Ehe
Wer zum zweiten Mal heiratet, lässt sich öfter scheiden

Auch wenn es schon einmal schiefgegangen ist: Zweite Ehen sind beliebt. Dabei scheitern sie noch öfter. Warum ist das so?

Silvia Schaub
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Michelle Hunziker hat bereits zum zweiten Mal geheiratet: Wie lange hält die Ehe mit Trussardi? (Archivbild)

Michelle Hunziker hat bereits zum zweiten Mal geheiratet: Wie lange hält die Ehe mit Trussardi? (Archivbild)

Keystone

«Ja, wir tun es nochmals», verkünden Magdalena und Rolf. Demnächst gehen die beiden Mittvierziger in die zweite Ehe-Runde. «Und diesmal wird es halten!» schreiben sie ebenso überzeugt in ihrer Hochzeitsanzeige. Sie sind nicht die Einzigen, die trotz aller Erfahrung aus dem ersten Versuch, ein zweites Mal ihr Glück finden wollen. Zweitehen sind sehr beliebt. Der Grossteil der Geschiedenen heiratet erneut. Ein Drittel aller neuen Ehen sind heute Wiederverheiratungen. Im Vergleich zu 1970 hat deren Anteil um mehr als die Hälfte zugenommen.

Die zweite Ehe als Chance – oder womöglich Rettung – für all das, was man in der ersten verpasst, falsch gemacht oder vernachlässigt hat? Schon der Psychoanalytiker Sigmund Freud soll schliesslich gesagt haben, dass die zweite Ehe stets besser sei als die erste – besonders dann, wenn sie mit derselben Frau geschlossen werde. Weil man beim ersten Mal im Widerstreit zwischen Idealbild und Wirklichkeit stehe, beim zweiten Anlauf allerdings das Idealbild aufgebe und sich als das sehen würde, was man sei.

Das hat etwas Wahres. Wunschbilder verschwinden ganz automatisch mit dem Erlebten. Die Enttäuschung über die erste gescheiterte Ehe ist meist auch ein Schritt nach vorn, weil man weniger Kompromisse eingeht und sich von Illusionen verabschiedet. Und weil man manchmal auch nachholen will, was in der ersten Ehe fehlte.

Folge-Ehen scheitern häufiger

So eine wohl überlegte neue Liebesheirat, gepaart mit realistischen Erwartungen und ohne Wolke-7-Blick, müsste demnach die besten Voraussetzungen für eine lange Beständigkeit haben. Hat sie aber gerade nicht, wie Statistiken zeigen: Zweite Ehen werden häufiger geschieden als erste. Eine gross angelegte norwegische Studie mit mehr als 5000 Personen belegt, dass das Scheidungsrisiko mit jeder Folge-Ehe zunimmt. Manche Studien sagen sogar, dass 70 Prozent aller Zweitehen geschieden werden.

Was ist der Grund dafür, dass viele Zweitehen wieder geschieden werden? «Zum einen ist die Schwelle niedriger, sich scheiden zu lassen, wenn man sich bereits einmal scheiden liess», betont Psychologe Guy Bodenmann, Professor an der Universität Zürich für klinische Psychologie. «Zum anderen lösen sich eigene schwierige Themen meist nicht von selbst, das heisst, man nimmt sie mit in die nächste Beziehung.» Dazu kommen höhere Ansprüche und weniger Kompromissbereitschaft. Wieder leiden, wieder derselbe Mist?

Oft wird als Grund für das Scheitern auch der fehlende klassische «Ehekitt» genannt, der bei den zweiten Ehen nicht mehr so stark im Vordergrund steht: kirchliche Trauung, Eigenheim und Kinder. Letztere sind allerdings nicht nur Kitt, sondern oft auch Zündstoff. Die Patchwork-Situation belastet viele Ehen zusätzlich. Da gibt es noch mehr zu koordinieren, zu organisieren und zu arrangieren.

Wieso wagen sich trotzdem so viele ins neue Abenteuer? «Um es diesmal besser zu machen», glaubt Ernst (56). So jedenfalls hatte er sich das vorgestellt. Denn er wollte auf keinen Fall als mehrfacher Wiederholungstäter wie Oscar Lafontaine (vier Ehen), Joschka Fischer oder Lothar Matthäus (beide fünf) enden. Doch heute, nachdem er seit zehn Jahren mit seiner zweiten Frau verheiratet ist, hat sich auch bei Ernst eine gewisse Ernüchterung eingestellt. «Wenn ich gewusst hätte, dass ich wieder mit den gleichen Problemen zu kämpfen habe, dann hätte ich mir schon die erste Scheidung sparen können.»

Das soll bei Magdalena nicht geschehen. Sie möchte keine Wiederholung von Illusion und brutaler Ernüchterung erleben. Deshalb geht sie das Ganze auch pragmatischer an, antwortet etwa auf die Nachfrage, ob die Trauung wieder in Weiss und in der Kirche stattfinde: «Nein, die Hochzeit feiern wir nur im kleinen Rahmen. Ein rauschendes Fest in Weiss hatte ich schon mal.» Schliesslich ist sie nun älter, reifer und auch realistischer geworden. Und sie hat sich definitiv vom Idealbild des Traumprinzen gelöst.

Bei null anfangen geht nicht

«Anders als bei der ersten Ehe hat man beim zweiten Mal oft die Chance, sich diesen Schritt genau zu überlegen und weniger einfach hineinzuschlittern», sagt Paartherapeut Josef Lang aus Wettingen, der kürzlich das Buch «Wenn der Liebeskompass spinnt» (Uni-Edition) herausgegeben hat. Das hilft zwar für die eigene Entscheidung, ist aber keine Garantie, dass es beim zweiten Versuch besser klappt. Schliesslich hat man es in der Regel mit einem anderen Partner zu tun – ausser man hält es wie das Freud’sche Ideal und heiratet nochmals die gleiche Person. Auch selber steht man nicht mehr am gleichen Punkt wie noch vor ein paar Jahren. Somit wird auch die zweite Ehe zum neuen Abenteuer, das nicht immer neues Glück bedeutet.

Man müsse sich dabei bewusst sein, dass sich die bereits gemachten Erfahrungen mit den neuen überlagern, betont Paartherapeut Josef Lang. «Wie ein Film, der zweimal belichtet wird. Man kann nicht einfach nochmals bei null anfangen.» Dennoch rät der Fachmann, es nochmals zu versuchen. «Man hat oft die besseren Karten, als wenn man die vorherige Ehe fortgesetzt hätte.»

Die Geschichte aufarbeiten

Das kann eine Chance sein, aber auch eine Hypothek – vor allem dann, wenn das Erlebte nicht verarbeitet wurde. Das hat Rapper Stress erlebt, wie er der «Schweizer Illustrierten» erzählt: «In meiner Ehe war ich oft unglücklich. Ich war völlig festgefahren, konnte mich auf nichts einlassen.» Nach der zweiten Scheidung von Melanie Winiger hat der Musiker die Konsequenzen gezogen und in einer Therapie sein Leben analysiert. «Es war wichtig, die verschiedenen Etappen richtig zu verstehen.»

«Ein entscheidender Punkt», findet auch Guy Bodenmann. Wichtig seien der emotionale Abschluss, die Versöhnung und die positive Ausrichtung auf die Zukunft. «Aber auch, dass man bei der Partnerwahl auf sich hört und die vorherigen Erfahrungen einbezieht.» Zu diesem Schritt rät auch Josef Lang: «Verarbeiten meint eben gerade nicht, dem anderen die Schuld für alle Probleme zuzuschieben, sondern die eigene Geschichte aufzuarbeiten. Nur wer die eigenen Fehler sieht, kann sich auch weiterentwickeln.» Für Rapper Stress, der seit zwei Jahren mit dem Model Ronja Furrer glücklich liiert ist, ist deshalb klar: «Ich möchte nochmals heiraten.»

Diese Faktoren machen eine Ehe glücklich

Für immer glücklich? Dafür gibt es leider kein Patentrezept. Aber US-Forscher der University of Denver glauben, wichtige Faktoren für ein zufriedenes Zusammenleben als Paar gefunden zu haben:

Besser entscheiden als treiben lassen: Wer sich als Paar bewusst für wichtige Meilensteine wie Zusammenziehen oder Heiraten entscheidet, soll in der Ehe glücklicher sein als diejenigen, die sich treiben lassen.

Je grösser die Hochzeit, umso besser: Paare, die eine opulente Hochzeitsfeier durchführen, sind in der Ehe zufriedener. Denn die vielen kleinen und grossen Entscheidungen für das Planen eines grossen Festes seien ein Anzeichen dafür, dass die Partner sich bewusst für die Beziehung und die Ehe entschieden haben.

Je weniger Sex-Partner, desto glücklicher die Ehe: Wer mit seinem ersten – und möglicherweise einzigen – Sexpartner zusammen bleibt und ihn auch heiratet, ist zufriedener mit seiner Ehe als derjenige, der zuvor schon mit anderen sexuelle Erfahrungen gesammelt hat. (sc)

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