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Altersforscher: «Wer 120 werden will, ist durchgeknallt»

Medizinprofessor Thomas Perls gehört zu den weltweit führenden Forschern auf dem Gebiet der Langlebigkeit. Er hat 150 Menschen untersucht, die 110-jährig oder älter sind. Nun spricht er über seine Erkenntnisse.
Patrik Müller, Boston
Gesund und heiter bis ins hohe Alter – für immer mehr Menschen ist dies Realität. Bild: Getty

Gesund und heiter bis ins hohe Alter – für immer mehr Menschen ist dies Realität. Bild: Getty

Der Mann ist die Ruhe selbst. Aus seiner eigenen Forschung weiss er, dass Stress nichts Schlechtes ist, solange man mit ihm umgehen kann. Vielleicht darum erscheint er 40 Minuten zu spät, aber tief entspannt, zu unserem Interviewtermin an der Harvard-Universität. Davor hat er ein E-Mail geschickt: Er sei etwas später in den Tag gestartet, und ausserdem habe es in Boston mal wieder viel Verkehr.

Perls kann sich die Nachlässigkeit leisten, er ist ein gefragter Mann: An Universitäten und Kongressen spricht der Medizinprofessor über seine «Centenarian»-Forschung. Welche Menschen werden 100 oder gar 110 Jahre alt, und warum? Diese Frage treibt Perls, 58, seit seiner Jugend um. Seine Referate an Kongressen eröffnet er gern mit einem kleinen Quiz: Rauchen Sie? Okay, dann ziehen Sie 15 Jahre ab. Sind Sie gut im Stress bewältigen? Gut, dann addieren Sie 5 Jahre. Es sind naheliegende Fragen, aber auch eher bizarre, aus denen Perls die Lebenserwartung errechnet – etwa die: Benutzen Sie Zahnseide?

Mister Perls, die Schweiz hat eine der weltweit höchsten Lebenserwartungen: 84 Jahre für Frauen, 80 Jahre für Männer. Damit können wir zufrieden sein, oder?

Ihr Schweizer habt noch Luft nach oben. Ihr Land ist hochentwickelt und verfügt über ein ausgezeichnetes Gesundheitssystem. Da müsste mehr drinliegen, denn die Menschen sind für längere Leben gebaut: Gemäss unseren Forschungen für 89 Jahre bei Frauen und 86 Jahre bei Männern. Das entspricht gewissermassen unserem genetischen Bauplan. Die Frage ist: Machen wir uns unsere Gene zunutze oder kämpfen wir gegen sie?

Wie kommen Sie auf diese «genetische» Lebenserwartung?

Die Zahlen beruhen auf unseren Langzeituntersuchungen von sehr alten Menschen und von Angehörigen der Siebenten-Tags-Adventisten (eine protestantische Freikirche, die Red.). Diese Menschen haben in den USA die höchste Lebenserwartung. Siebenten-Tags-Adventisten sind ethnisch sehr unterschiedlich und über ganz Amerika verteilt, aber gemeinsam ist ihnen, dass sie ein gesundes Leben führen. Sie rauchen nicht, trinken nicht, sie essen gesund – sie sind Vegetarier –, und sie haben genügend Bewegung.

Ist es erstrebenswert, in einem Land, in dem die Menschen bereits sehr alt werden, die Erwartung noch weiter zu erhöhen?

Absolut. Alt werden ist kein Selbstzweck. Aber dem Leben gesunde Jahre anzuhängen, das sollte unser aller Ziel sein. Durch eine entsprechende Lebensweise könnten wir auch die Gesundheitskosten senken. Es gibt also individuelle und gesellschaftliche Gründe, den Alterungsprozess zu verlangsamen. Ich meine darum, unsere Gesellschaft müsste viel mehr investieren, um ein Verhalten zu fördern, das uns älter werden lässt. Es käme uns viel günstiger, als für Menschen zu bezahlen, die in ihren 60ern oder 70ern krank werden und dann sterben.

Wir sollten alle so leben wie die Siebenten-Tags-Adventisten?

An ihren Tugenden könnten wir uns zumindest ein Beispiel nehmen. Schauen Sie: In den USA lassen sich die Unterschiede sehr gut messen, da die Bevölkerung äusserst heterogen ist. Auf der einen Seite gibt es sehr lang lebende Menschen wie eben Siebenten-Tags-Adventisten, auf der anderen Seite haben wir beträchtliche Bevölkerungsteile, die rauchen, übergewichtig sind und sich nie bewegen – sie ziehen die gesamte Lebenserwartung herunter. In der Schweiz ist die Bevölkerung diesbezüglich homogener.

Bisweilen erreichen Raucher ein sehr hohes Alter. Ein Widerspruch zu Ihrer Forschung?

Nein. Dass Raucher sehr alt werden, kommt statistisch selten vor. Diese wenigen Menschen haben schlicht und einfach spektakuläre Gene, sodass sie Lungenkrebs und Herzkrankheiten abwenden konnten.

Ihre Forschung hat gezeigt, dass die Gene nur zu 30 Prozent dafür verantwortlich sind, ob wir 85 bis 90 Jahre alt werden. Wichtiger ist, wie wir uns verhalten.

Ja. 70 Prozent des Unterschieds, was unsere Lebensdauer betrifft, wird durch unser Verhalten bestimmt. Und nur 30 Prozent durch die Gene. Man kann es nicht genug betonen: Wir haben es zu einem grossen Teil selber in der Hand, ein schönes Alter zu erreichen!

Heisst das auch, dass ich durch eine gesunde Lebensweise entscheidend beeinflussen kann, ob ich sehr alt werde?

Nein. Die 70-30-Regel gilt für das Erreichen der durchschnittlichen potenziellen Lebenserwartung, also 86 Jahre für Männer und 89 für Frauen. Ob jemand aber 95, 100 oder gar 110 Jahre alt wird, hängt zu einem viel grösseren Teil von den Genen ab als vom Verhalten.

Wann wird die Entwicklung, dass die Menschen immer älter werden, stoppen oder sich gar ins Gegenteil umkehren?

Man kann vieles von den sogenannten Super-Centenarians («Super-Hunderter») lernen, also Menschen, die 110 Jahre oder älter sind. Wir haben 150 solche Menschen untersucht, sie stammen aus den USA, Kanada, Japan und anderen Ländern. Es gibt zurzeit weltweit etwa 350 Menschen, die über 110-jährig sind. Das sind extrem wenige. Diese kleine Zahl zeigt, dass dem Wachstum der Lebenserwartung Grenzen gesetzt sind. Wir werden in unseren Gesellschaften immer mehr Menschen sehen, die 100 werden; aber darüber hinaus schaffen es auch in Zukunft nur sehr, sehr wenige.

Was haben Sie von diesen sehr alten Menschen gelernt?

Es ist relativ einfach: Wer lange lebt und dabei gesund ist, der ist lange glücklich. Das Tragische ist, dass wegen der längeren Lebensdauer auch mehr Menschen an Alzheimer erkranken. Früher starben sie an anderen Krankheiten, bevor sich Alzheimer entwickeln konnte. Die Hälfte der Menschen über 85 bekommt Alzheimer. Wichtig ist darum in unserer alternden Gesellschaft, biologische Tricks anzuwenden, um diese Krankheit abzuwenden oder zumindest zu verzögern.

Was sind diese Tricks?

Wir suchen nach Genen, die für die Langlebigkeit verantwortlich sind. Denn diese sind es auch, die das Risiko von Alzheimer und anderen altersbezogenen Krankheiten senken.

Sie bieten im Internet einen Test an, der die eigene Lebenserwartung voraussagen soll. Was auffällt, sind die vielen Fragen zum Thema Stress. Ist das so wichtig?

Wir fragen, was Stress für Sie bedeutet und wie Sie ihn abbauen. Und woher der Stress rührt. Entscheidend für die Lebenserwartung ist nicht, wie viel Stress Sie haben, sondern wie Sie damit umgehen. Stress an sich kann für gewisse Leute sogar positiv sein – sie blühen auf und sind motiviert.

Ist in wohlhabenden Ländern der ungenügende Umgang mit Stress schädlicher für die Lebenserwartung als Rauchen und Alkohol?

Nun, mir scheint, dass die meisten Menschen wissen, wie sie Stress abbauen können – sei es mit Sport, Meditation, Gebet, genug Schlaf oder individuellen Rezepten. Wichtig ist, dass man sich Zeit dafür nimmt, den Stress nicht an sich herankommen zu lassen. Die Forschung zeigt, dass sonst das Risiko für Herzkrankheiten, aber auch für Krebs und Alzheimer zunimmt. Damit zusammenhängend ist die Beobachtung, dass Leute, die alt werden, selten neurotisch sind.

Was heisst das?

Bei sehr alten Menschen haben wir beobachtet, dass sie tiefe Werte für Neurotizismus und hohe Werte für Extrovertiertheit haben. Vereinfacht gesagt: Sie fressen nicht alles in sich hinein, sondern können Sorgen verarbeiten und loslassen. Auch weil sie überdurchschnittlich gut darin sind, soziale Bindungen aufzubauen und zu erhalten. Was wir nicht wissen, ist, wie weit diese Eigenschaft genetisch vorhanden oder erlernt ist.

Thomas Perls

Der Altersforscher Thomas Perls, Jahrgang 1960, ist Medizinprofessor an der Boston University in den Vereinigten Staaten von Amerika und Arzt am Boston Medical Center. Er studierte unter anderem an der renommierten Harvard-Universität. Sein Spezialgebiet ist die Altersforschung. Perls gründete die «New England Centenarian Study», ein Projekt, das er bis heute leitet und das weltweit Menschen erforscht, die 100 Jahre oder älter sind. Er ist einer der prominentesten Kritiker von Hormontherapien, welche die Lebensdauer verlängern sollten. Die meisten Anti-Aging-Produkte hält er für marktschreierisch und nutzlos. Perls ist der Initiant des Web-Rechners «Living to 100», auf dem man anhand von Dutzenden von Fragen berechnen kann, wie hoch die eigene Lebenserwartung ist. Link zum Rechner.

Ich habe Ihren Lebenserwartungs-Rechner ausprobiert. 87 Jahre werden mir vorausgesagt.

Nun, der Rechner ist eine spielerische Sache, die Fragen sollen zum Nachdenken anregen. Dennoch, der Test ist sehr ausgeklügelt. Wenn er Ihnen 87 ausspuckt, dann machen Sie noch ein paar Dinge falsch. Sie müssten höher kommen!

Eine Frage war, wann ich zum letzten Mal einen ärztlichen Check gemacht habe. Da musste ich passen, weil ich noch nie einen General-Check gemacht habe.

Das gab Abzug. Man sollte sich von Zeit zu Zeit checken lassen. Auch wenn Sie sich gesund fühlen, könnten Sie beispielsweise Bluthochdruck oder einen hohen Cholesterinspiegel haben. Je früher man diese Probleme angeht, umso besser.

Ich musste auch die Frage beantworten, ob ich Zahnseide benutze.

Ja, das korreliert ganz, ganz leicht mit einer längeren Lebenserwartung. Neuste Forschungen sind hier indes widersprüchlich, eventuell werden wir die Frage anpassen müssen.

Frauen werden nach wie vor deutlich älter als Männer. Wird dieser Unterschied bestehen bleiben oder sich verringern?

Wahrscheinlich wird er sich in Zukunft leicht verringern. Global gesehen, ist Rauchen bei den Männern rückläufig, während der Trend bei Frauen in die andere Richtung zeigt. Was sich kaum ändert, ist, dass extrem hohe Alter fast nur von Frauen erreicht werden. Das ist genetisch bedingt. Männer haben dafür den Vorteil, dass sie, wenn sie 90 oder mehr Jahre erreichen, öfter gesund sind. Frauen leben auch mit chronischen Krankheiten häufig noch lange weiter – sie sind widerstandsfähiger.

Die Pharmaindustrie und auch Silicon-Valley-Firmen forschen an Medikamenten, die uns älter werden lassen sollen. Ist das Scharlatanerie?

Der Grossteil dessen, was einem da angepriesen wird, ist Scharlatanerie. Schon seit Urzeiten sind angeblich lebensverlängernde Substanzen, Schlangenöl und dergleichen, ein Geschäft. Nichts gegen das Vermarkten gesunder Nahrungsmittel. Aber damit macht niemand das grosse Geld. Sondern, zum Beispiel, mit sinnlosen Hormontherapien, die 11 000 bis 20 000 Dollar pro Jahr kosten und sogar gefährliche Nebenwirkungen haben können. Ich habe sehr wenig Vertrauen in die Anti-Aging-Industrie.

Aber es gibt auch seriöse Forschung, die auf die Verlängerung des Lebens hinarbeitet.

Absolut. David Sinclair von der Harvard-Universität beispielsweise ist involviert in verschiedene Firmen. Aber es ist verfrüht, darüber zu urteilen. Die Forschung ist noch sehr theoretisch. Das grosse Problem ist, dass jede Behandlung Nebenwirkungen hat. Was das Leben in der Theorie verlängern soll, kann in der Praxis das Krebsrisiko erhöhen.

Auch Google erforscht die Langlebigkeit.

Ja. Ich glaube, die Google-Chefs wollen sehr alt werden.

Es gibt Menschen, die wünschen sich, 120 Jahre alt zu werden. Unvernünftig?

Dass es im Silicon Valley Menschen gibt, die vom ewigen Leben träumen, ist klar: Die haben so viel Geld und wollen es irgendwann ausgeben und geniessen. Schauen Sie: Nur zwei Menschen haben bislang geschafft, 120 zu werden. Sie starben 1997 und 1999. Seither haben wir solche extreme Alter nirgends auf der Welt gesehen. Die Wahrscheinlichkeit ist wahnsinnig klein. Wer das anstrebt, ist aus meiner Sicht durchgeknallt.

Und Sie, wie alt möchten Sie werden?

Ich würde es lieben, 100 zu werden. Das wäre fantastisch. Ich hatte eine Urgrossmutter, die 102 wurde – ich hoffe, ich habe die richtigen Gene von ihr.

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