Natur
Unbefleckte Empfängnis: Diese Tiere brauchen keinen Mann

Hai, Waren, Kondor - bei diversen Tieren kann das Weibchen ganze alleine Nachwuchs zeugen. Ganz unnütz sind die Männchen dennoch nicht.

Roland Knauer
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Bei Haien wurde Jungfernzeugung in Gefangenschaft beobachtet.
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Auch die Python-Mutter kann alleine Nachwuchs zeugen - allerdings nur Söhne.
Bei den Komodowaranen ist Jungfernzeugung sinnvoll, wenn ein Weibchen auf einer einsamen Insel strandet.

Bei Haien wurde Jungfernzeugung in Gefangenschaft beobachtet.

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Der Hinweis auf den Stall von Bethlehem klingt beim Blick auf die meist winzig kleinen, kugeligen und gut gepanzerten Hornmilben doch ziemlich weit hergeholt. Und doch gibt es einen Zusammenhang: Drei bis vier Prozent der weltweit etwa zehntausend Hornmilben-Arten verzichten bei ihrer Familienplanung auf männliche Schützenhilfe und bekommen trotzdem Nachwuchs.

«Parthenogenese» nennen Forscher wie der Bodenökologe Stefan Scheu von der Universität Göttingen diesen gemeinhin als Jungfernzeugung bekannten Vorgang: Neben 300 bis 400 Hornmilben-Arten gibt es etliche weitere Tiergruppen, bei denen die Weibchen die Fortpflanzung allein in die Hand nehmen. «Bei Springschwänzen und Blattläusen, bei Fadenwürmern und Regenwürmern, bei Wimpertierchen, einzelligen Algen und Amöben gibt es ebenfalls Parthenogenese», erklärt Stefan Scheu.

Auch bei grossen Tieren gibt es einige wenige Beispiele für Nachwuchs, der keinen biologischen Vater hat. Allerdings gab es bei Haien und Geckos, Pythons und Puten sicher nachgewiesene Jungfernzeugungen nur dann, wenn von Menschen gehaltene Weibchen keinerlei Männerbekanntschaft machen konnten.

Die Jungfern-Echsenmütter können nur Söhne zeugen

Besonders spektakulär sind die Jungfernzeugungen bei Komodowaranen, die drei Meter lang und 70 Kilogramm schwer werden können. Ende 2005 legte das Weibchen Sungai im Londoner Zoo Eier, die nach wissenschaftlichen Untersuchungen ohne Zutun von Männchen entstanden waren. Am 20. Dezember 2006 wiederholte das Weibchen Flora in der englischen Stadt Chester das Kunststück, Mitte Mai 2007 meldete der Sedgwick County Zoo im US-Bundesstaat Kansas eine weitere Jungfernzeugung bei seinen Komodowaran-Weibchen.

Aus etlichen dieser Eier schlüpften später gesunde Jungtiere, die sich allesamt als Männchen entpuppten. Das ist nicht weiter erstaunlich: Wie alle Echsen und auch Vögel haben Komodowarane im Erbgut W- und Z-Geschlechtschromosomen. Erbt ein Tier von seinen Eltern ein W- und ein Z-Chromosom, schlüpft aus dem Ei ein Weibchen, bei zwei Z-Chromosomen gibt es ein Männchen. In der Eizelle der Mutter steckt aber nur ein einzelner Chromosomensatz, der entweder ein Z oder ein W enthält, nicht beide. Bei der Jungfernzeugung verdoppelt sich das weibliche Erbgut im Ei. Die Eier enthalten daher entweder zwei W-Chromosomen und können sich nicht weiterentwickeln. Oder in ihnen stecken zwei Z-Chromosomen, daraus schlüpft später ein Männchen.

Das ist sinnvoll: Komodowarane leben auf kleinen Inseln in Indonesien. Wird ein Weibchen bei einem Sturm auf eine Insel geschwemmt, auf der noch keine Artgenossen leben, kann es dank Jungfernzeugung Söhne haben. Mit diesen kann es sich später normal fortpflanzen, die Art so dauerhaft auf der Insel Fuss fassen.

Die Kondor-Weibchen verzichteten ohne Druck

Ähnlich bleibt auch bei Haien und Geckos, Pythons und Puten bei eklatantem Männermangel die Jungfernzeugung der letzte Strohhalm, um den Untergang der eigenen Familie abzuwenden. Allerdings ist das Fehlen potenzieller Väter wohl nicht der einzige Grund, aus dem Weibchen allein für Nachwuchs sorgen.

Beim Kalifornischen Kondor gibt es zwar auch kein Überangebot an Männchen, gerade noch 500 dieser Tiere fliegen in den Gebirgen im Westen Nordamerikas. Doch in Zuchtgehegen haben zwei Kondor-Weibchen lange Jahre mit jeweils einem Männchen zusammengelebt und diese Gelegenheit auch genutzt. Eine der Mütter hat 11, die andere sogar 23 Küken in die Welt gesetzt. Bei jeweils einem Küken aber verzichteten sie 2001 und 2009 auf die männliche Schützenhilfe: Als Wissenschafter routinemässig das Erbgut der vom Aussterben bedrohten Tiere unter die Lupe nahmen, fanden sie keinerlei Spuren einer männlichen Beteiligung. Aus welchen Gründen beiden Mütter auf die Hilfe der durchaus vorhandenen potenziellen Väter verzichtet haben, ist unbekannt.

Wieso braucht es überhaupt Männchen?

Das gilt auch für die Hornmilben, die im Boden in einer Art Schlaraffenland leben, in dem sie Nahrung im Überfluss finden. Ist es vielleicht dieser Wohlstand, der Hornmilben auf die Schützenhilfe der Männchen verzichten lässt? Stefan Scheu nickt zögernd: «Weshalb so viele Hornmilben-Arten auf Männchen verzichten und auf die Jungfernzeugung setzen, wissen wir bisher nicht sicher», erklärt der Bodenökologe. «Es könnte aber tatsächlich mit dem hohen Angebot an Nahrung zusammenhängen.»

Vielleicht sollte die Frage anders gestellt werden: Weshalb verzichten nicht noch viel mehr Arten auf Männchen, wenn es doch offensichtlich auch ohne das «starke» Geschlecht geht? Schliesslich sind Männchen ein ziemlich teurer Luxus. Gibt es doch bei vielen Arten ähnlich viele Tiere von beiden Geschlechtern. Die Männchen fressen den Weibchen die Hälfte der vorhandenen Nahrung weg. Ohne Männchen könnten die Weibchen sich sogar effektiver vermehren, weil sie doppelt so viele weibliche Nachkommen bekommen könnten.

Männchen sind gut für die Gesundheit

Wären Männchen aber nur ein teurer und gleichzeitig nutzloser Luxus, hätte die Evolution sie längst wegrationalisiert. Die Männchen müssen also für irgendetwas nützlich sein. Eine Vermutung zielt auf die Abwehr von Krankheitserregern, von denen immer wieder neue Typen auftauchen und die Abwehrkräfte des Körpers auf eine harte Probe stellen. Braucht es zwei Geschlechter zur Vermehrung, können die Partner ihr Erbgut gut durchmischen und haben so einen recht vielfältigen Nachwuchs. Taucht ein neuer Krankheitserreger wie Sars-CoV-2 auf, könnte in dieser Vielfalt genau der Typ vorhanden sein, der diesem Widersacher Paroli bieten kann. So lautet dann auch eine gängige Theorie, weshalb Wirbeltiere und etliche andere Gruppen sich zwei Geschlechter leisten.

Werden allerdings die Ressourcen zum Beispiel in Wüstengebieten extrem knapp, könnte dieser vorbeugende Luxus in Form von Männchen doch zu teuer werden. «In den Wüsten Australiens gibt es einige Echsenarten, die auf Männchen verzichten», berichtet Stefan Scheu.

Auch der einzige bisher bei Säugetieren berichtete Fall von Jungfernzeugung liegt in einer eher trockenen Gegend. Bethlehem, wo vor 2021 Jahren die Jungfrau Maria in einem Stall Jesus zur Welt brachte, ist von kargen Wüsten umgeben.

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