Umweltproblem
Alter Plastik wird ein Business – und zwar dort, wo er am meisten stört

Ein Kanadier hatte eine brilliante Idee: Nicht nur werden damit Tonnen von Plastik recycelt – sein Geschäftsmodell nützt auch den lokalen Bevölkerungen.

Niklaus Salzmann
Merken
Drucken
Teilen
In Ländern wie den Philippinen kann die lokale Bevölkerung mit dem Sammeln von Plastik ein zusätzliches Einkommen erzielen.

In Ländern wie den Philippinen kann die lokale Bevölkerung mit dem Sammeln von Plastik ein zusätzliches Einkommen erzielen.

Bild: The Plastic Bank

Meist wird gebrauchter Plastik als Müll betrachtet. Wertlos. Und entsprechend achtlos wird er entsorgt. In der Schweiz, wo in jedem Supermarkt, auf jedem Bahnsteig ein Sammelcontainer bereit steht, landet die leere Flasche meist in einem solchen. In Ländern ohne derartige Infrastruktur hingegen oft in der Umwelt, im Bach, im Fluss und letztlich im Meer.

In den vergangenen Jahren sind zahlreiche Projekte lanciert worden, um den Plastik wieder herauszufischen. Ein technisch und finanziell aufwendiges Unterfangen. David Katz, ein Unternehmer aus Kanada, verfolgt einen anderen Ansatz: Damit der Kunststoff nicht im Meer landet, gibt er ihm einen Wert.

Vor acht Jahren begann er mit seinem Unternehmen «The Plastic Bank», der Bevölkerung in Haiti Plastik abzukaufen. Inzwischen hat er rund 25'000 Tonnen in fünf Ländern einer weiteren Verwertung zugeführt. Gesammelt wurde diese Menge von Zehntausenden Menschen in diesen Ländern, die sich damit ihr Einkommen aufbessern. «Im Durchschnitt nimmt ihr Einkommen um mehr als vierzig Prozent zu», sagt David Katz.

David Katz, Gründer von «The Plastic Bank», verleiht Altplastik einen Wert.

David Katz, Gründer von «The Plastic Bank», verleiht Altplastik einen Wert.

Bild: The Plastic Bank

Dieser Einbezug der lokalen Bevölkerung ist ein wesentlicher Unterschied zu anderen Plastiksammelaktionen. Katz vermarktet den gesammelten Rohstoff denn auch als «social plastic», als sozialen Plastik. Das zahlt sich aus – die Verkäufe des Rohstoffs decken einen Grossteil der Auslagen, Spenden sind nebensächlich.

Das Geschäftsmodell ist gut durchdacht

Überhaupt denkt der Kanadier konsequent marktorientiert. Er lässt denjenigen Kunststoff sammeln, für den er einen Absatzmarkt findet. Der Erfolg gibt ihm Recht: Im vergangenen Jahr konnte er doppelt so viel Material verwerten wie in den sieben Jahren zuvor zusammengenommen. Doch auch das ist nur ein Tropfen auf den heissen Stein – laut WWF gelangt jedes Jahr schätzungsweise 300- bis 700-mal diese Menge Plastikmüll ins Meer.

Als Problem sieht der WWF einerseits die fehlenden Strukturen zum Sammeln und zur weiteren Verarbeitung von Abfällen – also genau das, was David Katz anpackt. Andererseits prangert die Umweltorganisation die «massenhafte Verbreitung von Einwegplastik» an. Diese Dimension ist derzeit in der EU ein grosses Thema: Ab dem 3. Juli sind viele Einwegplastikprodukte verboten, darunter Trinkhalme, Einweggeschirr und Fast-Food-Verpackungen. Hinzu kommen Zielvorgaben beim Kunststoffrecycling, welche die Unternehmen unter Druck setzen, ihre Verpackung so umzugestalten, dass sie einfacher recycelbar sind.

Die Etikette stört beim Recycling

Schwierigkeiten bei der stofflichen Wiederverwertung sind Verbundmaterialen aus mehreren Kunststoffen, wie sie oft bei verderblichen Waren wie Fleisch verwendet werden. Das Gegenbeispiel sind die Joghurtbecher, bei denen eine äussere Kartonhülle abgelöst und separat zum inneren Plastikbecher dem Recycling zu geführt werden kann.

Noch einen Schritt weiter geht der französische Grosskonzern Danone mit einer neuen Verpackung für Wasser, welche diese Woche in der Schweiz lanciert wurde: Unter dem sexy Namen «Evian nude» gibt es vorübergehend eine Flasche Wasser ohne Etikette zu kaufen. Die dadurch eingesparte Menge Kunststoff ist minim, doch darum geht es nicht: Etiketten bestehen aus einem anderen Material als PET; wenn sie wegfallen, wird das Recycling effizienter.

Ohne Etiketten könnten PET-Flaschen effizienter rezykliert werden.

Ohne Etiketten könnten PET-Flaschen effizienter rezykliert werden.

Keystone

Bereits seit September bestehen zudem sämtliche in der Schweiz verkauften Evian-Flaschen aus Recycling-PET. Dieses ist strengen Hygienevorschriften unterworfen, das Material von der «Plastic Bank» kommt hierfür nicht in Frage. Jedoch verspricht der Konzern, für jede verkaufte Flasche «Evian nude» via «Plastic Bank» zwei Flaschen einsammeln zu lassen, insgesamt rund 50 Tonnen.

Somit wird also mit dem Namen «Plastic Bank» Werbung gemacht für den Verkauf von Plastikflaschen. Ist das wirklich im Sinn des Gründers? Gegenüber dieser Zeitung sagt er:

«Ich glaube derzeit nicht daran, dass wir eine Welt ohne Plastik erschaffen können. Ich bin dafür, das Material zu verwenden, das bereits da ist.»

Selber habe er aber seit Jahren keine Wasserflasche mehr gekauft, er nehme immer seine eigene Flasche mit.

Noch dieses Jahr kommen zwei Länder dazu

Mit «Plastic Bank» will David Katz noch dieses Jahr expandieren: Zu Haiti, Ägypten, den Philippinen, Indonesien, und Brasilien sollen Thailand und Kamerun dazukommen.

In Ländern wie Haiti kann die lokale Bevölkerung mit dem Sammeln von Plastik ein zusätzliches Einkommen erzielen.

In Ländern wie Haiti kann die lokale Bevölkerung mit dem Sammeln von Plastik ein zusätzliches Einkommen erzielen.

Bilder: Plastic Bank

Das rasche Skalieren erfolgreicher Ansätze ist laut Isabel Günther, Professorin für Entwicklungsökonomie an der ETH Zürich, eine Stärke des Privatsektors gegenüber der Entwicklungszusammenarbeit. Sie sagt: «Wenn ein Unternehmen aus Eigenverantwortung zu globalen Entwicklungsproblemen beiträgt, ist das nur zu begrüssen.» Meistens werde dabei aber nur eine Dimension gelöst. Das Gesamtproblem des zunehmenden Plastikmülls benötige weitere staatliche Regulierungen.

David Katz trägt als Unternehmer auch dazu bei, zusätzliche finanzielle Mittel zur Linderung der Müllproblematik zu beschaffen. Die Zeit dazu ist reif, wie er sagt: «Unternehmen wie Danone erkennen jetzt, dass Gutes tun in der Welt sehr einträglich ist.»