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Wenn das Huhn gerupft ist - Wo landen die Federn?

Pouletfleisch ist gefragt. Doch was passiert mit all den Federn, die bei der Geflügelproduktion anfallen? Sie sind ein wertvoller Rohstoff, und Forscher haben zahlreiche Ideen für die Verwertung.
Andrea Söldi
Federn sind ein günstiger, organischer Rohstoff.

Federn sind ein günstiger, organischer Rohstoff.

Chicken-Nuggets, Pouletschenkel und -brüstchen sind beliebt. Die Schweizer Bevölkerung verzehrt jährlich über 100000 Tonnen Geflügel; gut die Hälfte davon stammt von einheimischen Hühnern. Doch diese bestehen nicht nur aus zartem Fleisch. Beim Schlachten fällt ein beachtlicher Berg an Federn an. Früher wurden diese zum Stopfen von Kissen und Bettdecken verwendet. Heute sind es meist Gänsedaunen, die für die Herstellung von Duvets und Winterjacken gebraucht werden. Denn diese wärmen viel besser als Hühner­federn.

Wohin also mit all den Nebenprodukten unseres Fleischkonsums? In vielen Ländern werden die Federn verbrannt, was zu einem erheblichen Ausstoss an Schadstoffen führt. Auch das Lagern in Deponien ist nicht gerade umweltfreundlich, weil so Krankheitserreger ins Grundwasser gelangen können. In der Schweiz und den meisten europäischen Ländern hat man dagegen erkannt, dass es sich um einen wertvollen Rohstoff handelt. Hühnerfedern bestehen hauptsächlich aus Keratin, einem faserigen Eiweiss, das unter anderem auch in Haaren, Fingernägeln und Horn zu finden ist.

In der Schweiz ist die Firma Centravo mit Hauptsitz in Lyss die zentrale Annahmestelle für Schlachtnebenprodukte aller Art. Auch grosse Geflügelproduzenten wie Micarna und Bell liefern die Federn nach der Schlachtung an die Centravo AG. Gemäss Angaben der Medienstelle fallen jährlich etwa 5500 Tonnen davon an. Zusammen mit anderen Nebenprodukten aus der Fleischindustrie, wie etwa ungeniessbaren Innereien, Haaren oder Horn, werden Federn in der Einteilung der Schlachtabfälle zur Kategorie 3 gezählt. Das heisst, dass sie nicht für den menschlichen Verzehr verwendet werden dürfen, wohl aber für Tierfutter oder andere Anwendungen geeignet sind. Die Centravo verarbeitet die Federn aber nicht selber, sondern liefert sie ins nahe Ausland, vor allem nach Deutschland.

Schön glänzendes Hundefell

Eines der Unternehmen, welche sie sinnvoll zu nutzen weiss, ist die holländische Firma Sonac, die Rohware für Tierfutter und Dünger herstellt. Für diese Produkte sind auch Hühnerfedern willkommen. «Es handelt sich um eine wertvolle und nachhaltige Proteinquelle», sagt Sonac-Mitarbeiterin Carine van Vuure. Im Vergleich zu pflanzlichen Proteinen seien sowohl die Klimagasemissionen als auch der Landverbrauch bedeutend geringer. Um die Sicherheit für die Verwendung als Lebensmittel zu gewährleisten, muss der Rohstoff aber zuerst bei hoher Hitze sterilisiert werden. Danach wird er zu Federmehl verarbeitet und chemisch verändert. Bei der Hydrolyse reagiert das Material mit Wassermolekülen und reichert sich dabei mit Wasserstoffatomen an. «Dadurch wird das Federmehl gut verdaulich», erklärt die Lebensmittelspezialistin.

In dieser Form wird es Haustierfutter beigemischt – vor allem Hundekonserven. Der Anteil beträgt hier etwa fünf Prozent, variiert aber je nach Art und Alter des Hundes, für den das Futter bestimmt ist. «Der Zusatz ist wichtig für ein gesundes, glänzendes Fell», erklärt van Vuure. Haustiere hätten einen natürlichen Bedarf am Proteinbestandteil Zystin, welches im Feder­keratin enthalten ist. Auch Kraftfutter für Nutztiere – Rinder, Kühe, Schweine und Geflügel – enthält häufig hydrolysiertes Federmehl, jedoch nur auf anderen Kontinenten. In der EU und in der Schweiz ist die Beimischung nicht zugelassen. Weiter wird das verarbeitete Federmehl an Zuchtfische verfüttert, vor allem an Lachse. Dem Fischfutter können bis zu 15 Prozent zugefügt werden. Und auch als organischer Pflanzendünger sei das Produkt sehr nützlich, sagt die Fachfrau:

«Es trägt zur Fruchtbarkeit der Ackerböden bei und fördert die nützlichen Mikroorganismen.»

Neben der Tierfutter- und Düngeindustrie haben auch Forscher diverser Bereiche den günstigen, organischen Rohstoff im Blickfeld. In der Schweiz macht zum Beispiel das Plastics Innovation Competence Center in Freiburg Versuche mit Hühnerfedern. Institutsleiter Rudolf Koopmans möchte daraus Kunststoffe herstellen, die wiederverwertbar und organisch abbaubar sind. Sie könnten etwa anstelle der Alufolien in Getränkekartons verwendet werden. Diese dichten die Verpackungen ab, damit sie geeignet sind für Flüssigkeiten. Getränkekartons können zwar bereits rezykliert werden, jedoch gelangt dabei nur der Karton in die Wiederverwertung. Weil die Alufolie mit einer Plastikfolie verklebt ist und nicht in Reinform vorliegt, wird sie verbrannt und taugt nur noch als Energieträger in Zementwerken.

Der Preis muss sinken

Koopmans und sein Team möchten nun ein einheitliches Material entwickeln, dass gänzlich wiederverwertet werden kann. Weiter kann er sich vorstellen, dass Federkreatin zu Kunststofffasern verarbeitet werden kann, die für medizinische Pflaster verwendet werden oder als Überzug von Papierbechern. Die Entwicklung brauche aber noch Zeit, betont der Forscher. Und damit die Produkte markttauglich werden, müsse vor allem der Preis drastisch sinken.

Koopmans befasst sich schon viele Jahre mit Kunststoffen. «Es handelt sich um geniale Materialien», betont der Wissenschafter. «Wenn man die erdölbasierten Kunststoffe aber achtlos wegwirft und sie in die Natur gelangen, entstehen ökologische Probleme.» Mit seinen gut 20 Mitarbeitenden hat er sich deshalb zum Ziel gesetzt, Plastik aus verschiedenen natürlichen Materialien herzustellen, etwa für die Verpackung von Nahrungsmitteln. Sie sollen rezyklierbar sein.

Kunststoffe, Kleider und Treibstoff

Auch in ausländischen Labors wird emsig an Anwendungsmöglichkeiten für die Verwertung der Abfallprodukte aus der Pouletmast und Eierproduktion geforscht. An der Universität Ne­braska in den USA versuchen Wissenschafter, Verbundwerkstoffe herzustellen. Die Federn sollen die Festigkeit von Kunststoffen erhöhen und gleichzeitig deren Gewicht verringern. Faserverbundkunststoffe kommen zum Beispiel bei Innenverschalungen von S-Bahnen, Schiffen, Designerstühlen oder Wasserrutschbahnen zum Einsatz.

Auch Kleider könnten künftig aus Federn hergestellt werden. Die flexible, leichte Konsistenz mit den Lufteinschlüssen wäre eine gute Voraussetzung, um Textilien ohne fossile Rohstoffe herzustellen. An weiteren Ideen für eine sinnvolle Verwertung von Kreatin mangelt es nicht: Forscher möchten daraus Biodiesel herstellen, Filter, die Chemikalien aus Abwassern entfernen, oder Imprägnationsmittel für Baumwollstoffe, um sie feuerfest zu machen. Bei den rund 45 Milliarden Hühnern, die weltweit jedes Jahr geschlachtet werden, wären wohl genug Federn für diverse Anwendungen vorhanden.

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