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Weniger ist mehr: Warum sich immer mehr Menschen dem Überfluss verweigern

Unsere Gesellschaft ist so reich wie nie, doch viele Leute trachten danach, ihren Besitz zu reduzieren. Sie fasten, legen das Handy weg oder tragen ein Jahr lang das gleiche Kleid. Was das über den Zeitgeist aussagt.
Melissa Müller
Wozu viele Kleider im Schrank hängen haben, wenn ein einziges Stück einen durchs Jahr bringt?

Wozu viele Kleider im Schrank hängen haben, wenn ein einziges Stück einen durchs Jahr bringt?

Die Fastenzeit ist die Zeit des besseren Ichs. Ein Klassiker ist der Verzicht auf Alkohol. Doch auch die nüchternsten Menschen sehnen sich irgendwann wieder nach rauschartigen Zuständen. Eine Ekstase ohne Kater am Morgen danach – das versprechen etwa die «Kakaozeremonien», die in Zürich am Aufkommen sind.

Die Gruppe «Somos Organicos» veranstaltet solche alkoholfreien Partys im Volkshaus. Für 50 Franken ist man dabei: Die Helfer schenken hochdosierten, rohbelassenen Kakao aus. Die Teilnehmer warten auf dem Boden sitzend, bis jeder einen Becher hat. Erst dann wird der Kakao mit einem «Om» begrüsst – dem Wort, das bei den Hinduisten als Urklang des Universums gilt. Nun darf man das bittere, ungezuckerte Gebräu trinken. Es soll stimulierend wirken durch den Inhaltsstoff Theobromin.

«Der Kakao öffnet die Herzen», sagt Veranstalter Beat Nydegger. Er will das Publikum mit monotonen Rhythmen auf eine «innere Reise» mitnehmen. Man soll tanzend aus der «Wolke des Alltags» treten, seine «kriegerische Energie» hinauslassen. «Das wird intensiviert durch den Kakao», sagt Nydegger. ­Betrunkene werden nicht reingelassen.

In der Fastenzeit probieren viele eine Kur

Wer auf Alkohol oder Fleisch verzichtet, gilt längst nicht mehr als Sonderling. Wir sind mitten in der Fastenzeit – was manche zum Anlass nehmen, keinen Zucker zu essen oder auch mal eine Fastenkur zu probieren. «Fasten ist mehr als nicht essen», meint Ursula Popp, die im Lassalle-Haus oberhalb von Zug Fastenkurse leitet.

«Fasten ist ein bewusstes Abstandnehmen und Neuüberdenken, was ich wirklich brauche.»

So gehe man erleichtert, klarer und selbstbestimmter zurück in den Alltag. Nach der Kur schmeckt man das Essen intensiver, schätzt es wieder. So schreibt auch der Philosoph Wilhelm Schmid:

«Ein erfülltes Leben besteht darin, nicht immer zu geniessen, sondern auch genussfreie Zeiten gut zu bewältigen.»

Wird der Genuss übertrieben, fühle er sich schal an; das führe zur Suche nach immer stärkeren Reizen.

Besitz belastet

Manche verordnen sich eine Pause von sozialen Netzwerken. Die anderen nehmen sich die Ratgeber der Japanerin Marie Kondo zu Herzen, die eine regelrechte Ordnungshysterie ausgelöst hat. Die Botschaft: Wer seine Wohnung aufräumt, bringt auch sein Leben in Ordnung. 10' 000 Dinge, sagt die Statistik, habe der Durchschnittseuropäer in seinem Besitz.

Da sammelt sich viel Kitsch und Unnötiges an. Besitztümer, die auch belasten. Denn jedes Ding hat einen Aufforderungscharakter. Die Vase will abgestaubt, das Auto repariert, getankt und geputzt werden. Das Handy erfordert, dass man Apps herunterlädt. «Besitz ist ambivalent; er entlastet und belastet zugleich», sagt Philosoph Philipp Tingler.

Marie Kondo scheffelt Millionen

Die Luzerner «Öko-Influencerin» Zippora Marti, 25, trug ein Jahr lang dasselbe schwarze Kleid – und postete jeden Tag ein Bild von sich. Den meisten Mitmenschen fiel nicht auf, dass sie stets gleich gekleidet war. Ihre Erkenntnis nach der Klamotten-Diät:

«Niemand interessiert sich so sehr dafür, was du anhast, wie du selbst.»

Der Anti-Kommerz eröffnet auch neue Geschäftsmodelle, an denen sich viele eine goldene Nase verdienen wollen. Aufräumkönigin Kondo scheffelt Millionen; und immer mehr professionelle Aufräumerinnen bieten im Zuge der «Kondoisierung» ihre Dienste an. Brockenhäuser werden von Entrümpelungswütigen überrannt.

Es ist paradox: Unsere Gesellschaft ist so reich wie nie, doch ­immer mehr Leute trachten danach, ihren Besitz zu reduzieren. «Weniger ist mehr», ist die neue Lebensformel. Mit missionarischem Eifer erzählen Kondo-Fans, wie sie jetzt ihre Socken zusammenlegen. «Die vielen Schubladen-Bekenntnisse, Schrank-Schamgebiete und Kommoden-Offenbarungen zeugen davon, wie allgegenwärtig Selbstoptimierungs­zwänge geworden sind», schreibt die «Zeit». Und der Rückzug in die eigenen vier Wände führe dazu, dass man sich nicht mit anstrengenden realen Problemen wie Brexit oder Klimawandel herumwälzen müsse. Je unübersichtlicher die Welt um uns herum ist, desto grösser die Sehnsucht nach Einfachheit.

«Opulenz macht keinen Spass mehr»

Das sieht Trendforscher Matthias Horx etwas anders. «Alles nutzt sich eben ab, am Ende macht Opulenz keinen Spass mehr, sondern nur Kopfweh», sagt er. «Deshalb kehren alle Überflusskulturen irgendwann wieder zur Askese zurück. Es geht immer um eine geistige und auch psychische Klärung.» Deshalb seien die aufgeräumten Wohnungen und schlichten Designs das Resultat eines gebildeten Wohlstandes. «Im Verzicht liegt auch eine Erfahrung von Selbstwirksamkeit – man ist nicht seinen eigenen Süchten ausgeliefert, und das Leben wird ent-kompliziert.»

Ist der Minimalismus mehr als eine Mode? Gut möglich, dass die Wände bald wieder mit Bildern volltapeziert werden, dass pompöse Rüschenkleider getragen werden und man sich den Bauch vollschlägt mit Essen, das vor Fett trieft. Auf jeden Trend folgt schliesslich ein Gegentrend.

Fasten macht glücklich

Das Fasten soll den Körper von Fettdepots und Schlacken befreien. Doch Studien zeigen, dass man sich nicht zu viel erhoffen sollte. Aber dafür gibt es gesundheitliche Effekte, die noch wertvoller sind. Publiziert wurde die bisher grösste Studie zum Buchinger-Fasten. Bei dieser Methode werden die Teilnehmer zwar nicht ganz auf Nulldiät gesetzt. Erlaubt sind 200 bis 250 Kcal in Form von Gemüsebrühe, Säften und Tee. Zudem müssen die Fastenden noch diverse Darmreinigungen hinter sich bringen. Bei der Auswertung der Studie zeigte sich, dass sich die Fastenkur vor allem auf den Stoffwechsel der Probanden auswirkte. Ihre Kohlehydratspeicher leerten sich, und stattdessen trat mehr und mehr die Energiegewinnung aus Fetten in den Vordergrund. In der Folge sanken die Zucker- und Cholesterinwerte im Blut, während die Ketone deutlich zunahmen. Letztere werden beim Fettstoffwechsel gebildet und liefern nicht nur Energie, sondern wirken auch direkt auf den Organismus, auch auf das Gehirn.

Mittlerweile werden Ketone im Hinblick auf die Therapie von Alzheimer und Depressionen diskutiert. Es verwundert daher nicht, dass es den Überlinger Test-Fastern auch psychisch immer besser ging. 93 Prozent fühlten sich deutlich stabiler und ausgeglichener als vorher; und sie verspürten keinen Hunger. Möglicherweise macht Fasten aber auch deshalb so gute Laune, weil man danach weniger Schmerzen und andere Beschwerden spürt. Was zu früheren Studien passt, wonach Fasten entzündungshemmend wirkt. Stimmungsaufhellend für die Probanden wirkte aber sicherlich auch, dass sie deutlich abspeckten. Um durchschnittlich 3,2 Kilogramm nach fünf Tagen und 8,6 Kilogramm nach 20 Tagen Fastenkur. Buchinger senkt zudem offenbar langfristig den Bluthochdruck. Ob Fasten allerdings den Körper ­entgiftet, ist mehr als fragwürdig. Denn der nutzt seine Fettdepots nicht nur als wärmende Energiequelle, sondern auch als Speicher von Giften, die logischerweise wieder zurück in den Organismus gelangen, sofern die Depots abgespeckt werden. (zit)

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