Wetter
Weisse Weihnachten, wie wir sie kannten – oder wie war das?

Schon wieder keine romantischen, verschneiten Festtage im Flachland. Früher war das anders. Oder sind «White Christmas» doch einfach nur Illusion?

Lorenzo Berardelli
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Überall ertönt es: «Leise rieselt der Schnee.» Mariah Carey posiert in ihrem poppigen Musikvideo zu «All I want for christmas is you» lasziv verspielt im Schnee, «Wham!» trällert ihren Ohrwurm «Last Christmas» im weissen Saas-Fee und bei den obligaten Coca-Cola-Clips schneit es sowieso alle Jahre wieder. Die Botschaft ist klar: Schnee gehört zu Weihnachten wie die Kugeln an und Geschenke unter den Baum. Aber wo ist er denn jetzt, der Schnee? Kein Flöckchen weit und breit. Spielt das Wetter total verrückt oder sind weisse Weihnachten ein Hirngespinst?

Tauwetter vermiest die Festtage

Nichts, kein bisschen Schnee im Flachland. So sieht es heute und so sah es hierzulande zur Weihnachtszeit auch in der Vergangenheit meistens aus. Normalerweise sind die Tage um Weihnachten herum einfach nur milde und nass. Das beweist auch die Statistik. «Die überwiegend grünen Weihnachten in tiefen Lagen hängen mit dem berühmten ‹Weihnachts-Tauwetter› zusammen», erklärt der Klimatologe Stephan Bader von Meteo Schweiz die ernüchternde Tatsache, dass weisse Weihnachten in unseren Breiten schon immer zur Seltenheit gehörten.

Denn kurz vor Weihnachten wird häufig ein Einbruch von warmen und meist feuchten Luftmassen, die aus Westen oder Südwesten kommen, beobachtet. Und er schildert die unvermeidliche Folge: «Diese bringen eine allfällig in der ersten Dezemberhälfte entstandenen Schneedecke bis Weihnachten zum Verschwinden.» Weihnachtlich weiss war es letztmals in Zürich am ersten und zweiten Weihnachtstag vor fünf Jahren, genauso in Bern und Basel, wenn man das Schäumchen Weiss vom 26. Dezember vor einem Jahr in Bern ausklammert. Noch mehr Beweise gefällig?

Dass es an allen drei Weihnachtstagen weiss war, liegt in Bern sieben, in Zürich zwölf und in Basel ja sogar 29 Jahre zurück. Untersuchungen von 1931 bis 2014 zeigen, dass «Frau Holle» in Bern 25, in Zürich 24 und in Basel nur 14 Prozent der Jahre für Schnee an allen drei Weihnachtstagen sorgte. Und an einem Tag? In den vergangenen 84 Jahren gab es in Bern nur in 40 Prozent und in Zürich in 42 Prozent der Jahre an mindestens einem der Weihnachtstage mindestens 1 cm Schnee.

Weisse Illusion

Ältere Generationen erzählen doch, dass weisse Weihnachten früher normal waren. Das stimmt nicht. Auch damals war es am 24., 25. und 26. Dezember oft grün im Flachland. Unsere Grosis und Grosspapis erinnern sich zwar berechtigt an besonders kalte Winter, jedoch schneite es auch damals vor allem im Januar – dem klimatisch gesehen kältesten Monat im Jahr – und nicht etwa zur Weihnachtszeit. Unsere Grafik veranschaulicht die Entwicklung der letzten Dekaden. So gab es zum Beispiel in Zürich von 1941 bis 1949 keinen einzigen verschneiten Weihnachtstag und auch in Bern war zwischen 1941 und 1946 nichts zu melden. Das heisst: Mild, grau und schneelos ist das eigentliche Weihnachts-Wetter. Doch warum meinen denn alle, dass es früher für gewöhnlich an Weihnachten schneite?

Die schönen Erinnerungen an die immerwährende weisse Weihnachtszeit scheinen noch ganz klar zu sein, als ob es gestern war. Während man drinnen in der Wärme die Geschenke auspackte, war draussen alles in eine weiss glitzernde Decke gehüllt. Doch das Gedächtnis spielt den Menschen einen Streich. «Erinnerungen sind die hinfälligen, aber machtvollen Produkte dessen, was wir aus der Vergangenheit behalten, über die Gegenwart glauben und von der Zukunft erwarten», bringt es der US-Neuropsychologe Daniel L. Schacter in seinem Buch «Wir sind Erinnerung» auf den Punkt.

Das Gehirn verwirft belanglose Erinnerungen und klammert sich an den speziellen, besonders schönen und imposanten Momenten fest: Wer auf dem Weg zum Weihnachtsessen bei den Grosseltern mit dem Schlitten durch den Tiefschnee gezogen wurde und neben «Wiehnachtsguetzli» auch Schneeflocken von der Hand genüsslich vertilgte, registriert diese besonderen Erlebnisse eher als Referenzbild für Weihnachten als einen hundskommunen milden, grünen Weihnachtstag.

Dazu kommt: Je älter unsere Erinnerungen sind, desto mehr idealisieren wir sie. Aus einer weissen Weihnacht werden viele weisse Weihnachten. Und das ist erst der Anfang: Filme, Lieder, Karten und Werbung verheiraten Weihnachten und Schnee wie Strand und Sonne. So mixt sich die vorgegaukelte Scheinwirklichkeit mit den eigenen Erinnerungen. Das Resultat: Die süssgebackene «Idée fixe» landet im kollektiven Gedächtnis.

Schäumchen bleibt Träumchen

«Ich träume von einer weissen Weihnacht» und «Mögen eure Tage fröhlich und hell sein und alle künftigen Weihnachtsfeste weiss», heisst es im Song «White Christmas». Aber die Träumer werden nicht nur diese Weihnachten, sondern auch künftig enttäuscht. Wegen der Klimaerwärmung. «Mit der erwarteten weiteren Erwärmung der Wintermonate und dem damit verbundenen Anstieg der Schneefallgrenze ist auch zu rechnen, dass im Flachland das Potenzial für weisse Weihnachten abnehmen wird», sagt Experte Bader.

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