Weiten des Nordens, Minuten mit Chopin

«Nordwärts» führten die Hörwege im Tonhallekonzert am Freitag in der Tonhalle St.Gallen unter der Leitung von Modestas Pitrenas. Heute ist das Programm mit Werken von Leifs, Grieg und Sibelius ein weiteres Mal zu hören.

Bettina Kugler
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Nikolai Demidenko

Nikolai Demidenko

Dies ist ein Artikel der« Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Die letzte Minute ist längst schon vorbei, da gibt es gut zwanzig weitere als Nachspielzeit. Und Nikolai Demidenko nimmt sie sportlich elegant, zumal er mit Frédéric Chopin ohnehin seit langem auf freundschaftlichem Fuss steht. Zahlreiche Chopin-Aufnahmen des russischen Pianisten lassen im Late-Night-Extra «Hörwege!» im Anschluss an das Tonhallekonzert einen Interpreten in Bestform erwarten.

Bereits zuvor, in der regulären Spielzeit mit dem Sinfonieorchester St. Gallen, ist man ihm in Griegs Klavierkonzert a-Moll begeistert nordwärts gefolgt. Als kurze Nummer für das Schaulaufen dann passt Chopins Minutenwalzer natürlich hervorragend. Aber auch wenn er mehr als eine Minute dauert: Er füllt noch kein Kurzprogramm. So war er nur die Zugabe der Zugabe, zum Rondo c-Moll op.1 und der Polonaise-Fantaisie As-Dur op.61. Das Dableiben lohnte sich wahrlich.

Romantiker mit an Bach geschulter Klarheit

Demidenko spielte Chopin so klar und luzide wie Grieg; Romantik ist für ihn, das war deutlich zu hören, nicht die Epoche wabernder Gefühle und kleiner Harmlosigkeiten für den Salon, sondern einer ernsthaften Weiterentwicklung der Musik – auf den Schultern der grossen Vorgänger, allen voran Johann Sebastian Bachs, mit dem Demidenko sich ebenfalls intensiv befasst.

Seine Interpretation des Klavierkonzerts a-Moll verband Intimität und präzise Ausgefeiltheit mit grosser Kraft und Energie – ohne dabei je die Feinstrukturen aus dem Blick zu verlieren. In dieser Auffassung hat er in Modestas Pitrenas einen zuverlässigen Mitstreiter – und im Sinfonieorchester St.Gallen einen beflügelten Partner. Dies umso mehr, als das Konzert auch für das Orchester und seine Bläsersolisten reichlich Schönheiten zu bieten hat.

Ebenso die Zweite von Sibelius, sein helles, warmgetöntes Werk, gar nicht so nordisch kühl, doch in melodische Weiten führend und dabei so dicht in seinem Spiel mit wiederkehrenden Motiven. Souverän hat Pitrenas hier die Fäden in der Hand – auch in Jón Leifs Elegie op. 53, dem flächig ruhigen Eingangsstück. Was nicht heisst, dass ihn das Glück des Zusammenwirkens im Moment kalt liesse.

Zweite Aufführung heute Sonntag, 10. Februar, 17 Uhr, Tonhalle St.Gallen