Weltsand im Schrank

Veronika Geyer sammelt vieles. Vor allem Sand aus aller Welt, den sie nach Kontinenten geordnet im Schrank aufbewahrt. Aber auch Bücher, Engel oder Postkarten. Porträt einer Frau, die von ihrem Chef als universaler Mensch bezeichnet wird. Und die sich dennoch bald von allem trennen will. Valeria Heintges

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Veronika Geyer, die als Inspizientin im Theater St. Gallen arbeitet, hat Sand aus aller Welt auf ihren Reisen gesammelt oder sich von Freunden mitbringen lassen. (Bild: Urs Bucher)

Veronika Geyer, die als Inspizientin im Theater St. Gallen arbeitet, hat Sand aus aller Welt auf ihren Reisen gesammelt oder sich von Freunden mitbringen lassen. (Bild: Urs Bucher)

In Veronika Geyers Schrank kann man sehr geordnet um die Welt reisen: Oben links ist Afrika, oben rechts die Südsee, Australien und Neuseeland, darunter Asien, dann zwei Fächer Europa und ganz unten die beiden Amerika.

Veronika Geyer sammelt Sand aus der ganzen Welt. Weissen, gelben, roten, grünen, braunen, schwarzen Sand und alle Töne dazwischen. Fein, grob, beinahe schon Kiesel – alles ist dabei. 272 verschiedene Sandarten von 272 verschiedenen Fundorten verzeichnet die akribisch geführte Computerliste – aber es sind mehr, denn die neusten Mitbringsel ihrer Freunde hat die 49-Jährige noch nicht erfasst.

272 Flaschen mit Sand

Fein säuberlich stehen die 272 Gläschen nebeneinander, ein jedes mit schwarzem Schraubverschluss und Etikett. Dazwischen häufen sich kleine und grosse Muscheln und Steine, an der Rückwand kleben zwei Seesterne. Auf den Etiketten sind der genaue Fundort und eine Nummer verzeichnet, die mit der Liste im Computer übereinstimmt. Manchmal hat Veronika Geyer einen Stern oder ein Herzchen dazugeklebt. Herzchensand entstammt ausgefallenen Orten wie dem Washington Square in New York oder dem Drehort der Fernsehserie «Bonanza» in Nevada; «Herzchensand ist vor allem für Kinder interessant», sagt Veronika Geyer. Sternensand hingegen fasziniere Erwachsene. Er ist zum Beispiel kupferhaltig und grün, wie der von den Torres Verdas in Portugal. Oder ganz schwarz, wie auf Big Island, Hawaii.

Aber Schwarz ist nicht gleich Schwarz. Der Big-Island-Sand glitzert, der von Porto de Santiago auf Teneriffa nicht. Vorsichtig bewegt Veronika Geyer die Fläschchen hin und her, dass der Sand rieseln kann. «Das ist wunder-unglaublich schön», sagt sie begeistert, und ihre blaugrünen Augen leuchten unter den braunen Locken. Ohne Hast breitet sie ihre Sammlung aus, dreht hier eine Flasche mit feinem rotem, dort eine mit grobem buntem Sand. «Ich fühle den Sand so gern», sagt sie, schraubt resolut ein Glas auf, streut den Sand auf ihre Handfläche und reibt ihn mit dem Zeigefinger. «Sehen Sie mal, der hier, so schön, so fein.» Sie schaut auf: «Ich kann ihn immer wieder anschauen, fühlen, riechen.»

Dann stösst sie auf eine besondere Probe: «Afrika, Mombasa, Diane Beach» steht darauf. Und die Zahl 1. Denn mit diesem feinen, weissen Sand fing alles an. Sie bekam ihn als zehnjähriges Mädchen geschenkt. «Der Anfang ist ja immer schleichend», erklärt Veronika Geyer.

Irgendwann hatte sie Freunde, die auf Reisen gingen, gebeten, ihr Sand mitzubringen. Auch sie selbst begann zu sammeln. Heute weiss sie oft nicht, ob sie den Sand selbst gefunden hat oder nicht. «Das ist mir nicht wichtig.» Sie ist herumgekommen, auf Reisen, aber auch beruflich: Anderthalb Jahre arbeitete sie im Duty-Free-Shop auf einem Kreuzfahrtschiff.

Dann aber wurde der anfangs noch leise Lockruf des Theaters immer lauter, Veronika Geyer ging wieder an Land, sang im Theaterchor, arbeitete fünf Jahre als Souffleuse, später als Inspizientin am heimischen Theater Ulm, steuerte sozusagen am Abend auf der Kommandobrücke den Ablauf der Inszenierungen.

Mutter will alles wegschmeissen

Dann kam das Angebot, als Regieassistentin und Inspizientin ans St. Galler Theater zu wechseln – und hier wäre sie beinahe ohne ihre Sandsammlung angekommen. «Meine Mutter fand, ich sollte den Keller aufräumen und den Sand wegschmeissen», erzählt Geyer. Damals lagerte der noch in alten Babynahrungsgläschen, abgedeckt mit einem Stück Stoff. Als ihre Schwester von den Entsorgungsplänen hörte, war sie entsetzt – Veronika Geyer behielt ihre feinkörnigen Souvenirs. «Ich bin riesig froh darüber», sagt sie heute.

Und so landete Veronika Geyer vor zehn Jahren mitsamt ihrer Sandsammlung in St. Gallen. Und da lebt sie heute noch, mit drei Wellensittichen – Kukident, Peer Salat und Napoleon –, unzähligen, von der Lesewut ihrer Besitzerin gezeichneten Büchern, einem schwarzen Konzertflügel, Dutzenden weissen Engeln, die auf den Schränken hocken, Ferienfotos, die noch immer von Reisen um die ganze Welt zeugen. Sogar die Wände des Klos sind bedeckt von Postkarten.

Wer Veronika Geyer nur als Sammlerin sieht, tut ihr Unrecht. «Veronika ist ein im besten Sinn universaler Mensch», sagt Tim Kramer, als Schauspieldirektor des Theaters St. Gallen einer ihrer Chefs, «am liebsten würde sie alle Funktionen im Theater selber übernehmen, natürlich alle Rollen spielen, die Musik machen, den Spielplan gestalten, und auch die Sonderaufgaben übernehmen.» Einige Sonderaufgaben hat Veronika Geyer schon. Im Krankenhaus lernte sie ihre Bettnachbarin kennen, eine Bäuerin aus Lömmenschwil. Von ihr lieh sie sich eine Ziege für eine Inszenierung aus, und von ihr übernimmt sie regelmässig Eier, die sie im Theater verkauft. So erinnere sie die jungen Schauspieler daran, «dass es auch ausserhalb des Theaters ein (glückliches) Leben gibt», wie sich Kramer ausdrückt. Er lobt auch ihr «grosses soziales Engagement und Bewusstsein».

Veronika Geyer ist ein liebevoller Mensch. Und selbstironisch nimmt sie das Klischee des geizigen Schwaben auf, wenn sie erklärt: «Was wollen Sie? Ich bin Schwäbin, ich sammle Sand, weil der nichts kostet.» Dass ein riesiges Bild mit Engeln beim Picknick eine Wand ziert, erklärt sie so: «Das stand am Strassenrand, das konnte ich nicht stehenlassen. Die Engel taten mir leid.»

Loslassen für Kambodscha

Dennoch wird sich Veronika bald von ihren Sammlerstücken trennen: Ab Sommer 2013 arbeitet sie in der Entwicklungshilfe, baut in Kambodscha eine Schule auf. Ihre Habseligkeiten werden eingelagert, für ihre Wellensittiche sucht sie einen lieben Pfleger. «Ich weiss meine Sammlungen zu schätzen», sagt sie, «aber ich muss sie auch loslassen können.» Eines Tages wird sie nach Europa zurückkommen – mit Sand aus Kambodscha im Gepäck.

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