«Butta?», antwortet der Fünfjährige dann und in seinen Augen glänzt der Triumph, obwohl er genau weiss, dass es hier um Brotaufstrich geht. «Ich dachte, so reden wir nicht zu Hause?»

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