Weisse Rose
Hitlers «Blutrichter» Roland Freisler machte kurzen Prozess

Vier Tage nach der Verhaftung von Sophie und Hans Scholl am 18. Februar 1943 fand der Prozess vor dem Volksgerichtshof statt. Mit den Geschwistern Scholl wurde Christoph Probst angeklagt und zum Tode verurteilt. In einem zweiten Prozess im April 1943 wurden Professor Kurt Huber, Alexander Schmorell und Willi Graf zum Tod verurteilt und später hingerichtet.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Roland Freisler (Mitte), der Präsident des Volksgerichtshofs, anlässlich des Prozesses gegen die Verschwörer des 20. Juli 1944. Links ist Beisitzer General Reinecke, rechts Justizrat Lemmle.

Roland Freisler (Mitte), der Präsident des Volksgerichtshofs, anlässlich des Prozesses gegen die Verschwörer des 20. Juli 1944. Links ist Beisitzer General Reinecke, rechts Justizrat Lemmle.

chronos/ullstein

Um 12.45 Uhr an diesem Montag des 22. Februars 1943 verkündete der Präsident des Volksgerichtshofs Roland Freisler das Todesurteil über die drei Angeklagten Sophie und Hans Scholl sowie Mitstudent Christoph Probst nach dreistündiger Verhandlung: Tod durch das Fallbeil wegen «Wehrkraftzersetzung», «Feindbegünstigung» und «Vorbereitung zum Hochverrat». Ein Gnaden­gesuch der Eltern Scholl wurde ab­gelehnt. Vier Stunden nach der Verhandlung wurde das Urteil vollstreckt.

«Die Angeklagten haben im Kriege in Flugblättern zur Sabotage der Rüstung und zum Sturz der nationalsozialistischen Lebensform unseres Volkes aufgerufen, defaitistische Gedanken propagiert und den Führer aufs gemeinste beschimpft und dadurch den Feind des Reiches begünstigt und unsere Wehrkraft zersetzt. Sie werden deshalb mit dem Tode bestraft. Ihre Bürgerehre haben sie für immer verwirkt.»

Der Volksgerichtshof wurde 1934 auf Befehl Hitlers zur Aburteilung von Landes- und Hochverrat gegründet, weil sich der Diktator über seiner Ansicht nach zu milde Urteile gegen NS-Gegner der freien Justiz geärgert hatte. Der Volksgerichtshof wurde das formal höchste Gericht im NS-Staat.

An diesem Montag im Februar 1943 reiste das Richtergremium für den Schauprozess gegen die Akteure der «Weissen Rose» extra von Berlin nach München. Der fanatische National­sozialist Roland Freisler, von Hitler 1942 zum Präsidenten des Volks­gerichtshofs ernannt, machte mit den Studenten kurzen Prozess. Im mit ausgesuchtem linientreuen Publikum voll besetzen Münchner Justizpalast setzte Hitlers berüchtigtster Richter auf seine perfide Prozessführung: Die Angeklagten sollten erniedrigt und verängstigt werden, Freisler fiel den Angeklagten ins Wort und brüllte sie an. Den Geschwistern Scholl und Christoph Probst standen lediglich Pflichtverteidiger zur Seite, Zeugen wurden nicht angehört. Der Volksgerichtshof urteilte in erster und letzter Instanz, Rechtsmittel gegen seine Urteile gab es keine.

Die Angeklagten bewahrten Haltung

Ein Zeuge des Prozesses beschrieb später, wie Freisler die Geschwister Scholl und Christoph Probst «immer wieder als eine Mischung von Dümmlingen und Kriminellen hinzustellen» versuchte. Die Eltern der Geschwister Scholl, die während der Verhandlung in den Gerichtssaal drängten, liess er hinausschaffen.

Zum Ärger des «Blutrichters», wie Freisler selbst in NS-Kreisen genannt worden war, behielten die Angeklagten Haltung. «Was wir sagten und schrieben», soll Sophie Scholl gesagt haben, «denken ja so viele.» Und Hans Scholl soll gerufen haben: «Heute hängt ihr uns – morgen werdet ihr es sein!»

Freisler wollte Hitler unbedingt gefallen, der Diktator vertraute seinem 1893 in Celle geborenen Gesetzesvollstrecker («Der Freisler wird das richten»), doch in den inneren Zirkel soll er den Juristen nie vorgelassen haben.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 begann Freislers rasanter Aufstieg. 1942 war der Jurist Teilnehmer der «Wannsee-Konferenz» bei Berlin, wo unter dem Vorsitz von SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich die «Endlösung der Judenfrage» beschlossen worden war. 1942 stieg er als Präsident des Volksgerichtshofes endgültig zu Hitlers willfährigstem Richter auf. Keiner verhängte mehr Todesurteile als Freisler, der etwa 2600 Menschen in den Tod schickte. Freisler kam bei schweren US-Luftangriffen auf Berlin im Februar 1945 ums Leben.