Paarkonflikt

Weshalb Männer nicht gerne aufräumen – und Frauen sich darüber ärgern

Das grösste Konfliktpotenzial für Paare mit Kindern liegt nicht in Erziehungsfragen, sondern in unterschiedlichen Vorstellungen von Haushaltsarbeit.

Niklaus Salzmann
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Voll gelebte Papi-Zeit. Gehört die Hausarbeit auch zum perfekten Vatersein?

Voll gelebte Papi-Zeit. Gehört die Hausarbeit auch zum perfekten Vatersein?

Getty Images

Die Anforderungen an Väter steigen: Sie sollen Teilzeit arbeiten und zu Hause noch präsenter sein. Erziehungswissenschafterin Margrit Stamm findet in ihrem neuen Buch hingegen, Mütter müssen loslassen können, damit Väter ihre Verantwortung übernehmen können. Wir finden: Das tun die Väter doch bereits. Sie machen es gut – in der Schwangerschaftsvorbereitung, im Gebärsaal, bei der Kita-Eingewöhnung, beim Ins-Bett-Bringen, am Elternabend. Bloss in einer Ecke nicht: Dort, wo sich die Unordnung ausbreitet. Streit gibt es immer noch wegen der Haushaltsarbeit. Die bleibt immer noch an uns hängen, sagen die Mütter oft. Auch jene auf unserer Redaktion. Sie haben Antworten von den Vätern eingefordert.

Die schnelle Aufräumerin

Die Frage kommt meist am Abend, und ich kenne sie gut. «Weisst du wo?» Ja, weiss ich. Meistens unter dem Sofa. Egal was. Wahlweise auch mal in der Badewanne oder im Windeleimer. Das Spielzeug meines Sohnes verteilt sich während meiner Papi-Zeit gerne und oft in der Wohnung. Das Problem ist weniger, dass ich es nicht einsammeln würde. Vielmehr ist meine Partnerin einfach die schnellere Aufräumerin. Womit sie nach Naturkatstrophen eigentlich die bessere Zivilschützerin wäre als ich, der ausrücken muss, wenn Hochwasser zu viel Schlamm hinterlässt. Wasserschäden hingegen konnten mein Sohn und ich bisher verhindern, Chaos hinterlassen wir trotzdem. Und wir verlieren Dinge, oder besser gesagt: Wir finden einen neuen Platz für sie, quasi ein neues Zuhause. Denn wer sagt, dass sich farbige Holzkugeln nur in der «Chugelibahn» wohlfühlen.

Martin Probst.

Martin Probst.

AZ

Dass das Chaos überhaupt programmiert ist, hat einen einfachen Grund: Während meine Freundin immer mal wieder eine Art Timeout nimmt, um die Spielfläche zu reinigen, ähnlich wie im Eishockey, wenn in der Pause das Eis neu präpariert wird, bin ich eher der Typ Tennisspieler in Wimbledon, wo der Rasen am Ende braun ist. Immerhin: Roger Federer gilt trotzdem als Vorzeigepapi. Da habe ich ja nochmals Glück gehabt.

Martin Probst ist Sportredaktor und Vater eines bald einjährigen Sohns. Jeweils am Dienstag und Mittwoch hat er Papi-Tag. Er lebt mit seiner Freundin in einer Mietwohnung.

Der Kommentar zum Thema

Krach gibts nur mit Kindern

Bei uns zu Hause sieht es bestimmt nicht wie geschleckt aus und ich möchte auch nicht vom Boden essen müssen. Doch meine Frau und ich schaffen es, dass es wenigstens aussieht wie bei zivilisierten Menschen. Allerdings gilt das nicht fürs ganze Haus. Über zwei der drei Zimmer unserer drei Buben decke ich lieber den Mantel des Schweigens, und auch ins Bad der drei lassen wir ohne vorherige Inspektion, der sicher ein Befehl zum Putzen und Aufräumen folgt, keine Gäste. Was das Aufräumen betrifft, bin ich mit meiner Frau so gut wie immer einig. Und einer aus dem Nachwuchs kommt unseren Vorstellungen auch Schritt für Schritt näher.

Michael Wehrle.

Michael Wehrle.

AZ

Michael Wehrle wohnt mit Frau und drei Buben im Alter zwischen 20 und 15 Jahren im eigenen Haus in Baden und ist ausser dem mangelnden Ordnungssinn mit seinem Nachwuchs zufrieden.

Keine Kinder ohne Chaos

Ich liebe Kinder. Als unser erstes zur Welt kam, reduzierte ich auf ein tieferes Arbeitspensum als meine Lebenspartnerin und sorgte einen Tag mehr pro Woche für unser Baby. Beim zweiten war ich gar hauptsächlich Hausmann, während sie einem Vollzeitjob nachging. Brei kochen, Windeln wechseln, Kinderwagen schieben: gerne. Ich liebe Kinder. Und zu Kindern gehört Chaos. Mit eins räumen sie Schubladen aus. Mit zwei verteilen sie Gartengeräte ums Haus. Mit drei blockieren ihre liegen gebliebenen Fahrzeuge die Strasse. Mit vier ziehen sie sich abends selber aus und verstreuen die Kleider über sämtliche Zimmer.

Und so wird es bleiben, bis sie von zu Hause ausziehen, sagen mir erfahrene Eltern. Wer Kinder hat, muss dies akzeptieren. Denn wenn die Mutter beim Nachhausekommen als Erstes den Legopark wegräumt, den die Kinder in stundenlanger Arbeit mitten im Gang aufgebaut haben, führt dies zu Unmut. Ein bisschen mehr Chaostoleranz wäre entspannend für alle.

Obwohl, ein bisschen mehr Ordnung wäre manchmal auch nicht schlecht. Und dazu trägt meine Partnerin mehr bei als ich. Gleiche Rechte und Pflichten sind für mich im Prinzip selbstverständlich. Doch punkto Aufräumen gelingt es mir nicht, zu gleichen Teilen beizusteuern. Ich leg wohl nicht genug Wert darauf.

Wissenschaftsredaktor Niklaus Salzmann lebt mit seiner Partnerin und den beiden Söhnen (8 und 6 Jahre alt) in einer kleinen Genossenschaftswohnung am Stadtrand von Biel.

Niklaus Salzmann.

Niklaus Salzmann.

AZ

Keine Frage des Geschlechts

Meine Mutter hat mir beigebracht, wie man(n) aufräumt. Logisch hat sie mich dann und wann mahnen müssen. Aber ich habs gelernt und später auch angewendet. Und ich wende es heute noch an. Für mich ist es selbstverständlich, dass die Küche aufgeräumt ist, wenn ich für Gäste gekocht habe. Klar ist auch, dass ich meine dreckige Wäsche selber in den dafür bestimmten Korb lege, mein Bier- oder Weinglas aus dem Wohnzimmer in die Küche trage und in den Geschirrspüler stelle und weiteres mehr. Bin ich ein spezieller Mann? Nein, keineswegs. Weil ich keineswegs immer ordentlich bin. Manchmal gurkts mich einfach an und ich lass da und dort und noch an einem anderen Ort etwas liegen. Aber grundsätzlich finde ich, dass Aufräumen und Ordnunghalten keineswegs eine reine Frauensache ist. Und übrigens: Ich kenne mindestens so viele Frauen wie Männer, die dort, wo sie sich gerade bewegen, eine Unordnung hinterlassen. Ich bin überzeugt: Unordnung und «nicht Aufräumen» ist nicht eine Frage des Geschlechts, sondern der Erziehung.

Toni Widmer.

Toni Widmer.

AZ

Toni Widmer ist seit 38 Jahren verheiratet und hat übers Aufräumen noch selten gestritten.

Auch die Natur tendiert dazu

Garantien, schnell abgegeben, erweisen sich ebenso schnell als leer, obwohl durchaus ernst gemeint. Kann doch kein Problem sein, die Bude ein bisschen proper zu halten, sagt der Mann. Schliesslich habe er eine längere Junggesellenphase auch einigermassen schadlos überstanden.

Stimmt. Nur ist der Single-Haushalt völlig anders. Morgens früh aus der Bude und erst nach Sonnenuntergang zwecks Passiverholung wieder zurück, da reichen Staubsauger und Putzschwamm am Samstagmorgen. Wenn aber die heimische Höhle permanent bewohnt und belebt wird, müssen die Interventions-Intervalle schrumpfen. Zwingend. Weniger zwingend: Der Single-Hausmann kennt sein Problem und deponiert den Inhalt seiner Taschen immer am gleichen Ort. Nur liegen im Familienhaushalt Schlüssel, Portemonnaie und der Rest zwar immer am gleichen Ort, aber sicher im Weg.

Schliesslich ist der Mann duldsamer gegenüber der Natur. Diese tendiert eindeutig zur Entropie (Physiklehrer wollen allerdings durchaus nicht, dass man dem «Unordnung» sagt). Gegen die Thermodynamik kommen wir trotzdem nicht an.

Christoph Bopp.

Christoph Bopp.

AZ

Christoph Bopp möchte ordnungsmässig lieber nicht Vorbild sein. Wird aber von der Tochter gegenüber der Mutter doch immer wieder so hingestellt. Die andere Tochter und die Mutter haben aber recht. Immer.

Elternratgeber: Neue Herausforderungen für Väter und Mütter

Dass Männer andere Ansichten über die Haushaltsarbeit haben als Frauen, diesem Fakt widmet sich auch die Erziehungswissenschafterin Margrit Stamm in ihrem neuen Buch. Befragte Männer nannten dies am häufigsten als Grund für Spannungen in der Partnerschaft, erst danach folgten: «Sie hat andere Vorstellungen über die Kindererziehung», «Sie hat zu hohe Erwartungen an mich» und «Sie sieht zu wenig, was ich alles in der Familie leiste». Und Stamm stellt fest: Frauen leisten mehr Haushaltsarbeit nicht nur, wenn sie mehr zu Hause sind als der Mann, sondern unabhängig von Arbeitspensum und beruflicher Position. Selbst wenn sich der Mann recht stark engagiert: Die Wäsche macht immer noch meist die Frau. «Damit wird die anhaltende Traditionalisierung der Geschlechterrollen gerade in diesem klassischen Bereich überdeutlich», schreibt sie. Doch warum ist es so? Sind die Männer schlicht zu faul? Stamm schreibt nichts davon, sondern sagt: «Möglicherweise hat es mit dem Gatekeeping-Verhalten von Frauen zu tun und der erlernten Hilflosigkeit der Männer – und damit vielleicht auch mit dem wirkmächtigen traditionellen Rollenverhalten.»

Denn ihr Befund gilt nur für klassische Haushaltsarbeiten. Sporadische und längerfristige Haushaltsarbeiten wie Entsorgungen und Reparaturen oder Steuererklärung ausfüllen und Versicherungen abschliessen seien fast ausschliesslich in Männerhand, unabhängig vom Erwerbsmodell.
Stamm bricht in ihrem Buch auch sonst eine Lanze für die Väter von heute. Wenn sie mehr arbeiten würden, seien sie deswegen nicht bloss Brotverdiener oder das faule Geschlecht. «Solche Etikettierungen würdigen ihr Engagement nicht angemessen und berücksichtigen darüber hinaus in keiner Art und Weise, dass es DEN Vater gar nicht gibt.» Väter hätten genauso wie berufstätige Mütter während der Arbeitswoche ein dichtes Programm. «Das Wochenende wird zwar zum Kompensieren genutzt, trotzdem kommt für beide Partner einiges zu kurz.» Obwohl sich neun der zehn Männer in Stamms «Tarzan-Studie» mit ihrer Lebens- und Berufssituation im Allgemeinen zufrieden zeigen, geben viele an, unter Dauerstrom zu stehen. Und im Vorwort schreibt Stamm: «Frauen sind keinesfalls lediglich die überlasteten Opfer, so wie sie immer wieder dargestellt werden, sondern ebenso die Schaltstellen, wenn es um das Familienmanagement geht.» Und sie fragt: «Warum nehmen wir dies nicht verstärkt zur Kenntnis und weshalb gelten Frauen beinahe als unantastbar?» Für sie ist die väterliche Präsenz längst nicht das einzige Qualitätsmerkmal, sondern eher ein Stereotyp, dabei gebe es ganz neue Vaterschaftskonzepte. Aber leider würden Väter und Mütter noch immer mit sehr unterschiedlichen Standards gemessen. Und eben: Genau betrachtet liege nicht alle Haushaltsarbeit in Frauenhand. (Sabine Kuster)

Margrit Stamm, «Neue Väter brauchen neue Mütter. Warum Familie nur gemeinsam gelingt», 304 Seiten, erscheint am 1. August im Piper-Verlag.