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Frauen-Power im Tierreich: Weshalb die Chefs weiblich sind

Nicht immer dominieren im Tierreich die Männchen: Geschlechterrollen sind bei Säugetieren sehr unterschiedlich verteilt. Forscher entschlüsseln die Gründe, zum Beispiel bei den Tüpfelhyänen.
Roland Knauer
Bei den Tüpfelhyänen haben in der Regel die Frauen die Nase vorn, und es herrscht oft eine Art «Erbmonarchie». (Bild: Alamy)

Bei den Tüpfelhyänen haben in der Regel die Frauen die Nase vorn, und es herrscht oft eine Art «Erbmonarchie». (Bild: Alamy)

Als die Tüpfelhyänen sich im Ngorongoro-Krater im Norden Tansanias begegnen, ist sofort klar, wer das Sagen hat. Eines der Tiere wirkt völlig unterwürfig: Es hat den Schwanz eingeklemmt, die Ohren liegen nach hinten, der Kopf ist leicht gesenkt und die Zähne schimmern zwischen den zurückgezogenen Lefzen.

Seine beiden Gegenüber drücken mit ihrer gesamten Körperhaltung genau das Gegenteil aus: Den Schwanz strecken sie steil nach oben, die Ohren richten sie auf, und der Gesichtsausdruck drängt auch einem menschlichen Betrachter sofort das Gefühl auf, hier stehen die Bosse.

Elefanten und Schwertwale: Weibchen an der Spitze

Dieser Eindruck ist zwar richtig, passt aber nicht so recht in das unter Zoologen gängige Bild der Tüpfelhyänen-Gesellschaft, in der Frauen-Power die Regel scheint und die Männchen wenig zu sagen haben. Hier aber ist das unterwürfige Tier ein Weibchen, während beide Bosse Männchen sind. Haben also vielleicht doch jene Verhaltensforscher Recht, die bei Säugetieren sehr häufig die Männchen in der Führungsebene sehen? Beispiele wie die Gorillas, bei denen normalerweise ein starkes Männchen einen eigenen Harem hat, unterlegen diese Theorie ja recht klar.

Nur gibt es eben auch gute Gründe, aus denen die Evolution in Fällen wie bei den Elefanten, den Schwertwalen oder eben bei den Tüpfelhyänen Weibchen an der Spitze der Hierarchie bevorzugt. Allerdings müssen Verhaltensforscher genau hinschauen, um diese Gründe aufzudecken.

«Genau das haben wir jetzt getan», sagt Oliver Höner vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW). Seit 1996 beobachten er und seine Kollegen im Ngorongoro-Krater die acht Hyänen-Gruppen, die auf dem 270 Quadratkilometer grossen Kraterboden leben. Das ist etwas mehr als die Fläche des Kantons Zug und also recht übersichtlich, die Forscher kennen jede einzelne der rund 500 Tüpfelhyänen und deren Verwandtschaftsverhältnisse.

Klitoris hat fast die Grösse eines Penis

Im Laufe der Jahre untersuchten die Forscher eine ganze Reihe von Möglichkeiten, mit denen die Weibchen sich ihre Führungs­rolle sichern. So sind sie nicht nur grösser als die Männchen, sondern haben auch eine stark vergrösserte Klitoris, die beinahe die Grösse eines Penis erreicht. Obendrein verlangt deren Form den Männchen im entscheidenden Moment einen sehr schwierigen Balance-Akt auf dem Rücken der Weibchen ab. Da eine falsche Bewegung das Männchen unverrichteter Dinge hintenüber in den Staub der Savanne purzeln lässt, sind die Weibchen Herr des Geschehens – und können sich Partner sehr einfach aussuchen.

Viel wichtiger als solche Äusserlichkeiten aber scheint das Sozialleben. Den entscheidenden Hinweis lieferten die 4133 registrierten Konflikte zwischen Hyänen im Ngorongoro-Krater, die Oliver Höner und seine Kollegen in der Zeitschrift «Nature Ecology & Evolution» untersuchten: Je besser und dichter sein Geflecht aus Beziehungen ist, umso höher steigt ein Tier in der Hierarchie.

Starre Hierarchie

Diese ist bei den Tüpfelhyänen relativ starr, ähnlich wie eine absolutistische Erbmonarchie bei uns Menschen. Wer in die Oberschicht hineingeboren wird, hat bessere Karten. Weil der Nachwuchs der Clan-Chefin das Verhalten der Oberschicht von Kindesbeinen an lernt, kann er sich gut im Establishment halten. Dieses System funktioniert recht zuverlässig, wie Oliver Höner erklärt:

«Alternde Clan-Chefinnen geben das Szepter oft friedlich an ihre Töchter ab»

Manchmal werden potenzielle Thronfolger auch ungeduldig und versuchen einen Putsch. «Das passiert oft, wenn die Chefin gerade auf einem Streifzug weit weg ist», berichtet Oliver Höner. Die Erfolgschancen bei Hyänen steigen dabei wie bei den Menschen mit der Zahl der Verbündeten, auf die Putschisten zurückgreifen können. Und genau diese Verbündeten entscheiden auch darüber, wer einen Konflikt zwischen zwei Hyänen gewinnt:

Verbündete erhöhen Selbstbewusstsein

Als Sieger geht das Tier vom Platz, das mehr Unterstützer hat. Dabei müssen die Verbündeten gar nicht anwesend sein. Es genügt, wenn eine Hyäne weiss, dass sie im Notfall schnell da wären. Entscheidend ist also offensichtlich das Selbstbewusstsein der Hyäne, das sich auf die Zahl ihrer Verbündeten stützt.

Das zeigt sich besonders deutlich bei Begegnungen zwischen zwei Hyänen, die beide ­gerade ausserhalb ihrer Gruppe unterwegs sind. Höner erklärt:

«Fast immer gewinnt das Tier, das näher an seinem Zuhause ist.»

Genau deshalb ziehen dann selbst eigentlich hochrangige Weibchen bei Begegnungen mit den in der Hyänen-Hierarchie normalerweise tiefer stehenden Männchen den Schwanz ein und legen die Ohren an: Die Männchen sind näher an ihrem Zuhause und bekämen schneller Hilfe.

Solche Erfolgserlebnisse kommen allerdings eher selten vor, weil die Männchen den Clan, in dem sie geboren wurden, sehr häufig verlassen, nachdem sie im Alter von zwei bis drei Jahren geschlechtsreif werden. So verringern sie das Risiko, sich mit engen Verwandten zu paaren, weil ihre Schwestern, Tanten und Nichten meist zu Hause bleiben.

Männchen müssen auswandern

Bei einer solchen Inzucht würde zum Beispiel das Risiko erheblich steigen, dass die Nachkommen anfälliger für Krankheiten sind. Dieses Risiko verringert sich, wenn die jungen Männchen auswandern. Allerdings verlieren sie damit auch ihr gesamtes Geflecht an Beziehungen und müssen in der Hyänen-Hierarchie wieder ganz unten anfangen. Da sie zu Hause bleiben, vermeiden die Weibchen solche Brüche in ihrer Biografie und haben so viel grössere Chancen für den Aufstieg in eine Spitzenposition.

«Auch bei anderen Säugetierarten beeinflussen die Chancen und Risiken der Fortpflanzung ihre Sozialsysteme», erklärt Gottfried Hohmann vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig.

Haremsweibchen und Haremsmännchen

Dabei denkt der Spezialist für Menschenaffen zum Beispiel an Gorillas, bei denen sich die Männchen gerne einen Harem halten. Selbst ein kräftiger Silberrücken schafft es meist zwar nur ein paar Jahre, seine Gruppe mit Weibchen und seinem Nachwuchs gegen marodierende Trupps anderer Männchen zu verteidigen, die sich nur zu gern den Weibchen nähern würden. Diese Zeit nutzt er aber sehr erfolgreich und wird Vater einiger kleiner Gorillas, von denen er sich sicher sein kann, dass sie ­keine Kuckuckskinder sind.

Aber auch die Weibchen profitieren vom Leben im Harem, den der Silberrücken vehement verteidigt. Bei seinem Sturz würden die Eroberer den Nachwuchs im Harem töten, damit die Weibchen möglichst schnell wieder zur Paarung bereit sind.

Ähnliche Harems gibt es auch bei bestimmten Krallenäffchen in Südamerika. Nur sind dort die Rollen vertauscht, und ein Weibchen hat zwei oder drei Männchen in seiner Gruppe. Diese tragen auch den Nachwuchs herum, der nur zu seiner Mutter kommt, wenn der Hunger zu stark wird und die Kleinen gesäugt werden.

Der Erfahrungsschatz der Grossmütter

Schwertwale und Elefanten setzen eher auf Familiengruppen, die von einem erfahrenen älteren Weibchen geführt werden. Auch das hat durchaus seine Gründe: Beide Arten sind auf die Erfahrung und das Gedächtnis ihrer Gross- und vielleicht sogar Urgrossmütter angewiesen.

Die auch als Orcas bekannten Schwertwale spezialisieren sich auf unterschiedliche Beute von Heringen über Robben bis zu grossen Haien, die sie mit ausgefeilten Methoden zur Strecke bringen. Niemand ist besser als Lehrer geeignet als eine Grossmutter, die in ihrem langen Leben viele Tricks zur Verbesserung der Jagd gelernt hat.

Die alte Elefantenkuh wiederum erinnert sich bei einer extremen Dürre, wie sie vielleicht nur zweimal im Jahrhundert auftritt, vielleicht noch an eine verborgene Wasserstelle, an die sie im Teenager-Alter in einer ähnlichen Situation ihre eigene Grossmutter geführt hat, die wiederum ihr Wissen noch von den Urahnen erworben hat.

Die Natur bietet also auch in Geschlechter- und Dominanz­fragen aus guten Gründen recht unterschiedliche, aber praktisch immer massgeschneiderte Lösungen an, in denen einmal das eine und das andere Mal das andere Geschlecht die Nase oder den Rüssel vorn hat.

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