Wenn Medizin nicht mehr hilft

Im Labyrinth In seinem ersten Sachbuch beschreibt der britische Schriftsteller Tim Parks seine eigene, schmerzhafte Krankheit – und die Heilung auch mittels Meditation. Julia Kospach

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Tim Parks – ein Engländer in Italien, der an einer hartnäckigen Krankheit laboriert. (Bild: Basso Cannarsa)

Tim Parks – ein Engländer in Italien, der an einer hartnäckigen Krankheit laboriert. (Bild: Basso Cannarsa)

Herr Parks, Sie haben mit «Die Kunst stillzusitzen» Ihr erstes Sachbuch geschrieben. Darin erzählen Sie, wie Sie jahrelang wegen massiver Prostatabeschwerden von Arzt zu Arzt geeilt sind, ohne eine Behandlung zu finden. Haben diese Jahre Ihren Blick verändert?

Tim Parks: Die Ärzte haben es von Anfang an Prostatabeschwerden genannt, aber es war komplizierter.

Ich selbst hing der traditionellen Ansicht an, dass die Krankheit ein Eindringling in meine Normalität sei und ich sie loswerden könnte, indem ich Ärzten ihre Symptome beschreibe, damit sie das Problem für mich lösen und mich dann wieder in mein normales Leben entlassen. Vielleicht gibt es Krankheiten, die so sind. Ich aber musste mit der Zeit akzeptieren, dass mein Zustand mit meinem Lebensstil zu tun hatte. Damit wer ich war. Die Krankheit loszuwerden hiess, dass ich mich ändern musste.

Irgendwann haben Sie sich alternativmedizinischen Methoden zugewandt. Kommt das durch chronische Schmerzen automatisch?

Parks: In meiner Arroganz war ich überzeugt, dass die westliche Schulmedizin alle Antworten besitzt und es sich beim Rest um Scharlatanerie handelt. Aber nach zwei Jahren Schmerzen habe ich mir gedacht: Warum nicht? Und ich habe ein paar interessante Antworten bekommen.

Ein Ayurveda-Arzt in Delhi attestierte Ihnen «einen grundlegenden Widerspruch in der Persönlichkeit». Hatte er recht?

Parks: Nach nur ein paar Minuten sagte mir dieser Arzt, dass ich das Leben als eine Serie unlösbarer Dilemmata wahrnehme. Jeder, der meine Romane gelesen hat, kann sich wahrscheinlich vorstellen, dass er damit richtig lag.

Sie haben sich langsam zur Einsicht durchgerungen, dass Ihre Krankheit psychosomatisch ist?

Parks: Falsch. Ich habe von Anfang an gehofft, dass sie das ist und ich einfach nur mein psychisches Problem verstehen müsste, damit es besser würde. Das war nicht der Fall, denn im Ende stellte sich heraus, dass der Grund für meine Schmerzen eine chronische Verspannung der Beckenbodenmuskulatur war.

Diese Verspannung hatte ihre Ursachen ohne Zweifel in jahrzehntelanger psychischer und physischer Anspannung, in Stress, Ärger und Ehrgeiz. Das heisst: Ich hatte körperliche Beschwerden, aber dahinter lag ein psychologisches Verhaltensmuster. Ich fing an, an diese Erklärung zu glauben, als die Tiefenentspannungsübungen – wenn auch sehr langsam – mir erste schmerzfreie Momente bescherten.

Was haben Sie denn sonst noch so ausprobiert?

Parks: Ich habe einige Kräuterlösungen ausprobiert. Es gab ein Ayurveda-Intermezzo, das nicht sehr tief ging. Dann Shiatsu, das sehr hilfreich war, Atemtechniken und später die Vipassana-Meditiation, die so erfolgreich war, dass ich dabei geblieben bin. Ich hatte auch eine Serie von Akupunktur-Behandlungen, die aber nichts gebracht haben. Ausserdem fing ich mit Yoga an, das sehr gut zur Meditation gepasst hat und grosses Vergnügen macht.

Sie waren anfangs der Meditation gegenüber sehr misstrauisch.

Parks: Ich habe Übungen aus einem medizinischen Buch ausprobiert. Ich wäre allerdings sehr skeptisch gewesen, hätte man die Übungen dort als Meditation beschrieben. Ich hatte ein starkes Vorurteil gegenüber allem, das auch nur irgendwie fernöstlich angehaucht ist.

Stand diese Aversion gegenüber allem Fernöstlichen oder Mystischen in Zusammenhang mit Ihrer Familiengeschichte?

Parks: Ich bin in einer evangelikalen Familie aufgewachsen. Das war extrem einengend und erstickend. Als Reaktion habe ich ein tiefes Misstrauen gegenüber allen Religionen entwickelt, gleichzeitig aber das Misstrauen meiner Familie gegenüber allen fernöstlichen Dingen weiter kultiviert.

Das wurde noch bestärkt durch die westliche Überzeugung, alles, was nicht gemessen oder durch Labortest belegt werden kann, für nicht vertrauenswürdig zu halten.

Was Ihre Krankheit betrifft, haben sich Dinge zu ändern begonnen, als Sie bereit waren, die Schmerzen zu akzeptieren und sich ihnen zu widmen. Würden Sie das allgemein einen wichtigen Schritt im Umgang mit Krankheit nennen?

Parks: Mein Buch handelt nur von meinen Erfahrungen. Ich bin kein Autor von Selbsthilfe-Ratgebern. Ich für meinen Teil war überrascht, um wie viel leichter der Schmerz wird, wenn man sich ihm zuwendet und ihn akzeptiert.

Was haben Sie durch die Meditation gelernt?

Parks: Mein geistiges Leben lief ausschliesslich verbal ab. Ich dachte mir auch meine Arbeit nur in Worten. Es war mir nicht bewusst, dass es auch harte geistige Arbeit geben kann, die ohne Worte auskommt. Das zeigt nur, wie ignorant ich war.

Allerdings glaube ich, dass das eine weitverbreitete Ignoranz ist. Die geistige Disziplin der Meditation, in der man sich nonverbal konzentrieren muss, war mir vollkommen neu.

Viele versuchen, die Beziehung zu ihrem Körper durch hartes Training zu verbessern. Ist das falsch?

Parks: Sagen wir lieber so: Wenn man einer sitzenden, geistigen Tätigkeit nachgeht, entfremdet man sich irgendwann von seinem Körper. Er wird zum Apparat.

Es kann dann passieren, dass man anfängt, den Körper zu sehr anzutreiben, um fit zu bleiben, gut auszusehen oder ein Gefühl von physischer Lebendigkeit zu bekommen. Dann läuft man weit und schnell und stoppt dabei die Zeit. Ich laufe immer noch, weil ich das sehr mag. Aber treibe mich selbst nicht dabei an und mache mir keine Gedanken, ob ich gut bin. Ich geniesse es einfach.

Sind Sie Ihre Schmerzen los?

Parks: Ja.

Tim Parks: Die Kunst stillzusitzen, Antje Kunstmann, München 2010, Fr. 38.90

Legende (Bild:)

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